Simbabwe Das Börsenrätsel von Simbabwe
Präsident Mugabe kämpft um die Macht, das Volk mit Armut und Hyperinflation – ein Ei kostet mittlerweile zehn Millionen einheimische Dollar. Gleichzeitig boomt die Börse, die Aktienkurse steigen noch schneller als die Preise.
Percy Dangaremba nimmt den Wagen, um zweimal am Tag von seinem Büro in der Samora-Machel-Straße die paar Hundert Meter hinüber zum Wirtschaftswunder zurückzulegen. Sein japanischer Mittelklassewagen weist ihn auf den Straßen Harares schon deshalb als Besserverdiener aus, weil er Benzin im Tank hat. Denn es mangelt an fast allem in Simbabwe, dem Binnenland im südlichen Afrika.
Dangaremba fährt vorbei an Menschenschlangen, die sich um Häuserecken winden. Sie enden vor Bankautomaten. Die Folge einer Hyperinflation. Offiziell liegt sie bei 100.000 Prozent im Jahr, nach Schätzungen weit darüber. Es gab Monate, da waren die Regale in den Supermärkten so leer, dass der oberste Statistiker des Landes die Waren nicht fand, die er zur Berechnung der Inflation benötigte. Als die Zentralbank im Januar einen neuen 10-Millionen-Schein in Umlauf brachte (vorsorglich nur sechs Monate gültig), war der ein Huhn wert. Heute gibt es dafür ein hart gekochtes Ei. Und weil die Regierung des derzeit ums politische Überleben kämpfenden Präsidenten Robert Mugabe verzweifelt neue, sinnlose Gesetze erlässt, um die Geldflut einzudämmen, stehen die Menschen nun vor den Bankautomaten. Seit Neuestem dürfen sie höchstens 500 Millionen Zimbabwe-Dollar pro Tag abheben. Das entsprach bei Redaktionsschluss circa 12,50 US-Dollar und reichte kaum, um einen Einkaufskorb mit Grundnahrungsmitteln zu füllen.
Dangaremba, der nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden will, fährt im Lift hinauf ins Paralleluniversum, in den vierten Stock, Union Street Nr. 101: zur Zimbabwe Stock Exchange (ZSE). In den vergangenen Jahren zählte die Börse des Landes zu den am stärksten wachsenden Börsen in Afrika und sämtlichen Schwellenländern. Selbst heute überflügelt der ZSE-Index noch die Inflation. Ende 2007 lag er bei 1,9 Milliarden Punkten – eine Steigerung von 338335 Prozent im Vergleich zum Anfang jenes Jahres. Der junge Broker Dangaremba ist optimistisch. »Es kann nur besser werden, wir werden mehr Handelsvolumen haben und mehr ausländische Investitionen.«
Wie ist eine solche Performance möglich?
Der Sturz Simbabwes ist zweifellos tief. Präsident Mugabe hat das Land heruntergewirtschaftet, die Arbeitslosenrate beträgt 80 Prozent. In der einstigen Kornkammer des südlichen Afrikas empfängt seit 2002 teilweise die Hälfte der Bevölkerung Almosen. Doch stürzte das Land von einem Niveau, das weit über dem lag, was die meisten afrikanischen Länder heute vorweisen können. Vielerorts lässt sich das erahnen: Zwar fehlt es überall an Material und Wartung, doch die Infrastruktur ist keineswegs völlig zerstört. Das betrifft die gute Ausbildung (auch wenn viele Simbabwer das Land verlassen haben), das betrifft Straßen, Krankenhäuser, Gerichte, Steuerbehörden. Und die Pensionskassen.
»Die Rentenkassen sind der Hauptgrund, warum Simbabwes Börse so lange und so gut überleben konnte«, glaubt Mark Tunmer, Geschäftsführer der in Afrika aktiven Investmentgruppe Imara. Simbabwe besitzt seit dem späten 19. Jahrhundert Rentenkassen und ist so, zusammen mit Südafrika, dem Rest des Kontinents teilweise um ein Jahrhundert voraus. Durch diese Kassen, heute sind es rund 5.000, entstand ein Pool an lokalen Spareinlagen, der in die Industrie des Landes fließen konnte.
Heute handeln in Simbabwe 15 registrierte Brokerhäuser mit Papieren von 80 notierten Unternehmen. Fünf davon kommen aus dem Bergbau, Simbabwe hat Vorkommen an Platin, Gold, Diamanten, Kohle und Erdgas. Die restlichen Werte bilden einen Querschnitt der simbabwischen Wirtschaft, von Banken über Immobilien und Landwirtschaft bis hin zu Tourismus und Zement. Gehandelt werden sie in einem langen, schmalen Raum. Darin sitzen zweimal täglich Dangaremba und zwei Dutzend weitere Händler um einen hufeisenförmigen Holztisch. Der Handel geschieht durch Zuruf, im sogenannten Open-Outcry- oder Call-over-System.
Die Rentenkassen kontrollieren nach Schätzungen 75 bis 80 Prozent der ZSE. Was sie nicht erklären, ist, warum ausländische Investoren sich vermehrt für die Anlagen interessieren, die in Zimbabwe-Dollar gehandelt werden. Und das bei Hyperinflation und Wechselkurskontrollen. Wobei der offizielle Wechselkurs am 4. April bei 30.000 Zimbabwe-Dollar zum US-Dollar lag – auf dem Schwarzmarkt bekommt man hingegen für einen US-Dollar 40 Millionen Zimbabwe-Dollar.
Die Erklärung liegt in der Aktie des Versicherungsunternehmens Old Mutual, in einem Trick. Das Unternehmen mit Hauptsitz London ist sowohl in Harare, London und Johannesburg notiert. Weil jede Aktie – wo immer auch notiert – für den gleichen Anteil am Unternehmen steht, somit im Kern gleich viel wert ist, kann, wer will, die Aktienkurse zum Beispiel von London und Harare miteinander ins Verhältnis setzen – und so eine Art Ersatzwechselkurs berechnen. Dieser quasioffizielle Kurs ist so volatil wie eine Aktie, hat aber einen gewissen Bezug zur Realität. Weil die Old-Mutual-Aktie durch ihre Mehrfachnotierung übertragbar ist, kaufen ausländische Investoren Anteile zum Beispiel in London. Dann werden sie zum Ersatzwechselkurs nach Simbabwe transferiert; jetzt ist der Weg frei, simbabwische Papiere zu kaufen. Beim Verkauf läuft das Ganze rückwärts.
Das Interesse der Investoren sei »riesig«, sagt Mark Tunmer. Als der Imara-Geschäftsführer vor drei Jahren den Imara Zimbabwe Fund auflegte, musste er nach kurzer Zeit Kunden abweisen, weil ihm das Geld schneller zuflog, als er es investieren konnte. Mittlerweile hat der Fonds ein Volumen von 24 Millionen US-Dollar. Seine Kunden sind vermögende Einzelpersonen, Hedgefonds, Afrikafonds und Emerging-Market-Fonds.
Tunmers Optimismus gründet auf der Unterbewertung vieler Unternehmen: »Nehmen Sie zum Beispiel das Hwange-Kohlebergwerk. Hwange hat in Simbabwe eine Marktkapitalisierung von vier Millionen US-Dollar. Aber der Wert eines einzigen Spezialbaggers in dem Fuhrpark liegt schon bei einer Million.« Auch Renaissance ist zuversichtlich. Die osteuropäische Gruppe, die mit aggressiven Investitionen etwa in Russland ein Vermögen aufbaute, kaufte sich 2007 in eine simbabwische Brokerfirma ein. Neil Harvey, Geschäftsführer für Afrika und selbst Simbabwer, hofft in der Zeitschrift African Business auf die guten alten Zeiten: »Noch vor zehn Jahren war Simbabwe der zweitgrößte Markt Afrikas nach Südafrika.«
Der Hoffnung im Wege steht nur noch die Gegenwart. Längst hätte der seit 28 Jahren brutal herrschende Mugabe das Ergebnis der – für ihn vermutlich verlorenen – Wahlen bekannt geben müssen, stattdessen setzt er einmal mehr auf Gewalt und Verhaftungen. Auf Willkür, die jeder besonnene ausländische Anleger zu Recht fürchtet. Miles Morland von Blakeney Management in London sieht die Simbabwe-Euphorie, die sich in manchen Finanzhäusern ausbreitet, denn auch mit Skepsis. »Ich wundere mich über die Besessenheit, mit der vor allem britische und amerikanische Investoren auf dieses Land setzen«, sagt der Direktor des auf Afrika spezialisierten Investmenthauses. Morland hält alle drei afrikanischen Länder, die bei diesen Investoren am höchsten im Kurs stehen – Simbabwe, Kenia und Südafrika –, für überbewertet. »Ich könnte über Nacht eine Milliarde US-Dollar Kapital für Simbabwe aufbringen. Für andere Länder, die wesentlich stärker wachsen, zum Beispiel Angola, interessieren sich die Investoren nicht.«
Ein Blick auf die jüngsten Prognosen der UN-Wirtschaftskommission für Afrika stützt Morlands Sicht: Dort wird Angola für dieses Jahr ein Wachstum von 21 Prozent vorausgesagt, Simbabwe hingegen ein Schrumpfen um minus 2,5 Prozent. Schlechter ist die Prognose nur noch für Somalia.
- Datum 16.04.2008 - 13:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.04.2008 Nr. 16
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