Gnarls Barkley Die spielen nurSeite 2/2
Vielleicht kommt man dieser Musik am nächsten, wenn man den Versuch, sie in der Wirklichkeit zu verorten, ganz aufgibt. Am Beginn der Samplingkultur des Hip-Hop mag die Idee gestanden haben, das afroamerikanische Erbe in eine neue Epoche zu tragen, indem man die Klangschnipsel alter Platten in neue Zusammenhänge stellte. Voraussetzung dafür war, dass es sich bei den Quellen tatsächlich noch um Schallplatten handelte, die man erst einmal finden musste, bevor sie in den Sampler eingehen konnten. Heute, wo praktisch jede Musikaufnahme sämtlicher Epochen zum umstandslosen Herunterladen bereitsteht, bleibt davon nicht viel übrig. Musik wie die von Gnarls Barkley folgt ihrer eigenen Logik. Sie versucht gar nicht mehr, etwas anderes darzustellen als eine Realität dritter und vierter Ordnung.
Ihr neues Video soll bei Jugendlichen epileptische Anfälle auslösen
Das ist ihre Stärke und ihre Schwäche zugleich. Einerseits ist sie so bunt, wie Popmusik nur sein kann: Wer das Klangarchiv zu spielen vermag wie die Traumlogik das Unbewusste, kommt immer zu interessanten Ergebnissen. Zugleich führt kein Weg mehr heraus aus dem Irrgarten der Bilder und Eindrücke, die sich in immer neuen, auch ermüdenden Varianten vor uns auftut. Und so hört man dem Treiben zu und fragt sich: Warum so? Warum nicht anders? Was wollen uns die Künstler damit sagen, wenn Cee-Lo wieder einmal das Schreckgespenst mimt, von einem Rhythmus gejagt, der klingt wie eine Panikattacke? Was soll dieses Video, in dem Szenen aus den frühen Achtzigern rekonstruiert sind, um dann doch unter Blitzen und Donnern in eine ganz andere Zeitebene zu kippen? Die Antwort ist: Nichts, die beiden wollen einfach nur spielen.
Die medizinischen Fachkräfte des britischen Fernsehens haben übrigens das Video zur Single Run aus dem Programm genommen: Es soll bei Jugendlichen epileptische Anfälle auslösen können. Die Episode illustriert treffend Glanz und Elend dieser Wunderkammer von Platte. Sie ist ein Meisterwerk des surrealen Samplingpop mit dunklen Untertönen, eine Sechziger-Revival-Platte, die paradoxerweise in keinem Augenblick retro klingt. Der Videoclip läuft mittlerweile im Nachtprogramm, eine andere Kommission hat es so entschieden. Ein Sommerhit wird kaum draus werden, denn bei Crazy war das anders . Nach neun Wochen an der Spitze der britischen Charts zogen Gnarls Barkley die Single mit großer Geste selbst aus dem Verkehr.
"The Odd Couple" von Gnarls Barkley hier geht's zur
Rezension im Tonträger-Blog »
Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf
zeit.de/musik »
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben?
Klicken Sie hier
, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.
- Datum 11.04.2008 - 14:34 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.04.2008 Nr. 16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren