Schuhmode HIGH HEELS

Rund hundert Muskeln und Sehnen setzen sich in Bewegung, 33 Gelenke und 28 Knochen ächzen unter der Last von fünfzig bis siebzig Kilogramm. Die Brust hebt sich, der Po strafft sich, die Wadenmuskeln spannen sich, dann ist der Triumph über die Schwerkraft vollbracht: Auf zwölf Zentimeter hohen Absätzen schwebt sie durchs Restaurant, über die Piazza, über den Lido oder den Laufsteg begleitet von den bewundernden Blicken der Männer und den anerkennenden der Damen. Wenn es gut läuft. Wenn sie gut läuft. Wenn Stiletto, der Gott der verflixten Dinger, sich als gnädig erweist und für stabilen irdischen Untergrund sorgt. Wenn nicht, dann versinken die zwölf Zentimeter im nassen Gras wie einst Troja im Erdboden, oder der Absatz verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen ins Trottoir. Im schlimmsten Fall bleibt das Abdeckgitter am Fuß hängen wie ein überdimensionaler Schneeschuh.

Dann wird es schwierig mit einem würdevollen Abgang, besonders wenn Sommer ist.

Klar ist: Männer würden sich das niemals freiwillig antun. Auf 2,5 bis 3 Zentimeter bringt es ein durchschnittlicher Herrenabsatz. Ab 6 Zentimetern gelten Absätze definitionsgemäß als hoch, aber wir wollen hier nicht von Backfisch-Pumps reden. Sexy wirds erst ab 10 Zentimetern, bei 12 Zentimetern beginnt die Herausforderung, und ab 15 Zentimetern taugen sie nur noch für Fotos, Fetischisten oder Fauteuils, jedenfalls eher für die Horizontale.

Hohe Absätze erfordern Körper- und Selbstbewusstsein. Und sie machen den kleinen Unterschied zwischen Mädchen und Frauen. Bei Heidi Klums Show Germanys Next Topmodel, wo die Hoffnungsträgerinnen sich wie auf Gurkenstechern über den Catwalk mühen, kann man diesen Unterschied eingehend betrachten. Nicht umsonst spricht Heidi mit subtiler Gemeinheit gerne von »den Mädchen«. Und nicht umsonst trug Carla Bruni zu ihrem artigen grauen Hütchen flache Ballerinas, als sie vergangene Woche zusammen mit dem kleinen Nick Sarkozy die Queen besuchte adieu, femme fatale, bonjour, première dame.

Sarah Jessica Parker machte in Sex and the City die legendären Manolo Blahniks als girls best friends berühmt wie einst Marilyn die Diamanten. Spätestens seitdem ist klar: Grunge is over. Hohe Absätze sind nicht im Kommen, sie sind da, in Plastik, Leder, Metall, Kork und Holz: »Wedges«, die eher gemütlichen Keilabsätze, »See-throughs«, kunstvolle Acrylskulpturen, durch die man hindurchsehen kann. Und natürlich die klassischen Stilettos, am besten Louboutins, deren Markenzeichen ihre rote Sohle ist.

Nicht nur Frauen, sondern auch Orthopäden treiben die aktuellen Frühjahrs- und Sommerkollektionen Tränen in die Augen. Hohe Schuhe, so warnen die Mediziner, kneten auf Dauer nicht nur die Füße zu unschönen Klumpen, sie schaden auch dem Rücken. Jüngste Studien ergaben zwar, dass High Heels den Beckenboden stärken, was gut für besseren Sex ist (und wenn der ausbleibt, immerhin gegen Inkontinenz), sie sollen allerdings auch schizophren machen.

Warum also tun wir Frauen uns das an? Warum lassen wir zu, dass unsere Zehen zusammengequetscht werden, dass der Spann sich zum Bersten biegt, der Ballen zur Knautschzone wird? Weil wir es können. Weil wir uns groß, schlank und elegant fühlen wollen. Weil man auf drei Zentimetern laufen, stiefeln oder den Garten umgraben kann, aber niemals schweben. Weil die Wahl zwischen Ballerina und Stiletto auch die Wahl ist zwischen Gwen Stefani und Julia Biedermann, Goldener Kamera und Oscar, zwischen Gattin und Göttin.

Ein verbreiteter Irrtum besagt, dass Frauen sich mit hochhackigen Schuhen größer machen wollten. In Wahrheit ist es so: Nur eine Frau, die groß ist, kann High Heels tragen. Äußerlichkeiten wie das Längenmaß spielen dabei keine Rolle.

Sie meinen, hohe Absätze seien in Wahrheit eine Hommage an die Männer?

Ach wo, das machen wir natürlich alles nur für uns.

 
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