Bagdad Stadt in Angst
Täglich reißen Anschläge im Irak Menschen in den Tod. Fünf Jahre nach Saddam Hussein ist Bagdad von kilometerlangen Grenzmauern durchschnitten. Wer sie passiert, riskiert sein Leben. Drei Wochen verbrachte unsere Autorin in Iraks Hauptstadt, die vom Krieg nicht loskommt
Der Irak kommt nicht zur Ruhe. Die blutigsten Anschlägen seit Wochen haben am Dienstag mehr als 60 Menschen getötet. Allein in der Provinzhauptstadt Bakuba riss ein Selbstmordattentäter mindestens 40 Menschen mit in den Tod. Mehr als 60 weitere Menschen wurden verletzt, als der Angreifer die Autobombe an einer Straßensperre zündete. Sie war vor einem Gebäudekomplex errichtet worden, in dem sich unter anderem das Gericht der Provinz Dijala sowie die Provinzverwaltung befinden. Dijala ist schon seit einigen Monaten neben Bagdad die Provinz, in der sich am häufigsten Terroranschläge ereignen.
In der westlichen Anbar-Provinz, die durch einen Pakt zwischen der US-Armee und sunnitischen Stammesführern im vergangenen Jahr sicherer geworden war, explodierte eine Autobombe vor einem Restaurant. In Mossul stürmten Terroristen ein Haus und töteten einen Mann und drei Frauen. Andernorts in der Stadt sollen Unbekannte eine Anwältin und ihre Schwester aus einem Auto heraus erschossen haben. Am Montag waren bei einem Sprengstoffanschlag mindestens zehn kurdische Soldaten getötet worden. (dpa)
Für die Fahrt vom Bagdader Flughafen in die Grüne Zone, versichert Humam Ghalib (Name geändert), ein irakischer Freund, genüge ein einfaches Kopftuch, es gehe sogar ohne. »Die Straße ist sicher.« Die zur Tarnung erworbene Abaia, ein schwarzer ärmelloser Umhang, der vom Scheitel bis zu den Knöcheln reicht, kann vorerst im Koffer bleiben. Weil sein Auto zu tief für die Bodenschwellen an den Checkpoints liegt, hat Ghalib sich den Wagen eines Bekannten geliehen. Eine Lappalie, gemessen am Aufwand, der noch vor einem Jahr nötig war, um die zwölf Kilometer vom Flughafen in die Stadt unbeschadet zu überstehen. Firmen, Botschaften und die großen amerikanischen Medienunternehmen, die sich in der hochgesicherten Grünen Zone angesiedelt haben, setzen immer noch auf gepanzerte Wagen und Personenschutz. Doch seit entlang der Route alle zwei, dreihundert Meter eine Polizeistreife oder ein irakischer Panzer steht und die umliegenden Stadtteile hinter Stacheldraht verschwunden sind, hat es auf der lange als »death row« verrufenen Schnellstraße keine Anschläge mehr gegeben.
Wie ein normaler Flughafentransfer mutet die Fahrt trotzdem nicht an. Eher wie eine Expedition durch gerade erst befriedetes Kampfgebiet. Ausgebrannte Autowracks, vermutlich Überreste von Selbstmordanschlägen, verwittern am Straßenrand. Staub und Müll fegen wild umher, sämtliches Grün, alle Palmen vom Seiten- und Mittelstreifen wurden abgeholzt, freie Sicht für das Militär. Es herrscht wenig Verkehr, die meisten Zufahrten sind gesperrt oder erwecken den Eindruck, jedes falsche Abbiegen könnte das letzte sein.
Oft überlegen wir tagelang, ob wir in ein bestimmtes Viertel fahren können
Auf der Gegenspur warten zehn Fahrer am Straßenrand hinter Sandsäcken, während ihre Autos mit Spiegeln und Sprengstoffspürhunden untersucht werden. An einem vorgelagerten Checkpoint liest eine Wache vom Hochsitz aus mit dem Fernglas die Ausweise, die die herannahenden Fahrer dem Mann etwa hundert Meter entfernt durchs Seitenfenster entgegenstrecken – erst dann öffnet sich eine Barriere, und die Autos dürfen zur nächsten Kontrolle vorrollen. Die Straße mag als sicher gelten, doch offenbar ist man jederzeit auf den Beweis des Gegenteils gefasst.
»Am besten fahren wir am Checkpoint Nummer 12 in die Grüne Zone, dann müssen wir gar nicht erst in die Stadt«, schlägt Ghalib vor. Er arbeitet seit anderthalb Jahren für das irakische Präsidialamt und darf mit seinem Ausweis nicht nur alle fünf Zufahrten in das abgeriegelte Verwaltungsviertel passieren, sondern kann mich als Unbefugte auch mitnehmen. Seine Dienstwohnung wird meine Basis sein für die nächsten drei Wochen, sein Rat mein Maßstab, um das vom amerikanischen Militär abgeschirmte »grüne« und das echte »rote« Bagdad zu inspizieren.
Wir müssen die Akkus aus unseren Mobiltelefonen nehmen und die Einzelteile gut sichtbar auf das Armaturenbrett legen, aus dem Auto aussteigen, Türen und Kofferraum öffnen, alle Taschen geöffnet auf die Straße stellen und uns dann hinter einer Betonmauer auf Waffen abtasten lassen, während ein Soldat mit einem Spürhund das Auto untersucht. Nach zwanzig Minuten dürfen wir passieren in eine Stadt in der Stadt, die mit ihrer Mischung aus einigen Tausend Söldnern, Soldaten, Journalisten, Helfern, Diplomaten, Ministern, amerikanischen und irakischen Regierungsbeamten und ein paar einheimischen Familien wohl einzigartig ist in der Welt.
Die Welt, die wir betreten, erinnert an das Interieur eines Videospiels. Bizarre Fahrzeuge rasen frei von allen Verkehrsregeln durch die ausladenden Straßen, Panzer unter dicken Schichten Camouflage, Geländewagen mit getönten Scheiben und hohen Antennen auf dem Kühler, Kleinlaster mit montiertem Schnellfeuergewehr auf der Ladefläche und dem Hinweis »Gefahr! Mindestens 100 Meter Abstand halten« am Heck. Alle paar Minuten fliegt ein Black-Hawk-Hubschrauber vorüber, gelegentlich werfen die Piloten grüne oder rote Leuchtraketen ab, als Markierung für einen Posten irgendwo in der Ferne. Ein Jogger übt am Straßenrand Spagat zwischen einer Betonsperre und einer Palme. »Siehst du, wie sicher Bagdad ist?«, scherzt Ghalib.
Bagdad im Jahr sechs nach dem Sturz Saddam Husseins und nach einem Jahr »Surge« (Truppenaufstockung), dem mit 20.000 zusätzlichen US-Soldaten forcierten Sicherheitsplan: Vom ersten Moment an vermittelt die Stadt ein Bild voller Widersprüche. Denn kaum etwas ist am Tigris so relativ wie das Wörtchen »sicher«. »Sicher für wen?«, lautet die Standardantwort irakischer Freunde auf die Frage, ob dieses oder jenes Viertel, ein Besuch in diesem oder jenem Restaurant sicher seien.
»Sicher für mich?«, lautet bald auch meine erste Frage an Ghalib, wann immer ich Besuche außerhalb der Grünen Zone plane. Manchmal überlegen wir tagelang, ob und wie wir in ein bestimmtes Viertel fahren können. Etwa als die Frau eines 2006 durch eine Autobombe getöteten Freundes mich zum Essen in ihr Haus in Kadhimiya einlädt; ich soll ihren Sohn kennenlernen, der beim Tod des Vaters gerade mal ein halbes Jahr alt war. Sie schlägt vor, mich mit ihrer Mutter und ihrer Schwester abzuholen, ich könnte, mit Hijab und Abaia verhüllt, im Auto zwischen den irakischen Frauen sitzen. Ein kalkulierbares Risiko? Nach ein paar Tagen Bedenkzeit winkt Ghalib ab: Einen solchen Besuch könne man unangekündigt machen, aber nicht mit der ganzen Familie als Planungsstab. »Es muss nur eines der Kinder im Haus etwas aufschnappen und in der Schule erzählen, oder die Mutter plaudert unbedacht mit der Nachbarin. Die Gefahr, dass die falschen Leute davon erfahren, ist zu groß.«
Die tägliche Risikoabwägung gehört bald zum Tag wie Zähneputzen. Den Wunsch, nach Arasat zu fahren, dem Christenviertel am Tigris, in dem ich 2003 und 2004 neun Monate lang in einem von Freunden gemieteten Haus gewohnt habe, erfüllt Ghalib sofort. Auch einem Ausflug nach Zayouna stimmt er zu – allerdings erkenne ich das früher sehr vornehme Viertel kaum wieder: Die Hauptstraße, die einst so lebendige Rubai’a, ist ein Schatten ihrer selbst, allenfalls jedes zweite Restaurant oder Geschäft hat geöffnet, und selbst am Donnerstagabend, einer Zeit, zu der früher kein Durchkommen war, fließt der Verkehr jetzt zügig. Auf dem Mittelstreifen brennt Müll, die Seitenstraßen sind mit Beton oder Baumstämmen verbarrikadiert. Im geschlossenen Luna Park rosten die Karussells vor sich hin, gegenüber halten irakische Soldaten jedes in die Straße einbiegende Auto kurz an.
Gewiss: Statt 180 Anschlägen und sicherheitsrelevanten Vorfällen pro Tag wie im Juni 2007 verzeichnen die Koalitionsstreitkräfte derzeit etwa 60, und im August 2007 zählten die Pathologen im Irak mehr als 1800 Gewaltopfer, im Januar 2008 »nur« 540. Im März allerdings waren es schon wieder 1082. Der »Surge« habe funktioniert, behaupten die amerikanischen Militärführer. Und tatsächlich halten, so das Ergebnis einer Umfrage mehrerer Fernsehsender unter 2200 Irakern zum fünften Jahrestag des Einmarsches, 62 Prozent der Befragten ihre unmittelbare Umgebung für »relativ sicher«. Aber eben nur ihre unmittelbare Umgebung. Die Straße, in der sie wohnen, das Viertel, in dem sie aufgewachsen sind – sofern sie das Glück haben, noch dort zu wohnen. Die relative Ruhe hat, abgesehen von den 125.000 zusätzlichen irakischen Polizisten und Soldaten und 90.000 Nachbarschaftsmilizionären, jeder mit 300 Dollar im Monat entlohnt, noch einen ganz praktischen Grund: Die ethnische Sortierung Bagdads ist weitgehend abgeschlossen, in den meisten Stadtvierteln sind die Machtverhältnisse geklärt.
Wirklich gemischte Gegenden gibt es nur noch wenige. Sie konzentrieren sich auf einen kleinen Kern im Herzen der Stadt: das an die Grüne Zone grenzende Jadiriya, wo viele Minister, Beamte und Verwaltungsangestellte leben, das quirlige Geschäftsviertel Karada gleich daneben, die Gegend um das Hotel Palestine und das nördlich davon liegende Altstadtviertel. Weiter östlich wohnen nur noch in Zayouna, im Westen rund um den Bagdader Zoo und in ein paar Straßenzügen in Mansur Sunniten und Schiiten bunt durcheinander.
Eine Ahnung vom Ausmaß des Umbruchs und der Entwurzelung mag eine kleine Privatstatistik vermitteln: Von rund einem Dutzend Bagdader Familien, de ich 2003 und 2004 kennengelernt habe, wohnen noch zwei im selben Haus. Allein von den innerirakischen Flüchtlingen, die das Internationale Rote Kreuz auf 2,2 Millionen schätzt, stammen 60 bis 70 Prozent aus Bagdad. Oft wohnen die Vertriebenen nur eine Brückenquerung von ihrem alten Haus entfernt – und doch ist es für sie unerreichbar, käme eine Fahrt über die Brücke einem Sprung von der Brücke gleich.
Eine Mauer trennt den schiitischen Teil des Viertels vom sunnitischen
Äußerlich sind die Häuser rechts und links der Straße des 7. April durch nichts zu unterscheiden. Hier wie dort der typische Bagdader Baustil, beigefarben ducken sich auf beiden Seiten von Hay al-Amil die Häuser in den von der nahe gelegenen Autobahn herüberwehenden Staub. Hier wie dort wohnen Ingenieure, Lehrer, Ärzte, Handwerker. Einzig die dominierenden Stammesnamen entlang dieser Straße im südwestlichen Bagdad unterscheiden sich: hier die Bahadis und Magsosis, dort die Dschanabis und Duleimis. Ein Viertel, zwei Welten und unendlich viel Hass. Rechts der Straße bis zur Brücke nach Dschamia ist Sunnitenland, links davon bis zur Ampel nach zwei Kilometern herrschen die Schiiten. Salam Adil, 35, hatte das Pech, als Schiit im Sunnitenblock zu wohnen. Und das Glück, dies schon sehr lange zu tun.
Nacht für Nacht kämpfte in Hay al-Amil im vergangenen Jahr die schiitische Mahdi-Miliz gegen die sunnitischen Omar-Brigaden, jeden Morgen lagen Tote in den Straßen. Weil dem Blutrausch vor allem die Männer zum Opfer fielen, schliefen Salam und sein Bruder häufig bei Verwandten, während die Mutter mit seinen zwei Schwestern blieb, um das Haus zu sichern. Einen Mann hatte die Familie bereits verloren – Salams Schwager, unter Saddam Pilot bei der irakischen Armee, war Anfang 2006 in seinem Haus im Westen der Stadt ermordet worden. Acht Jahre Iran-Irak-Krieg hatte er überlebt, der vermeintliche Frieden nach dem Sturz des Diktators kostete ihn das Leben.
Nach dem Tod ihres Mannes zog Salams Schwester mit den Kindern wieder zur Mutter nach Hay al-Amil. Eines Nachts klopfte ihr Nachbar an die Tür. »Ihr müsst verschwinden, sofort. Packt ein paar Sachen zusammen, und kommt mit zu mir.« Keine zwei Stunden später hörten die Frauen, während sie im Wohnzimmer ihres sunnitischen Nachbarn kauerten, wie ihr eigenes Haus von der Straße aus beschossen wurde, wie die Fenster zersprangen und die Türen barsten. Als der Nachbar sie am nächsten Morgen evakuieren wollte, nahm er noch einen weiteren Schiiten aus der Straße in seine Obhut. Aber schon an der nächsten Straßenecke wurden sie gestoppt, von einem Mann, den sie alle kannten – und fürchteten: Karim Hardan al-Duleimi. Jeder im Viertel habe gewusst, dass er der lokale Emir von al-Qaida war, sagt Salam Adil, er selbst habe ihn mehrfach bei den Behörden angezeigt, »aber ohne Erfolg«.
Duleimi habe den Schiiten mitgenommen, obwohl der Nachbar für ihn um Gnade flehte. Sie haben nie wieder von ihm gehört. Salams Familie ist kurz darauf nach Syrien geflüchtet, nur er blieb in Bagdad zurück und zog zu einem Freund. Vor einer Weile rief der Nachbar ihn an und erzählte von Verhandlungen zwischen der örtlichen Mahdi-Armee und den sunnitischen Stammeschefs von Hay al-Amil. Ziel sei es, unter dem Schutz der Stämme die vertriebenen Familien zurückzubringen. Salam Adil beschloss, zurückzukehren – für einen Nachmittag. »Unser Haus noch einmal zu sehen, das war für mich ein großer Sieg.« Ans Bleiben dachte er nicht, zu viel sei passiert in jenen Straßen. »Wer einmal getötet hat, wird es immer wieder tun.«
Seit etwa einem Jahr trennt eine Mauer die rund 300 Häuser im sunnitischen Teil von Hay al-Amil von der schiitischen Hälfte. Es gibt zwar noch einen Zugang, doch wagen sich allein die Frauen noch hinüber, um einzukaufen – die meisten Geschäfte, Märkte und Metzgereien liegen im schiitischen Teil. Die Männer verlassen den sunnitischen Teil nur noch über die Autobahn oder über die Amil-Brücke ins ebenfalls sunnitische Nachbarviertel Dschamia.
Genau genommen gibt es Bagdad als Stadt nicht mehr, jedenfalls nicht als soziale Einheit. Viele der Orte, die die Seele einer Stadt, ihre Geschichte, ihren Charakter ausmachen, sind zerstört, eingemauert oder für den einen oder den anderen Teil der Bevölkerung nicht mehr zugänglich. Im Mahlstrom der Gewalt kam den Menschen das Gefühl abhanden, Bürger ein und derselben Stadt zu sein.
Bagdad, zerschnitten von mehr als 30 Kilometer Mauern, hat sich in eine Stadt der Inseln verwandelt. Inseln, zwischen denen die Bagdader, die trotz allem geblieben sind, nach ihrem ganz individuellen Sicherheitskompass navigieren, um nicht unterzugehen.
Ghalib wartete über ein Jahr auf Geld, das ihm ein Freund schuldete; beide trauten sich nicht ins Viertel des jeweils anderen. Vom schiitischen Teil Hay al-Amils, wo Ghalib vor seinem Umzug in die Grüne Zone wohnte, ins sunnitische Mansur zu fahren, wo sein Freund lebt, wäre bis vor Kurzem das reinste Selbstmordkommando gewesen. Heute kann er sich wieder hinwagen – in Mansur hat die von den Amerikanern ins Leben gerufene und finanzierte Bürgerwehr Sahwa (Das Erwachen) erfolgreich die Herrschaft der militanten Extremisten gebrochen.
Quer durch die Stadt fahren viele Bagdader nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt, für einen dringenden Behördengang, für einen Arzttermin, aber nicht zum Vergnügen. »Außer meiner Arbeit gibt es für mich keinen Grund mehr, in Bagdad unterwegs zu sein«, sagt Zainab Ahmed, 41, eine Mikrobiologin und Journalistin. Freunde besuchen? »Ich habe keine Freunde mehr, die sind entweder geflohen oder tot.«
»Ich hoffe, unsere Kinder sehen eines Tages, was wir für sie getan haben«
Sie selbst wollte nicht fliehen, wollte verhindern, dass ihre beiden Kinder eine Zahl in der Flüchtlingsstatistik werden. »Also haben wir uns angepasst und unser Leben umgestellt.« Jeden Morgen, bevor sie oder ihr Mann die Kinder zur Schule bringt, schärfen sie ihnen aufs Neue ein, sich von Autos, Menschenmengen, Polizeistationen fernzuhalten. Sie selbst meidet noch immer die vereinzelt wieder sichtbaren Insignien städtischen Lebens: volle Einkaufsstraßen, Parks, beliebte Restaurants. Auch sie hätte mich gern nach Hause eingeladen, hat die Idee aber von sich aus gleich wieder verworfen; so weit traut sie dem Frieden noch nicht. Der geeignete Ort für ein Treffen scheint ihr die Caféteria des Hotels Raschid am Nordwesteingang der Grünen Zone zu sein. Zainab wohnt nicht weit entfernt, und diesen Eingang kann sie, bei Vorlage von drei amtlichen Lichtbildausweisen, auch als Irakerin passieren. Anders als in einem Restaurant außerhalb der Grünen Zone können wir im Hotel Raschid unbesorgt Englisch sprechen – was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn das Raschid war früher nicht für seinen guten Service berühmt, sondern für die Kameras und Abhöranlagen, mit denen während des Golfkriegs 1991 die einquartierten westlichen Journalisten ausspioniert wurden.
Heute baumelt das Überwachungsgerät nutzlos von der Decke, außer einer Gruppe irakischer Parlamentsabgeordneter, einer iranischen Flugzeugcrew und ein paar Geschäftsleuten gibt es keine Übernachtungsgäste. Die Souvenirhändler langweilen sich vor verstaubten Teppichen, im Bistro erklärt der Kellner einem enttäuschten Gast, dass es im Hotel kein Bier mehr gebe. »Sie erlauben es nicht«, sagt er mit einer unbestimmten Handbewegung, die offen lässt, wer mit »sie« gemeint ist.
Wir bestellen Tee, ich versuche, im Gesicht von Zainab zu lesen: Sieht sie zuversichtlicher, entspannter, ernster aus als bei unserem letzten Treffen vor zwei Jahren? Wie viele Iraker hat sie sich jede Art von Prognose abgewöhnt. »Wandel erfordert Opfer«, sagt sie mit undurchschaubarer Miene. »Weißt du, unsere Tragödie ist, wir haben den Wechsel herbeigewünscht, aber wir können den Preis der Freiheit nicht ertragen. Ich hoffe nur, dass unsere Kinder eines Tages sehen können, was wir für sie getan haben.« Dann lacht sie unerwartet und erzählt, ihr Mann habe ein Jobangebot aus Kairo. »Vielleicht gehe ich dann noch mal an die Uni zurück und mache meinen Doktor.«
So ist Bagdad, in einem Moment scheinbar hoffnungslos, im nächsten voller Pläne. Aussichtslos der Versuch, eine verbindliche Aussage über die Lage der Stadt zu treffen. Inmitten aller Unübersichtlichkeit scheint dies die verlässlichste Konstante in Bagdad: dass einen Straßenblock weiter oder zehn Minuten später schon wieder alles ganz anders sein kann.
Über die Jahre hat sich in der Außenwahrnehmung des Iraks das Bild festgesetzt, im Lande kämpften die drei großen Gruppen der Sunniten, Schiiten und Kurden um die Macht. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Selten wurde das öffentlich so sichtbar wie mit Beginn der Großoffensive gegen schiitische Milizen in der südirakischen Hafenstadt Basra, in Gang gesetzt vom ebenfalls schiitischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki. Sofort geriet auch die Lage im 600 Kilometer entfernten Bagdad außer Kontrolle, lagen im Morgengrauen wieder mehr als ein Dutzend Tote in den Straßen, kam es zu Straßengefechten zwischen Kämpfern der schiitischen Mahdi-Miliz und der irakischen Armee. Selbst in der Grünen Zone starben durch Mörsergranaten zwei Wachen vor dem Büro des irakischen Vizepräsidenten Tariq al-Hashimi, in der Nähe der US-Botschaft wurden fünf Amerikaner verwundet, von denen einer wenig später starb.
Dabei hatte Muqtada al-Sadr, nominell der Führer der Mahdi-Armee, erst im Februar ein sechsmonatiges Waffenstillstandsabkommen mit der Regierung verlängert. Eine interne Statistik der Amerikaner allerdings lässt den Begriff Waffenstillstand ohnehin fragwürdig erscheinen: Nach Angaben der US-Botschaft in Bagdad zählen die Behörden an jedem beliebigen Tag irakweit 50 bis 80 sicherheitsrelevante Vorfälle – Bomben, kleine und größere Explosionen, Anschlagsversuche, Schießereien. Anfang Februar aber fiel die Zahl einmal drastisch: als al-Sadr seine Mahdi-Truppen aufrief, für den in Damaskus ermordeten Hisbollah-Führer Imad Mughnieh zu trauern. In jenen drei Tagen sank die Zahl der Anschläge auf 15 bis 20.
Den ultimativen Beweis für al-Sadrs Macht lieferten Fernsehbilder der Nachrichtenagentur AP in alle irakischen Wohnzimmer: Premierminister Maliki ruft die Schiitenmilizen landesweit auf, ihre Waffen niederzulegen – und tags darauf pilgern Dutzende irakische Polizisten in die Bagdader Schiitenhochburg Sadr City, um ihrerseits die Waffen niederzulegen. »Wir können nicht gegen unsere Brüder in der Mahdi-Armee kämpfen. Daher sind wir hergekommen, um unsere Waffen niederzulegen.« Die Männer tragen Masken, um ihre Identität zu verbergen, als sie Scheich Salman al-Feraidschi treffen, den örtlichen Repräsentanten der Sadr-Bewegung. Der begrüßt jeden einzeln und überreicht im Austausch gegen Waffen und Munition einen Olivenzweig und einen Koran.
Bagdad, unter Saddam Hussein Zentrum der sunnitischen Macht, ist heute eine mehrheitlich schiitische Stadt mit sunnitischen Enklaven; bis weit in den Westen haben sich die früher vor allem auf den Osten Bagdads beschränkten Schiitenviertel vorgeschoben. Weshalb alles, was derzeit im schiitischen Süden des Landes geschieht, unmittelbar in der Hauptstadt widerhallt, zumindest in Teilen davon.
Die Mutanabistraße, einst die Heimat der Bücher, liegt in Trümmern
In den sunnitischen Vierteln blieb es während des jüngsten Aufruhrs weitgehend ruhig. »Mit diesem Kampf haben wir nichts zu tun, das fechten die Schiiten untereinander aus«, erklärt mir Mosab Jasim, ein junger Sunnit, der vorübergehend nach Syrien geflohen war. Wir treffen uns außerhalb der Grünen Zone, aber auf einer ähnlich gut gesicherten Insel, in der Media City, einer Art Miniversion der Grünen Zone, wo sich mehrere amerikanische Fernsehsender und das englische al-Dschasira hinter hohen Mauern zusammengeschlossen haben. Jasim, 24, der als Übersetzer arbeitet, kehrte in Etappen nach Bagdad zurück: erst nach Ramadi zu Verwandten, dann, auf wiederholtes Drängen von Nachbarn, die versicherten, die Lage habe sich beruhigt, seit die Männer von Sahwa im Viertel patrouillierten, ins Haus seiner Familie in Mansur. Nach ein paar Tagen wagte er, seine Frau nachzuholen. Der Rest der Familie bleibt vorerst in Syrien.
Bisweilen wirkt Bagdad wie eine Fata Morgana seiner selbst, eine Stadt, in der man kaum wagt, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Vielleicht, weil es schwerfällt zu begreifen, woher die Menschen die Kraft schöpfen, weiterzumachen. Weiterzuleben. Den Alltag immer wieder aufs Neue zurückzuerobern. Bagdad war nie eine im klassischen Sinn schöne Stadt. Die Menschen, die Vielfalt, die kleinen und großen Alltagsorte waren es, die ihren Charme ausmachten. Orte wie die Saftbar Hadschi Zibale in der Raschidstraße im alten Bagdad, im Jahr 1900 gegründet, seit Generationen ein Familienbetrieb, der nur ein einziges Getränk verkauft: süßen Rosinensaft. In ihrer langen Geschichte hatte sie nur ein einziges Mal länger geschlossen – als während des Iran-Irak-Kriegs eine Weile der kommerzielle Gebrauch von Zucker verboten war. Auch jetzt ist sie wieder geöffnet, aber die Familien und die Nachtschwärmer sind noch nicht zurückgekehrt.
Oder die Mutanabistraße. Jahrzehntelang die Heimat der Bücher, der Künstler, Journalisten und Intellektuellen Bagdads, sie liegt seit einem Bombenanschlag im März 2007 in Trümmern. Das Café Shahbandar, eines der ältesten der Stadt, wo sich antike Wasserpfeifen in den Regalen bis unter die Decke stapelten und Dichter und Journalisten bei Tee und Dominospiel den Tag verstreichen ließen, wurde durch eine Autobombe fast völlig zerstört. Der Besitzer des Cafés verlor an jenem Tag seine fünf Söhne – und die Stadt ihr kulturelles Herz.
Es gibt Orte, die stärker zu sein scheinen als all die Fliehkräfte in der Stadt: Donnerstagabend in der Karada Jauwa, der zentralen Einkaufsstraße Bagdads. Im Auto vier Iraker und eine Deutsche, behutsam verhüllt mit Hidschab und schwarzem Mantel, die Mitte der Rückbank bietet eine diskrete Beobachterposition. Karada ist eines der wenigen noch wirklich gemischten Viertel. Auch wenn die Bierläden verschwunden und überall Polizeistreifen zu sehen sind, die Karada Jauwa hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Noch immer gibt es den klassischen Stau am Donnerstagabend, dem Beginn des islamischen Wochenendes. Auf den Straßen drängen sich Familien, fliegende Händler versperren überall den Weg. Die Bürgersteige sind zu Schaufenstern umgestaltet, Koffer türmen sich neben Garderobenständern und Kinderrädern. Aus einer Großbäckerei strömt frischer Plätzchenduft.
Keine zehn Minuten später, wir warten am Checkpoint unter der Brücke des 14. Juli auf Einlass in die Grüne Zone, rast von hinten ein Auto heran. Ein Mann springt heraus, laut schreiend: »Lasst uns durch, Verletzte, wir müssen zum Krankenhaus!« Ein amerikanischer Soldat nähert sich dem Auto und sieht zwei blutüberströmte Männer auf dem Rücksitz liegen. Mein Freund Ghalib übersetzt für den Fahrer: »In der Karada Jauwa ist ein Sprengsatz explodiert, diese Männer hier wurden verwundet und müssen zum Ibn-Sina-Krankenhaus in der Grünen Zone.« Der Soldat zögert, ruft dann einen Humvee herbei, lässt den Wagen mit den Verletzten durch.
Die Regierung ist bei Sunniten wie Schiiten gleichermaßen unbeliebt
In den Abendnachrichten offenbart sich das wahre Ausmaß der Tragödie: Wo wir eben noch den Überlebenswillen der Bagdaders bewunderten, starben wenige Minuten später 68 Menschen, wurden weit über hundert verletzt. Um 18.30 Uhr sahen wir ein Bild des Aufbegehrens gegen die Verzweiflung, um 18.40 Uhr starben dort der Vater und der Ehemann einer Freundin von Zainab Ahmed, weil sie sich ein Stück Alltag zurückerobern wollten. Zuerst explodierte ein kleinerer Sprengsatz, dann mischte sich ein Selbstmordattentäter unter die herbeigeeilten Helfer und zündete seinen Gürtel in der Menschenmenge. Leben und Tod liegen in Bagdad so dicht beieinander wie wohl in kaum einer anderen Stadt.
Das erklärt vielleicht auch die zunächst befremdlich wirkende Fotosammlung im Mobiltelefon von Jamal Taha, einem Chirurgen in der Notaufnahme des Yarmuk-Krankenhauses in Westbagdad. Zwischen den üblichen Familienfotos und Schnappschüssen in seinem Handy bewahrt der Arzt das letzte Foto auf, das er von seinem Freund, dem ABC-Kameramann Alaa Uldeen Aziz, 33, machte. Ein Bild zur Erinnerung – nicht an schöne gemeinsame Zeiten, sondern daran, dass eine Unvorsichtigkeit das Leben kosten kann.
Aziz starb in einer Mainacht 2007, weil er beschloss, heimzufahren zu seiner Frau und seinen zwei Töchtern, anstatt im Büro zu übernachten. Er und ein weiterer ABC-Kollege wurden von Bewaffneten aus dem Auto gezerrt und am nächsten Morgen tot aufgefunden. Taha musste seinen Freund im zentralen Leichenschauhaus identifizieren. Auf der Aufnahme, die er zum Abschied mit dem Handy machte, ist der tödliche Kopfschuss gut zu erkennen. Ein Anblick, den Taha auch ohne Foto nie vergessen würde – dabei hat er nach eigener Schätzung in den vergangenen fünf Jahren rund 30.000 Tote und Verwundete in seiner Notaufnahme gesehen.
Dass er selbst noch lebt, noch immer in Bagdad arbeitet und sich sogar für ein Interview zur Verfügung stellt, grenzt an ein kleines Wunder: Mehr als 2000 Ärzte wurden nach Angaben des Roten Kreuzes seit 2003 im Irak ermordet. 20.000 von 34.000 im Jahr 1991 registrierten Ärzten haben das Land verlassen, auf der Flucht vor jenen, die durch gezielten Mord an der medizinischen wie insgesamt der akademischen Elite das Land ins Chaos zu stürzen suchen.
Immerhin, eine positive Zahl kann Taha vermelden: In den vergangenen zwölf Monaten sei die Zahl der durch Gewaltakte Verwundeten in seiner Notaufnahme um 85 Prozent zurückgegangen. Der Chirurg vergleicht den Irak mit einem schwer verwundeten Patienten: »Er hat überlebt, aber sein Zustand ist nach wie vor kritisch, er liegt noch auf der Intensivstation.«
Für seine eigenen Patienten kann Taha im Moment nicht viel tun. »Ich habe noch genau drei Ampullen Anästhetikum, eigentlich brauchte ich gar nicht zur Arbeit zu gehen, was soll ich als Chirurg ohne Betäubungsmittel ausrichten?« Und so ist Tahas größter Feind derzeit nicht der Terror, sondern die Bürokratie. Am Jahresende muss er der Krankenhausverwaltung eine detaillierte Liste jener Medikamente vorlegen, die er im folgenden Jahr braucht. »Diese Liste durchläuft dann einen 25-stufigen Genehmigungsprozess – und ich weiß genau, ich höre vermutlich frühestens 2010 wieder davon.« Früher hat er viele Patienten verloren, weil sie wegen der schlechten Sicherheitslage nicht rechtzeitig ins Krankenhaus kamen; heute muss er sie wieder heimschicken, weil selbst für Routineeingriffe Material und Medikamente fehlen. »Und zwar nicht aus Geldmangel, sondern wegen Unfähigkeit«, sagt der Arzt. Die Regierung, klagt er, »kümmert sich um niemanden!«
Dass die Mächtigen wie einst die Minister von Saddam Hussein in Villen in der Grünen Zone wohnen, weit weg vom Volk hinter den tief gestaffelten Barrieren der Besatzungsmacht, könnten die Iraker ihrer neuen Regierung nachsehen – wenn sie wenigstens regieren würde. Das Gefühl, von korrupten, zum Kompromiss nicht fähigen Politikern geführt zu werden, wäre vermutlich eines, auf das sich das sonst so zersplitterte Bagdad einigen könnte, das Kabinett, durch serienweise Rücktritte oft kaum funktionsfähig, ist bei Sunniten und Schiiten gleichermaßen unbeliebt. Die atmosphärische Kluft zwischen Volk und Volksvertretern lässt die Grüne Zone erst recht wie einen anderen Stern erscheinen.
Ein Stern, den die Amerikaner inzwischen liebevoll »our small town in big Baghdad« nennen, wie es im Vorwort des Visitor’s Guide to Baghdad’s Green Zone heißt, den Sergeant Burmester im Pressezentrum der Koalitionsstreitkräfte als »Antwort auf alle Fragen über die Grüne Zone« überreicht. 46 Seiten, im Stil eines Reiseführers aufbereitet, mit Fotos und praktischen Tipps (»Bei jedem Ausflug nahe gelegene Schutzräume vergegenwärtigen«).
Heute liegt die Hoheit über das Gelände bei der Joint Area Support Group, einer in der amerikanischen Botschaft angesiedelten Abteilung, und die hat sich im Dienst der Sicherheit ein kompliziertes System von Zugangsberechtigungen ausgedacht. In der Grünen Zone bestimmt der badge über den Bewegungsspielraum. Die kleinen Plastikausweise gibt es in mehr als einem halben Dutzend Farben, Grüne-Zone-Profis tragen sie sichtbar im Brustbeutel mit Klarsichtfenster um den Hals, um sie nicht zwanzigmal am Tag aus der Tasche zu kramen.
Der rote Ausweis gewährt einer Person tagsüber an Werktagen zu Fuß Einlass nach einer umfangreichen Personenkontrolle und wird an Maurer, Straßenkehrer und einfache Arbeiter ausgegeben, ohne die man auch in der Grünen Zone nicht auskommt. Morgens stehen sie in Trauben am Checkpoint, nachmittags ab drei fließt der Strom in die umgekehrte Richtung, über die Brücke des 14. Juli zu Fuß hinaus in die Rote Zone, denn Taxis sind in der Grünen Zone nicht erlaubt. Inhaber des grünen oder blauen badge dagegen haben mit dem Auto und bis zu 15 Begleitpersonen an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr Zugang. Die Farbe des Ausweises entscheidet, wer am Liberty Pool im ehemaligen Saddam-Palast entspannen und wer einen Hamburger im einzigen Burger King im Irak essen darf.
Mein Freund Ghalib darf mit seinem gelben badge mit dem Auto in die Grüne Zone fahren, aber nur bis 21 Uhr. Hält ihn sein Chef länger auf, muss ihn jemand mit einer 24-Stunden-Erlaubnis begleiten, oder Ghalib schläft im Büro. Jeden Abend muss er auf dem Heimweg durch die Personen- und Autokontrolle, eine gute Stunde geht dafür in der Regel drauf, für ihn inzwischen eine lästige Routine. Bis auf jenen Tag, als ihn ein defektes Handschuhfach fast ins Verderben stürzte. Ghalib stieg aus und wollte wie üblich hinter der Sprengschutzmauer das Ende der Kontrolle abwarten, als einer der Soldaten ihn anschrie: »Zur Seite treten!«, und anderen Soldaten am Checkpoint wild gestikulierend Zeichen gab, die daraufhin mit zwei Humvees näher kamen. Dann rief er Ghalib wieder etwas zu, der aber nichts verstand – der Soldat machte ihn so nervös, dass er von einer auf die andere Minute sein Englisch vergessen hatte.
Was stören Müll und Ratten in der Küche, wenn die Wohnung sicher ist?
Wieder und wieder zeigte der Soldat durch das Seitenfenster, doch Ghalib konnte nicht erkennen, warum. Schließlich dämmerte es ihm: Weil das Schloss am Handschuhfach defekt war und die Klappe ständig herunterfiel, hatte er sie mit Draht zugebunden. Der Soldat glaubte offensichtlich, auf das Kabel eines versteckten Sprengsatzes zu blicken. Ghalib machte einen Schritt auf das Auto zu, um dem Soldaten zu erklären, dass er keine Bombe vor sich habe, sondern ein altes, klappriges Auto mit notdürftig geflicktem Handschuhfach. Doch jede seiner Bewegungen machte den Soldaten noch nervöser. »Irgendwie schaffte ich es, ihm meinen Ausweis vom Präsidentenbüro zu zeigen, das hat ihn ein wenig beruhigt. Dann kamen endlich die Sprengstoffhunde, und es gab Entwarnung.« Seither bleibt das Handschuhfach offen.
Wegen der 21-Uhr-Grenze verbringen wir die Abende fast immer zu Hause in Ghalibs Appartement in der irakischen Siedlung. Luxuriös kann man die Häuser nicht nennen, aber vermutlich ist Sicherheit der größte denkbare Luxus in Bagdad, was stören da ein heruntergekommener Fahrstuhl ohne Licht, Müll im Treppenhaus, kaputte Fenster, laufende Wasserhähne, Ratten in der Küche? Außerdem gibt es, einzigartig im Irak, 24 Stunden Strom am Tag. Zwischen den Wohnhäusern liegt eine kleine Einkaufspassage mit Krämerläden, Obsthändlern, Friseur, Computerladen. Die Rose Laundry bietet »dry washing« an, der Alkoholladen um die Ecke führt türkisches Bier und libanesischen Wein.
Zum Burger King gegenüber der US-Botschaft dagegen haben die Iraker der Grünen Zone keinen Zugang, nicht einmal Ghalib mit seinem gelben badge kommt hinein. Sicherheitsbedenken. Wollen wir zur Abwechslung Burger essen, ziehe ich alleine los, in der Grünen Zone kein Problem.
Eines Abends warte ich vor dem umgebauten Leichtmetallcontainer auf unsere Pommes frites zum Mitnehmen. Ich habe gerade die Dollarrechnung bezahlt, als eine schrille Sirene ertönt. »Incoming, incoming, incoming!«, warnen plötzlich von überall Stimmen so eindringlich, dass man sich fast unwillkürlich duckt. Der akustische Alarm für Mörsergranaten im Anflug.
Wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen strömen von allen Seiten Menschen auf die beiden duck and cover- Bunker zwischen Burger King und Pizza Inn zu. Auch der Burger-King-Verkäufer schließt sein Fenster, stellt die Fritteuse ab, packt noch zwei Hamburger unter die Warmhaltelampe und geht dann in Deckung. Ich folge ihm. Die wenige Quadratmeter großen Betonverschläge füllen sich schnell. Von irgendwoher ist das dumpfe Geräusch einer Explosion zu hören. Ein Soldat kontaktiert über sein Funkgerät seine Einsatzzentrale, angeblich hat eine Granate am Washington Heliport eingeschlagen, dem Hubschrauberlandeplatz auf der anderen Straßenseite, aber Genaues weiß er nicht.
Nach fünfzehn Minuten dann die ersehnte Entwarnung: »Aaaaallll clear. Aaaaaalllll clear. All military personel report to position«, tönt eine tiefe Stimme aus unsichtbaren Lautsprechern. Bagdad ist wieder sicher.
- Datum 16.04.2008 - 13:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.04.2008 Nr. 16
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für diese wirklich gute Reportage.Gerade bei außenpolitischen Themen ist in letzter Zeit viel schlechter und tendenziöser Journalismus in diesem Blatt zu lesen. Umso mehr ist es mir eine Freude, endlich mal wieder uneingeschränkt loben zu können.Frau Fischer, mehr von Ihnen bitte.
Die Bilder sollen uns eine Warnung sein, was man im Namen der Demokratie und Menschenrechte anrichten kann.
Ein aufrichtiges Danke an Sie Frau Fischer, trotz der Gefahr im Irak uns doch diesen Bericht zukommen zu lassen. Auch Danke weil man so wenig von zivilleben im irak hört, in den 2 Minuten Nachrichten werden nur die Grossen Anschläge genannt die Zahl der Totoen und wer warscheinlich dafür verantwortlich war, ein Bild vom irak kann man sich so nicht aufbauen, und eine eigene Meinung schon gar nicht. Allerdings macht es auch nachdenklich der der Gund für die zurükgehenden unruhen und totenzahlen vileicht nicht die sichere Lage ist sondern das die konflikte sich so weit geregelt haben das sie niemanden mehr zum töten und vertreibe haben. Auch die Regirung im irak lässt nicht auf eine Besserung hoffen. So bleibt uns deutschen wohl nur das Gewissen das wir unsere Freunde die amerikaner davor gewarnt haben, wie es ein guter Frund tun sollte. Aber was nützt das Wissen schon, durch besserwissen ist noch kein Mentsch wieder lebendig geworden.
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