Babys schreien, Männer bekreuzigen sich, Frauen wiegen sich leise summend hin und her, als Pater Mateo vom Altar aus in den Kirchsaal ruft: "Ihr Eheleute hier, knistert es noch, wenn ihr euch in die Augen schaut? Seid ihr noch so elektrisiert, wie am ersten Tag?" – "Dios mío", klagen einige laut und fallen auf die Knie. "Sí", sagen einige und manche leise: "No." Die meisten lachen. Etwa dreihundert Katholiken sind an diesem Sonntagmorgen zur spanischen Messe in die Kirche Our Lady, Queen of the Americas in Amerikas Hauptstadt Washington gekommen.

Jeden Sonntag strömen Hunderte von Einwanderern aus Mittel- und Südamerika in dieses Gotteshaus – bis zu fünfmal am Tag. Manche Familien reisen von weither an. Die sogenannten Hispanics sind besonders treue Messgänger, nicht bloß in Our Lady, Queen of the Americas, sondern in Dutzenden Kirchen in und um Washington herum.

Wenn Papst Benedikt XVI. nächste Woche zu Besuch kommt, wird er eine sich rasant wandelnde katholische Kirche vorfinden – und eine noch immer tief verunsicherte. In den vergangenen 20 Jahren ist sie durch Enthüllungen über Kindesmissbrauch in eine beispiellose Sinn- und Imagekrise gestürzt. 1985 wurde erstmals ein Priester aus Louisiana verurteilt, Anfang 2004 gestand eine Kirchenkommission ein, dass etwa 4000 römisch-katholische Geistliche sexueller Verfehlungen beschuldigt würden, dass diese Fälle bis weit in die fünfziger Jahre zurückreichten und mehr als 10000 Jugendliche beträfen, in ihrer Mehrheit damals kleine Jungen. Angesichts gewaltiger Schadensersatzklagen gerieten etliche Gemeinden zwischen Boston, Dallas und Los Angeles an den Rand des Bankrotts. Vom Papst wird daher eine Bitte um Verzeihung erwartet.

Als ehemaliger Theologieprofessor ist Benedikt XVI. in einem zweiten Konflikt gefordert. Amerikas Bischöfe zürnen ihren katholischen Universitäten. Einige etwa gestatteten der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton auf ihrem Gelände große Wahlveranstaltungen, obwohl die Demokratin eine engagierte Befürworterin des Rechts auf Abtreibung ist. Andere erlaubten die Gründung von studentischen Schwulen- und Lesbenvereinigungen. Während viele Bischöfe die Universitäten stärker an die Kandare nehmen wollen, pochen diese auf die Freiheit der Lehre.

Besonders aber fordert die rasante Lateinamerikanisierung die katholische Kirche heraus. Ein Drittel der Mitglieder sind Hispanics, Tendenz steigend. Sie leiden unter den hartherzigen Einwanderungsgesetzen und fühlen sich von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen. In der katholischen Kirche suchen sie Hilfe und eine neue Heimat. Doch mit ihren eigenen religiösen Traditionen verändern sie bereits die Messen, nicht immer zum Vergnügen von Amerikas weißen Katholiken, die oft Liebhaber liturgischer Ordnung sind.

Pater Mateo, der im spanischen Pamplona aufwuchs, sechs Jahre lang als Priester in der Nähe von Heidelberg wirkte und nun seit mehr als einem Jahrzehnt in Washington die Messe liest, beschreibt die Entwicklung so: "Der Katholizismus in den Vereinigten Staaten wird lebhafter, explosiver, expressiver – und populistischer." Manchmal fragt Pater Mateo sonntags die Frauen, ob eine von ihnen ein Baby bekommen und mitgebracht habe. Dann trägt er das Kind zum Altar, lässt es von der Gemeinde feiern und mahnt: "Seht, dieses Kind Gottes wäre nicht unter uns, wäre es abgetrieben worden." Die Kirchgänger buhen und klatschen.

In Europa würde eine solche Demonstration einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, sagt Pater Mateo, dort redeten Katholiken lieber in Bildern, Metaphern und Gleichnissen. "In unseren hispanischen Messen sind wir weniger intellektuell, mehr intuitiv und spontan, wir gehen direkt zur Sache." Die Messen der Lateinamerikaner, sagt er, würden manchmal afroamerikanischen Gottesdiensten ähneln, wo Prediger sich in Rage und ihre Zuhörer in Ekstase redeten, wo die Menschen weinten, lachten und wehklagten. "Mal sehen", sagt Pater Mateo, "was der Heilige Vater aus Deutschland dazu sagt."