Das ist die Geschichte: Am späten Abend des 7. Februar 1997 betrat ein Junge das Krankenhaus im Magdeburger Plattenbaugebiet Neu Olvenstedt. Frank Böttcher hieß er, ein schmächtiger Punk mit Irokesenfrisur. Seine Hand war verletzt. In der Straßenbahn, erzählte er einer Schwester, hätten ihn Rechte attackiert. Er wurde verarztet, verließ die Ambulanz und lief zurück zur Straßenbahn. Am Wartehäuschen empfing ihn ein rechtsradikales Rudel. Man schlug ihn nieder und trat auf ihn ein. Ein Butterflymesser schnappte auf. Siebenmal wurde Frank in den Rücken gestochen. Er starb. Siebzehn war er, wie sein Mörder, Marco J. Der Täter besaß ein Motiv: Das Äußere des Opfers hatte ihn gestört. Die Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren saß Marco J. nur teilweise ab.

Und das ist die Gegenwart: Montag dieser Woche, die demokratische Öffentlichkeit von Magdeburg hat sich am Tatort versammelt, um eine Gedenktafel für Frank Böttcher einzuweihen. Sie tut das schon zum vierten Mal. Dreimal wurde die Tafel entwendet. Keine geringe Leistung: Knallfest ist das bronzene Relief in einem mächtigen Findling verankert. Zur Beseitigung braucht man gutes Werkzeug, Kraft, Zeit und viele sehschwache Magdeburger, denn sogar nachts fährt hier die Straßenbahn. Eine der geklauten Tafeln stöberte die Polizei in der rechten Szene auf, die anderen blieben verschwunden. Auch Frank Böttchers Grabstein wurde immer wieder geschändet, bis seine Mutter ein Gegenmittel fand: Ihr Junge liegt nun in einem Grab ohne Stein.

Magdeburg, hören wir, sei keine Nazimetropole. Es gebe ein Bündnis gegen Rechts, alljährlich werde an Frank Böttchers Todestag erinnert. Auch der Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) spreche klare Worte – nicht heute freilich, in Neu Olvenstedt. Hier redet der grüne Stadtrat Sören Herbst und fragt, wie denn die Mehrheit ihr Demokratieverständnis lebe, was Zivilcourage heiße und was Gerechtigkeit, wenn Flüchtlinge, Obdachlose, Punks ausgegrenzt würden. Rechtsradikale Straftaten nähmen zu. Und es schmerze, dass die Rechten im Januar zum Gedenken an die Bombardierung Magdeburgs 700 Marschierer auf die Beine brachten. Die Gegendemo mobilisierte nur 500 Demokraten.

Zur Neu-Einweihung des Gedenksteins, in der Presse angekündigt, strömten 22 Menschen – inklusive des Redners, der Aktivisten vom Bündnis gegen Rechts, des Reporters und der Biertrinker am Döner-Imbiss. Von denen erzählt einer, wie russlanddeutsche Aussiedlerjungs kürzlich eine schwangere Frau niederschlugen. Die Polizei wolle ihn als Zeugen, doch er werde schweigen, er habe ja keinen Schutz. Pascal Begrich und Thomas Weber vom Miteinander e. V. hängten an der Haltestelle Poster auf: Porträts von Opfern rechter Gewalt. Seit 1990 starben 136 Menschen, in ganz Deutschland, zum Beispiel der Halberstädter Rentner Helmut Sackers, den am 29. April 2000 ein Nachbar erstach. Sackers hatte die Polizei gerufen, weil der Nachbar die Umgebung mit dem Horst-Wessel-Lied beschallte.

Die Opfer-Poster sind Teil einer Wanderausstellung ( www.opfer-rechter-gewalt.de ). Jedes Porträt konterkariert ein idyllischer Kartengruß aus unversehrten Heimatlanden. Frank Böttcher hat Post aus Meiningen bekommen. Ja, weltenfern von Neu Olvenstedt wirkt das Thüringer Residenzlein mit seiner Elisabethenburg und dem Bechstein-Brunnen im englischen Park. Frank Böttcher ist gewiss nie dort gewesen. Muss also Meiningen kümmern, was mit Frank Böttcher geschah?