Es gibt keinen Bereich der Medizin, in dem schlechte Presse so viel Schaden anrichtet. Jede einzelne Meldung über Unregelmäßigkeiten und Ungerechtigkeiten bei der Transplantationschirurgie bedroht das ohnehin geringe Aufkommen an Spenderorganen. Und in den vergangenen Wochen war die Presse besonders schlecht: Aus Essen wurde berichtet, dass sich dort die Chancen auf eine neue Leber angeblich erhöhten, sobald eine Spende von 5000 bis 10000 Euro auf ein Forschungskonto floss. An anderen Kliniken sollen gut zahlende Ausländer vorrangig transplantiert worden sein. Und das Institut für Gesundheitsökonomie der Universität Köln fand heraus, dass Privatpatienten seltener als Kandidaten für eine Transplantation abgelehnt werden. Alles Schlagzeilen, die das Ansehen der Transplantationsmediziner nicht gerade fördern.

Dabei sterben jährlich etwa 1000 schwerstkranke Menschen in Deutschland, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Noch immer werden hierzulande viel zu selten Herzen, Lungen, Nieren oder Lebern gespendet. Der Verteilungskampf ist hart. Desto wichtiger sind präzise Regeln, die garantieren, dass es bei der Verteilung gerecht zugeht. Doch was heißt in diesem Zusammenhang eigentlich gerecht?

Zum Glück bleibt den Ärzten in vielen Fällen die schwierige Entscheidung zwischen verschiedenen Organempfängern erspart. Oft kommt nur ein Patient infrage, weil just seine Blutgruppe und Gewebemerkmale mit jenen des Spenderorgans übereinstimmen. Ein anderer Kandidat profitiert davon, dass er in der Nähe lebt und das Organ auf einem langen Transportweg Schaden nehmen würde. Und wenn doch einmal zwischen verschiedenen Patienten entschieden werden muss, zählt im allgemeinen der Schweregrad der Erkrankung und damit die Dringlichkeit. Jemand, der bald zu sterben droht, hat keine zweite Chance.

Aber ist es wirklich am besten, besonders kranken Patienten den Vorzug zu geben? Sollten nicht besser leichtere Fälle das Organ bekommen, weil bei ihnen die größten Überlebenschancen nach der Operation bestehen? Oder sind die besten Kandidaten eher Kinder, weil sie noch viel länger mit dem Transplantat leben können? Und darf man einen geeigneten Ausländer ausschließen, nur weil sein Land keine Organe in den Organpool der Vergabezentrale Eurotransplant in Leiden einbringt? In diesen schwer entscheidbaren ethischen Szenarien sind vielleicht nur drei Regeln konsensfähig: Vermögende Patienten sollten sich kein Transplantat erkaufen können, das angewandte Verfahren muss bis ins Letzte transparent sein, und jede Regel muss angesichts neuer Erkenntnisse revidierbar sein.

Die neuesten Meldungen über eine manipulierte Vergabepraxis nähren allerdings den Verdacht, dass das Geld eine größere Rolle spielt, als für eine gerechte Verteilung akzeptabel erscheint. Eine Möglichkeit für die Kinder vermögender Ausländer, abseits der Wartelisten und Kriterienkataloge doch an die begehrten Transplantate zu kommen, waren lange Zeit die sogenannten Splitlebern, der abgetrennte linke Leberlappen. Kleinen Kindern wird nur in seltenen Fällen – ausschließlich wenn der Spender auch ein etwa gleichgroßes Kind ist – eine ganze Leber verpflanzt. Ansonsten reicht der linke Leberlappen eines Erwachsenen. Für einen ausgewachsenen Menschen wiederum, der den wesentlich größeren rechten Leberlappen erhält, ist der Verlust des linken Lappens überhaupt kein Problem, da sich das Lebergewebe durchaus vermehrt und sogar im weiteren Verlauf wieder die ursprünglichen Ausmaße erreichen kann. Deshalb können auch nahe Verwandte Kindern einen Leberlappen spenden, der dann bei den Kleinen einfach mitwächst.

Wie kann man die Dringlichkeit einer Transplantation messen?

In der Vergangenheit reisten ausländische Kinder nach Deutschland, um eine Transplantation durch Lebendspende von Verwandten durchführen zu lassen – ein Organtransfer, der den Eurotransplant-Pool nicht beansprucht. Die Kliniken und Ärzte freuten sich über die gut zahlenden Privatpatienten, immerhin kostet eine Lebertransplantation bis zu 137000 Euro. Das Problem war jedoch, dass sich die Gesundheitssituation der Kinder oftmals vor Ort in der Klinik drastisch verschlimmerte und plötzlich gar kein passender Lebendspender zur Verfügung stand, sodass dann notfallmäßig ein Organ von Eurotransplant zum Einsatz kam. Im Ergebnis wurden die Patienten auf diese Weise an der Warteliste vorbeigemogelt.