Deutschland ist jetzt Altenrepublik. Vor bald 60 Jahren gleich doppelt wiedergeboren, in Ost und West, erreicht es nun den Vorruhestand. Ein Land, so alt wie seine Menschen. Ein Land, so alt wie seine Politiker.

Jeder dritte Wähler hat seinen 60. Geburtstag bereits hinter sich – und jeder zweite Christ- und Sozialdemokrat auch. In der CDU stieg der Anteil der über 60-Jährigen von 1990 bis 2007 von 29 auf 48 Prozent, in der SPD von 25 auf 47. Immer mehr alte Politiker machen Politik für immer mehr alte Bürger. Das hat Folgen. Beispielsweise eine außerplanmäßige Rentenerhöhung von 1,1Prozent, eine satte Verdopplung der einkalkulierten Summe. Dem Zuschlag wird geopfert: eine langfristig geltende Rentenformel, die ein System gerade noch finanzierbar hält, das jährlich auf 80 Milliarden Euro Steuerzuschüsse angewiesen ist. Eine geplante Beitragssenkung, die Arbeit verbilligt und Chancen für neue Jobs erhöht. Die Zukunft der Jungen. Aber warum nur 1,1 Prozent? Warum nicht drei? Oder fünf? Man hat schon seinen Lafontaine im Ohr: Lebensleistung muss sich wieder lohnen. Was mit einem Systembruch begann, wird im Populismus enden.

Die Rentner sind jetzt an der Macht – und die Jungen müssen bangen. Von Generationengerechtigkeit spricht niemand mehr. Wie auch, wenn alle nur noch vom Verteilen im Hier und Jetzt reden? Der Generationenkonflikt war bisher Zukunftsszenario. Nun wird die Zukunft Gegenwart, das Szenario Wirklichkeit. 38 Prozent der Deutschen halten laut Politbarometer die Konflikte zwischen Jung und Alt für sehr stark oder stark ausgeprägt. Der höchste bisher ermittelte Wert.

Gegner der These vom Generationenkonflikt, von der Macht der Alten und der Ohnmacht der Jungen, führen gern an, es gäbe sie ja gar nicht, die Alten. Was soll der Rentner mit Villa an der Costa Blanca gemein haben mit der Rentnerin in Jena-Lobeda, die nicht weiß, wovon sie vom 20. eines jeden Monats an leben soll? Was der Wirtschaftswunder-Konservative, der seit Jahren in Rente ist, mit dem Alt-68er, der jetzt in Rente geht? Und warum sollen die Alten eigentlich nur nach dem Geldbeutel wählen?

Angeführt werden die Generationenversöhner von Ursula von der Leyen. Wenn die Seniorenministerin über ihre Schutzbefohlenen spricht, wird das ergrauende Deutschland zur Heimat der edlen Alten. 20 Millionen Rentner sind tagein, tagaus damit beschäftigt, gut zu sein. In diesem Wunderland betagter Selbstlosigkeit herrschen Harmonie, Zusammenhalt, Frieden. Ergo: »Den Krieg der Generationen gibt es nicht.« Dumm nur, dass von der Leyens Parteifreund, der 27-jährige Jens Spahn, soeben mitten in ihn hineingeraten ist.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete kennt Senioren nicht als edle Alte, er kennt sie als bestens organisierte politische Kampfeinheit. In vermintem politischen Terrain verfolgt diese jeden erbarmungslos, der es wagt, den Pfad der Wahrheit zu betreten. So wie Spahn selbst. Der hatte die Rentenerhöhung als das bezeichnet, was sie ist: ein Wahlgeschenk an die Rentner, das die Jungen langfristig viel Geld kostet. Daraufhin versprach die Senioren-Union dem jungen Parteifreund, alles zu tun, damit er nie wieder in den Bundestag kommt. Niemand in der Union regte sich darüber auf. Kein Junger, kein Alter – und kein Prominenter. In der Politik darf man zwar viele zum Feind haben. Aber nicht die Alten.

Dass die Senioren nicht nur nach dem Geldbeutel wählen, mag für diejenigen stimmen, die sich ihren Altruismus leisten können. Wenn künftig aber immer mehr Menschen in Rente gehen, die längere Zeit arbeitslos waren oder Niedriglöhne bezogen und daher nur geringe Rentenansprüche haben, werden dazu immer weniger in der Lage sein. Sie müsste die Politik gezielt fördern – statt alle Rentner pauschal zu einer großen Bedarfsgemeinschaft zusammenzuschweißen.