Martenstein

Die Veredelung des Daseins

Unser Kolumnist hat sich vorgenommen, seinen Buchbestand nicht mehr zu vergrößern. Das führt zu heftigen Verdrängungswettkämpfen in den Martenstein'schen Regalen

Früher waren Bücher für mich ein Statussymbol. Ich dachte: "Wer meine Wohnung betritt, erkennt sofort, dass er es mit einem gebildeten Menschen zu tun hat, einem Menschen, mit dem eine nähere Bekanntschaft intellektuell lohnt. Bingo." Heute kommt mir das albern vor. Meine Persönlichkeit kann ich doch auch anders rüberbringen. Man braucht nicht so viele Bücher. Das, was man wirklich braucht, ist Platz. Gut, an ein paar Büchern hängt man. Ein paar Romane findet man so gut, dass man sie Freunden leihweise aufdrängt. Aber normalerweise liest man einen Roman, auch einen guten, kein zweites Mal. Ich habe beschlossen, dass meine Wohnung nicht wie eine Bibliothek aussehen soll.

In meiner Wohnung stehen zurzeit etwa 2000 Bücher. Das ist, glaube ich, relativ wenig für jemanden mit meinem Beruf. Ich hatte mal mehr, ich habe viel verschenkt oder weggeworfen oder sogar verbrannt. Pro Jahr lese ich etwa 80 Bücher, normalerweise eines pro Woche, im Urlaub eines am Tag. Dazu kommen Nachschlagewerke et cetera, also im Jahr wächst der Bücherbestand um mindestens hundert.

Seit einiger Zeit überlege ich mir bei jedem Buch nach der Lektüre, ob ich es wirklich, wirklich behalten möchte. Falls dem so ist, sortiere ich dafür ein anderes aus, welches ich der Stadtbibliothek stifte oder, falls es zu zerfleddert ist, irgendwo liegen lasse. Ich schenke meinen kleinen zerfledderten Freunden die Freiheit, vielleicht finden sie ein neues Herrchen beziehungsweise Frauchen.

Meine kleine Bibliothek wird, für mich, immer besser, wie eine Soße, die man einkocht. Es stehen immer weniger Autoren darin. Es finden Verdrängungswettkämpfe statt. Zuletzt habe ich für Wilde Schafe von Katja Lange-Müller mein einziges Julia-Franck-Buch aussortiert, eine Autorin, die sicher ganz gut ist, aber mit der ich nichts anfangen kann. Ich habe den Bayern Ludwig Thoma und den Aphoristiker Dávila weggetan, wichtig, wichtig, gewiss, aber nicht mein Ding.

Von Autoren, die ich eigentlich mag, sortiere ich weg, was ihnen in meinen Augen misslungen ist, das peinliche Die Kluft von Doris Lessing, von Woody Allen die Pure Anarchie, sterbenslangweilig, auch Montauk von Max Frisch kann mir gestohlen bleiben, ich bin zweimal dabei eingeschlafen. Für Mobbing von Annette Pehnt wurde A Long Way Down von Nick Hornby freigesetzt.

Ich werde niemals mehr ein zusätzliches Bücherregal brauchen. Ich werde am Ende nur noch Bücher besitzen, von denen ich überzeugt bin. Im Moment schauen mich aus dem Regal noch zahlreiche Fremde an, eines Tages stehen dort nur noch Freunde.

Mit allen anderen Besitztümern sollte man es genauso halten. Irgendwann im Leben sollte man einen Strich ziehen, genug Besteck, genug Bilder, genug Bettbezüge. Neue Gegenstände werden nur dann aufgenommen, wenn sie sich gegen einen der Platzhalter qualifizieren, ansonsten: Annahme verweigert. Status, materieller Wert oder Angebertum dürfen keine Rolle spielen, es zählen nur Schönheit, Witz oder emotionale Werte, zum Beispiel bei Geschenken, die ruhig hässlich sein dürfen, falls sie an eine angenehme Bekanntschaft erinnern.

Auf diese Weise wird die Umgebung, in der man sich aufhält, nicht zwangsläufig schöner, aber einem immer gemäßer und angenehmer, das Leben wird also immer schöner, bis es dann eines Tages vorbei ist. Die Nachgeborenen werden bei der Sichtung des Nachlasses wissen, dass hier nichts zufällig ist, sondern alles gewollt, wie bei einem gelungenen Kunstwerk.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

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Leser-Kommentare

  1. Interessanter Artikel, allerdings 2000 Bücher in einer Wohnung stehen zu haben finde ich etwas viel - in meinem Zimmer komme ich als Jugendlicher vielleicht auf 100...Allerdings ist die Einstellung irgendwann einen Schlusstrich zu setzen und nur noch Altes gegen Neues zu tauschen durchaus gut. Wenn Sie Bücher einfach so auf die Straße setzen fürchte ich jedoch, dass diese eher weniger mitgenommen werden, sondern irgendwann dem Wetter zum Opfer fallen udn im Müll enden. Irgendwo habe ich einmal etwas über einen Bcuhverleih gelesen, bei dem Leute ihre - nicht mehr benötigten - Bücher in Umlauf bringen indem sie sie aussetzen - aber das im Internet und durch eine Kennzeichnung am Buch zur Kenntnis geben, sodass diese Bücher durch das ganze Land wandern können. Das wäre vielleicht etwas für Sie.Übrigens halte ich den letzten Absatz für etwas melanchonisch, obwohl der Anfang noch ganz gut ist - nach "...das Leben wird also immer schöner" käme ein Punkt statt einem Komma meiner Sicht nach gut.Sebastian

  2. ich nehme gern ihre abgelegten Bücher, auch die zerfledderten !Gruß, Synelly

  3. Lieber Herr Martenstein, seit Wochen geht mir Ihr Artikel nicht aus dem Kopf. Als erstes moechte ich hier ein Buch zu dem Thema empfehlen: Ex Libris - Anne Fadiman (Bekenntnisse einer Bibliomanin).
    Die Idee Ihr eigenes "Buecher-Kunstwerk" zu schaffen finde ich sehr interessant. Warum sollen wir Buecher haben die uns nichts bedeutend.
    Auf der anderen Seite passiert mir seit ein paar Jahren folgendes. Ich lese ueber interessante Buecher, ueber fuer mich interessante Themen ... und ich habe das Gefuehl, ich muss die Buecher kaufen, um die Themen/Geschichten nicht zu verlieren.
    Mal sehen wie ich zu dieser Situation in ein paar Jahren stehe, aber im Moment waechst meine Sammlung - und ich komme mit dem lesen garnicht hinterher.
    Saludos
    Oi

  4. Unter folgender Adresse kann man wunderbar Bücher registrieren und aussetzen. Am Besten funktioniert das natürlich in Großstädten.http://www.bookcrossers.de/bcd/home/

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  • Von Harald Martenstein
  • Datum 9.4.2008 - 06:09 Uhr
  • Serie audio
  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 10.04.2008 Nr. 16
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  • Schlagworte Gesellschaft | Gesellschaft und soziales Leben |
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