Auf dem Gelände der Firma Yaskawa kann man zusehen, wie Arbeit vernichtet wird. Man muss bloß Ei-aeh Niju zuschauen. Niju steht in einer neonlichtdurchfluteten Halle am Fließband. Dort macht er nichts Ungewöhnliches. Er legt eine Art Schablone in einen Metallsockel, füllt sie mit vier Schrauben, greift sich einen elektrischen Schraubenzieher und dreht sie surrend fest. Viel mehr muss er nicht tun, dann rückt der Metallklotz vor ihm zur Seite und macht Platz für den nächsten.

Die Handgriffe sind simpel, spannender ist, was dabei herauskommt: Roboter. Niju montiert ihre Sockel. Sein Arbeitsplatz ist die größte Roboterfabrik der Welt, wie die Firma stolz erklärt. Bis zu 2300 Stück werden hier, in der japanischen Industrie- und Hafenstadt Kitakyushu, monatlich produziert. Roboter, die in alle Welt verschifft werden – damit sie in Dänemark Käse einpacken, in Deutschland Autokühler lackieren oder in den USA Einkaufswagen zusammenschweißen. Maschinen, die ohne zu murren Arbeit jeder Art annehmen. Roboter wie Niju.

Denn auch er ist eine Maschine. »Ei-aeh Niju« ist die japanisch-englische Sprechweise von »IA 20«. So heißt dieses Modell. Es ist 1,60 Meter groß, wiegt 120 Kilo und sieht aus wie ein großer, muskelbepackter Arm aus Metall. Mit ein bisschen Strom kann er monatelang Schrauben festziehen, ohne dass jemand Öl nachfüllen oder sich sonst wie darum kümmern müsste. Niju – oder ebendieser IA 20 – ist selbst ein Produkt der Fabrik, in der er jetzt am Fließband steht.

Arbeit ist es genau genommen nicht, was der Roboter macht. Denn in der Ökonomie zählt dazu nur menschliches Tun. Menschliche Tätigkeit, die dazu dient, eine Ware oder Dienstleistung zu produzieren. Arbeit ist einer der drei klassischen Produktionsfaktoren. Die anderen heißen »Boden« und »Kapital«. Und genau genommen bezeichnet dieser letzte Begriff das, was Niju tut: Es ist der Beitrag, den Werkzeug und Maschinen zur Produktion leisten. Greift der Roboter nach seinem Schraubenzieher, sieht man also den Produktionsfaktor Kapital in Aktion. Genauer: Kapital, das hilft, den Faktor Arbeit durch weiteres Kapital zu ersetzen. Niju vernichtet also Arbeit.

Das klingt dramatisch. Aber ist das wirklich schlimm? Ist es nicht ein Traum der Menschheit, sich von der Last der Arbeit zu befreien? Warum gibt es überhaupt noch – trotz aller Nijus und allen technischen Fortschritts – so viel zu tun auf dieser Welt?

Japan ist ein spannender Ort, um diesen Fragen nachzugehen. Denn nirgendwo sonst stehen so viele Roboter an den Werkbänken. Jeder dritte Industrieroboter weltweit schuftet in einer japanischen Fabrik. Gleichzeitig mangelt es aber auch den Menschen nicht an Beschäftigung. Mehr als 96 Prozent der japanischen Erwerbsbevölkerung haben einen Job. Die Arbeitslosenquote ist nur halb so hoch wie in Deutschland (3,8 statt 7,6 Prozent nach internationaler Zählweise). Mancher Japaner arbeitet sogar bis zum Umfallen. Für den Tod durch Überarbeitung gibt es ein eigenes Wort – Karoshi . 147 Opfer in einem Jahr zählte das Arbeitsministerium zuletzt.

Ökonomen verkündeten einst den Dreistundentag. Daraus wird nichts