Gleiches Recht auf gleiche Bildung für alle. So lautet ein Grundsatz der Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg-Mayrwies. Seit Montag sind dort manche Kinder gleicher als viele ihrer Kameraden. Nur wer durch die Passkontrolle vor der Schule kommt, darf anschließend auch das Eingangstor in der Waldorfstraße 11 passieren. Nur 65 der 330 Kinder dürfen an diesem Montag in ihre Klassenzimmer. Nur sie erfüllen die behördlichen Auflagen: Entweder sind sie gegen Masern geimpft oder haben die Krankheit bereits überstanden.

Die Schule ist der Infektionsherd der Masernwelle, die über Ostern überraschend ausbrach. Bislang haben sich in Österreich und dem bayerischen Grenzgebiet über 180 Menschen angesteckt. Allein in der Rudolf-Steiner-Schule waren es 105 Kinder und Lehrer, die an hohem Fieber und dem typischen Hautausschlag laborierten. Seitdem steht die Schule am Pranger. Wegen der nach ihrem ersten Mäzen so benannten Waldorfpädagogik, die auf den esoterischen Ansichten des Lebensreformers Rudolf Steiner beruht, war die Gesamtschule seit je umstritten. Keine Noten, kein Sitzenbleiben, keine Matura – ein Dorn im Auge von Anhängern traditioneller Schulkonzepte. Dass es ausgerechnet in der Alternativschule zu so vielen Ansteckungen gekommen ist, halten viele für keinen Zufall. Grund sei Steiners Lehre: die Anthroposophie (»Weisheit vom Menschen«), die nicht nur für die Pädagogik, sondern auch für die Medizin eigenwillige Konzepte entwickelte. Anthroposophische Ärzte gehen unter anderem davon aus, dass Krankheiten nicht notwendigerweise ein Übel sind, das mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Man sollte sie besser mit Hilfe der Abwehrkräfte des Organismus durchstehen. »Wir verfolgen aber keine Impfpolitik«, sagt Herta Hans, Sprecherin des Bundes freier Waldorfschulen, zu dem sich in Österreich die 13 alternativen Steiner-Bildungsstätten mit ihren knapp 2.500 Schülern zusammengeschlossen haben.

Steiner-Schulen sind anders. Sie basieren auf der Idee, jeder Einzelne könne eine höhere Erkenntnis von Natur, Kosmos und Spiritualität erlangen, wenn er Körper, Seele und Geist schule. In der Praxis heißt das, Kinder werden auf allen drei Ebenen dieses Weltbildes gleichermaßen unterrichtet. Zu den Pflichtfächern zählen neben Mathematik und Deutsch auch Tischlern, Gartenbau und Eurythmie, eine Art Ausdruckstanz. Wer nach zwölf Jahren Gesamtschule studieren will, muss seine Reifeprüfung extern nachholen. Die meisten Kinder stammen aus Familien der höheren Mittelschicht. »Das sind bewusste Eltern mit einem hohen Kritikpegel. Die handeln einfach anders, als es dem normalen Ablauf entspricht«, erklärt Pressesprecherin Hans. Das könnte auch der Grund sein, weshalb diese Eltern Impfungen häufig kritisch gegenüberstehen.

»Wehe du impfst, sonst…«, lacht Maria Leutzendorff. Ironisch hebt sie ihren Zeigefinger. »Nein, wir Eltern sprechen uns nicht untereinander ab«, wehrt sie ab. Die 53-jährige Managergattin unterrichtet Mathematik und katholische Religion an der Waldorfschule Wien-Mauer. Ihre fünf Kinder sind seit dem Kindergarten mit Waldorfpädagogik aufgewachsen. Einer eingeschworenen Gemeinschaft von fanatischen Impfgegnern gehört Leutzendorff entgegen aller Klischees nicht an. Gegen Krankheiten wie Tetanus und Kinderlähmung hat sie ihre Kinder impfen lassen. Gegen Masern wurde nur ihre heute 24-jährige Tochter geschützt, die dennoch krank wurde, da sie die erforderliche Zweitimpfung verpasste. Die Waldorfmutter ist überzeugt davon, dass eine überstandene Krankheit das Immunsystem stärke. »Was dich nicht umbringt, macht dich stärker«, diese Devise klingt bei anthroposophischen Ärzten immer wieder durch. Zu schulmedizinischen Methoden greifen sie erst, wenn die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht mehr ausreichen. Vorher ist die Krankheit die Therapie. »Anthroposophische Ärzte sind keine fanatischen Impfgegner. Sie sind für die freie Impfentscheidung der Eltern«, sagt Elisabeth Frank, Schulärztin an der Waldorfschule in Wien-Mauer. Allerdings müssten sich die Eltern dann auch genügend Zeit reservieren, um ihre kranken Kinder wieder gesund zu pflegen. Ihre Entscheidung gegen eine Impfung begründen Eltern oft mit einem »Entwicklungsschub«, den der Genesungsprozess auslöse. »Sie erzählen mir, dass die Kinder reifer aus dieser Krise hervorgehen«, berichtet Frank.

Ähnlich hat auch der Arzt der betroffenen Salzburger Schule argumentiert, dem vorgeworfen wurde, Eltern von einer Masernimpfung abgeraten zu haben. Kurzzeitig kursierte sogar das böse Gerücht, in Salzburg seien sogenannte Masernpartys veranstaltet worden, bei denen Eltern ihre nicht geimpften Kinder bewusst mit erkrankten zusammengebracht hätten, in der Hoffnung, sie könnten so auf natürliche Weise gegen das Virus immunisiert werden.

In der Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg-Mayrwies waren Masern und Impfungen bis zu den Osterferien kein Thema. Heute sind sie fast schon tabu. »Ich gebe keine Auskunft über meine persönliche Entscheidung«, antwortet eine Mutter auf die Frage, ob sie ihre Tochter impfen ließ. Doch die Masern dulden keine Ausnahmen. An der Passkontrolle vor dem Schultor muss jetzt auch die genervte Mama das Infektionsrisiko ihrer Tochter deklarieren.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben