Vor dem Abflug fragen Freunde: »São Tomé? Moment… in der Karibik, stimmt’s? Halt, nein! Ist das nicht die Hauptstadt von… ähäm… verdammt, wie heißt das gleich noch mal?« Die beiden Erdkrümel, rund 300 Kilometer südwestlich von Kamerun, gehören offenbar nicht zum Kanon geografischer Allgemeinbildung. Nur Spezialisten wissen, dass São Tomé und Príncipe eine Doppelinsel-Nation ist und nach den Seychellen Afrikas zweitkleinster Staat.

Auf die nachgeschobene Freundesfrage, warum man rund acht Flugstunden – gut zwei von München bis Lissabon, sechs von Portugal über die Westsahara bis zum Äquator – auf sich nehmen sollte, habe ich eine dreisilbige Antwort: Regenwald. Kaum irgendwo sonst in Afrika kann man ihn so direkt anfliegen, und kaum irgendwo ist er wildschöner, ursprünglicher.

Genau genommen ist der erste Wald, den ich auf São Tomé betrete, kein richtiger Regenwald. Grüne Finger strecken sich nach einer ehemaligen Bananenplantage aus, die Natur will sich alles zurückholen. »Wir nennen es die Bambuskathedrale«, sagt Luma, der eigentlich Luis Mairo Almeda heißt. São Tomés Naturführer-Pionier macht eine einladende Handbewegung. Dreifach armdicke Bambusstämme wölben sich in elliptischen Bögen himmelwärts wie die Spanten eines Kirchenschiffs. Das Licht fällt grün gedimmt durch Spitzbogenfenster. Und der laute Vogel, dem unser Kirchenbesuch nicht passt, ist ein Smaragdkuckuck, »grün-gelb in den Landesfarben der Insel«, sagt Luma.

Luma, 46, ist sehr wahrscheinlich der einzige São-Toméer, der schon einmal 200 Meter in 22,2 Sekunden lief. Damals, in der kurzen sozialistischen Phase nach der Unabhängigkeit im Jahre 1975, gelang ihm sein Bravourlauf mit Hilfe eines DDR-Trainers. Seit ein paar Jahren ist er Fußballnationalcoach von São Tomé und Príncipe. Und nature guide!

Nach einer Weile – ich habe mich in das Gehusche handtellergroßer Krebse in der Laubstreu vertieft – mahnt Luma zur Weiterfahrt. »Soon … sombre«, sagt er in seinem kühnen, grammatikfreien Französisch-Englisch-Mix. Gleich dunkel? Als Mensch der nördlichen Breiten braucht man jedes Mal wieder ein paar Tropentage, um sich nicht mehr überraschen zu lassen von diesem Schlusssprung des Tages in die Nacht, ganz ohne Anlauf, lediglich mit einer kleinen, verhuschten Dämmerung dazwischen.

Der Rückweg nordwärts in den dichter besiedelten Teil der Insel ist nur ein paar Dutzend Kilometer lang, aber die Nacht verschluckt alles. Besonders die Schlaglöcher. In den Dörfern am Straßenrand sind die typischen Bretterhütten nur mehr graue Schemen. Aufgestelzt widerstehen sie den tropischen Starkregenfluten und sehen aus wie überdimensionierte Vogelhäuser. Kleine Jungen haben in Eigeninitiative besonders tiefe Schlaglöcher mit Erde verfüllt und recken nun ihre Hände fordernd in den Lichtkegel der Scheinwerfer. Schlaglöcher als Einkommensquelle. Die Väter dieser Kinder sind arbeitslos oder Fischer, fahren in heroisch wirkenden, wendigen Einbäumen weit hinaus. Aberwitzig weit und oft lebensgefährlich lange, weil ausländische Hochleistungsfischer ihre Fangquoten kaltschnäuzig überziehen und mit modernem Gerät alles leer fischen, was sich leer fischen lässt.