Luma trainiert die Nationalelf und ist einer der ersten Naturführer

Lumas Vorschlag, in der Roça São João zu übernachten, ist mir hochwillkommen. Roças sind die bekanntesten Zeugen historischer Architektur auf São Tomé und Príncipe. Die Portugiesen, die 1470 am Tag des heiligen Thomas auf São Tomé landeten, bauten sie als Landsitze in den Wald. Von den Roças aus überwachten sie die Sklaven, die auf den kolonialen Kakao-, Kaffee-, Zuckerrohr- und Palmölplantagen schufteten. Nach Ächtung der Sklaverei Ende des 19. Jahrhunderts hießen die Einwanderer aus Angola und von den Kapverden »Kontraktarbeiter«: De-facto-Sklaven, denen ihre verbrieften Rechte vorenthalten wurden.

Längst hat der Regenwald die allermeisten der über hundert Roças mit feuchter Hand zu malerischen Ruinen zerkrümelt: Bromelien spreizen sich in leeren Fensterhöhlen, Brotbaumwurzeln sprengen die Veranden, auf denen die Sklavenhalter portugiesische Importweine entkorkten und die Modetänze des Fin de Siècle tanzten.

Als wir São João erreichen, liegt Mondlicht auf dem Herrenhaus, schält zwei Erkertürmchen aus dem Nachtschwarz und einen umlaufenden Balkon. Ein wohlhabender Insel-Promi, der im portugiesischen Fernsehen die Planstelle »charismatischer afrikanischer TV-Koch« innehat, ließ das Herrenhaus sanieren. Er hat es für Gäste bewohnbar gemacht, die ohne Hotelklassifizierungssterne und modernen Duschkomfort auskommen.

Von der schlichten Terrasse, zum Dinner von Palmölfackeln erleuchtet, fällt der Blick auf das Blätterdach des Regenwaldes. Im Vollmondlicht schimmert es wie oxidiertes Silber. Ein Pärchen São-Tomé-Eulen kobolzt durch die Krone eines Jackfruit-Baumes, dessen Zweige fast die Terrasse berühren. Der Wald atmet kühl und feucht aus. Irgendetwas duftet nach Limonengras. Auf dem Teller kommen zart gedünstete Barrakuda-Steaks zu liegen, benetzt von mild scharfer Kokosmilch und umkränzt von einem Püree aus Süßkartoffel und Banane. Wäre ich Gastrokritiker, würde ich jetzt notieren: Die afrikanische Meisterküche der Roça São João funktioniert auch dann, wenn der Maestro in Lissabon vorkocht.

Unten in der Angolares-Bucht flackern die Lichter und verlöschen. Als ich nach der Ursache frage, schüttelt Luma den Kopf: Nein, kein Stromausfall. Sparabschaltung. Kein Geld für Diesel. Längst ist die Hoffnung, São Tomé und Príncipe könnten ein neues Brunei werden, gedämpft. Chevron fand 2007 bei Probebohrungen rund 2500 Meter unter der Meeresoberfläche zwar hochwertiges Öl, aber nicht in den Mengen, die eine Ausbeute lohnen würden. Obwohl bisher kein Tropfen für den Export gefördert wurde, häufen sich die Korruptionsfälle. Öl stinkt. Schon stürzten einheimische Politiker beim voreiligen Pokern um den Schmierstoff. Doch anders als im benachbarten Nigeria wird hier nicht wegen Öl gemordet.

Den nächsten Morgen verkünden Hähne lange vor Tagesanbruch. Aus den lang gestreckten ehemaligen Plantagenarbeiterhäusern, die ein wenig an europäische Mietskasernen des späten 19. Jahrhunderts erinnern, quellen Kinder. Einige stecken in marineblauen Schuluniformen. Die Mädchen tragen Rastazöpfchen, ihre Brüder oft nur frisch gewaschene Kopfhaut. Und alle drängen in einen Schulbus, der sie hinunter ins Dorf Angolares bringt. Der Bus trägt chinesische Schriftzeichen. Taiwan engagiert sich von allen ausländischen Nationen am deutlichsten und nachhaltigsten auf São Tomé und Príncipe, hat Schulen gebaut, Verwaltungsgebäude spendiert und die Malaria zurückgedrängt. Taiwan zeigt Flagge, seit sich die sozialistischen Bruderstaaten Ende der Achtziger ähnlich abrupt davongemacht hatten wie anderthalb Jahrzehnte zuvor die Portugiesen.