Dünner Rauch kräuselt sich über den Unterkünften und verliert sich bergwärts. Von hier aus steigt das Land bis zum vulkanischen Rückgrat der Insel auf 2000 Meter an. Irgendwo da oben am Rand des Obo-Nationalparks liegt unser Tagesziel, die Regenwaldschule. Luma nennt sie »unsere Schule«, die Schule der nature guides.

Der Weg dorthin führt über Trinidade, ein Städtchen, das zerknittert wirkt wie eine alte kolorierte Fotografie und verwaschen, auch wenn es gerade nicht regnet. In der Kirche, sagt Luma, trafen sich die Kämpfer für die Unabhängigkeit. Zur Tarnung sang ein Teil fromme Lieder, während der andere tuschelte. Das war riskant. Noch Anfang 1953 ließen die Kolonialherren mehr als tausend Arbeiter erschießen und niedermetzeln, weil sie gegen die Fron protestiert hatten. Der 3. Februar jeden Jahres ist Volkstrauertag.

Oberhalb von Trinidade wird die Straße einspurig. Unter mächtigen Schirmbäumen ziehen sich hellgrüne Kaffeeplantagen den Berg hinauf. Der Café Monte, sagt Luma, ist der beste Inselkaffee und der einzige, der noch für den Export produziert werde.

Wo die Plantagen enden und der Wald beginnt, liegt die Regenwaldschule. Gleich nach unserer Ankunft führt Luma mich in einen hellen Klassenraum. Zwanzig Kaffeeplantagenarbeiter lassen sich hier von ihm zu Naturführern ausbilden. Auf einem Flip-Chart steht auf Portugiesisch »Was wir wissen müssen«, darunter sind ein Dutzend Stichworte aufgelistet. Luma hat gerade vergangene Woche eines davon abgearbeitet: Erste Hilfe – was tun, wenn der zahlende Gast am Berg schwächelt? Der botanische Garten hinter der Schule ist nicht nur Schulgarten. Künftige Ökotouristen – einige wenige waren schon da – sollen hier eingeführt und eingestimmt werden, ehe sie, fachlich begleitet, in die himmlisch grüne Hölle rund um den Pico de São Tomé aufsteigen.

Der Pfad löst sich von der Felsschulter. Fernblick. Und was für einer!

Der Pfad steigt erst mäßig an. Er schlängelt sich vorbei an einem Wasserfall, der direkt aus den Baumwipfeln zu fallen scheint und in einer flachen Lavaschüssel endet. Das Gesprüh der zerstäubenden Tropfen tuscht einen kleinen Regenbogen auf die Wand aus Vulkangestein. Hier, sagt einer der jungen Naturführer, könne man mit etwas Glück die rotbrüstige São-Tomé-Taube beim Trinken beobachten. Unter den Großtauben der Erde ist sie eine der spektakulärsten. Und mit noch etwas mehr Glück träfe man hier auch auf den unglaublich langschwänzigen São-Tomé-Fliegenschnäpper.

Ein paar Hundert Schritte weiter lehnt sich der Pfad an eine braunschwarze Felswand an. Mein Blick fällt in eine Schlucht, in der sich die atlantischen Wolken zu Nebel verflüchtigen. Provozierend beiläufig demonstriert ein Makak, dass das Gesetz der Schwerkraft für seinesgleichen nicht gilt. Sein Auftritt, einarmiger Klimmzug an einer Liane und anschließender Sprung aufwärts, dauert keine zehn Sekunden. Ausdauernd und fast in Griffweite posiert vor uns ein olivfarbener Nektarvogel. Sein pinzettenartiger Bogenschnabel ist mit gelbem Blütenstaub überpudert. »São Tomés Vogelleben mit seinen 15 endemischen Arten ist ein Naturwunder«, so steht es in einer Broschüre der Ecofac, eines EU-Fonds zum Schutz der afrikanischen Ökosphäre. In jedem Fall bietet die Insel das richtige Lockfutter für Bird-Watcher.