Sidney Lumet Der Augenzeuge von New York

Sidney Lumet hat immer wieder in amerikanische Abgründe geblickt. Fast alle seine Filme spielen in New York – auch sein neues Meisterwerk »Tödliche Entscheidung« Katja Nicodemus hat den Regisseur in seiner Stadt besucht

Es geht gar nicht anders, der erste Blick fällt auf die Socken. Es sind weiße Socken, am Rand leicht ausgefranst, nicht gerade passend für einen Mann von dreiundachtzig Jahren. Sidney Lumet bemerkt den Blick sofort und zieht grinsend die Hosenbeine hoch: »Sie sind immer da!«

Es sind die weißen Socken der New Yorker Polizisten, also auch der korrupten Cops und schlecht bezahlten Detectives, die seit einem halben Jahrhundert Sidney Lumets Thriller und Gerichtsfilme bevölkern. »Irgendwie habe ich mir angewöhnt, die Socken auch selbst zu tragen«, sagt Lumet. »Vielleicht weil ich mich mit den Typen verbunden fühle. Egal wie gut oder böse, korrupt oder unbestechlich sie sind. Dabei sind die Dinger wirklich hässlich.« – »Fuckin’ ugly.«

Anzeige

Fuckin’ ist das häufigste Wort seiner Filmfiguren. Was sollen sie auch anderes sagen zu einer Welt aus Dreck, Gier und Gewalt, die sie zu gierigen, gewalttätigen, aber immer auch verzweifelten Menschen macht. Im Kino von Sidney Lumet ist diese Welt New York. Es ist die Stadt, in der er die ärmliche Kindheit eines jüdischen Einwanderersohnes verbrachte, in der er über vierzig Filme drehte, die Stadt, in der er sein ganzes Leben lebte, die er liebt und, so sagt er es jedenfalls, in der er auch sterben wird.

Kein anderer Regisseur hat New York mit so leidenschaftlicher Härte auf die Leinwand gebracht wie Sidney Lumet. Vom klaustrophobischen Beratungszimmer in Die zwölf Geschworenen bis zu den verstaubten Glühbirnen und rissigen Wänden der Polizeibüros in Serpico, von den traurigen Junkiehöhlen in Prince of the City bis zu den spießigen Vorstadthäusern und Maklerbüros in seinem neuen Film Tödliche Entscheidung – Lumets Filme ergeben das zerklüftete Panorama einer Stadt, ihrer Institutionen und Gewalten, ihrer Spannungen, Rassen und Klassen.

Lumet hat in fast allen Vierteln von New York gewohnt, in Gossen und Avenues, überfüllten Klitschen und weiträumigen Apartments. Inzwischen ist er in der feinen Gegend zwischen Central Park und Hudson River angekommen. Wer ihn dort in seinem Büro besucht, ist erst einmal beeindruckt von dem dreißigstöckigen Jugendstilgebäude. Nach imposanten Hausfluren mit verzierten Decken und riesigen Lampen kommt die Ernüchterung: Lumets Büro ist nur ein paar Quadratmeter groß. Im Grunde könnte man von einer Toilette mit Vorzimmer sprechen. Eine zweite Tür verspricht weitere Räume, führt aber nur in einen Wandschrank, in dem eine Jacke und ein Basecap hängen. »Tja, ein alter Mann in einem alten Büro in einem alten Haus«, sagt er und hängt den Mantel der Besucherin auf. Eigentlich, sagt er, lege er gerne die Füße auf den Schreibtisch. Er grinst schon wieder: »Aber nicht bei Damenbesuch.«

Der alte Mann, der mindestens zehn Jahre jünger aussieht, als er ist, wendet seinen Drehstuhl zum Fenster und blickt auf die 73rd Street. Sidney Lumet ist dafür bekannt, nicht gerne über seine Filme zu sprechen, lieber macht er den nächsten. Man mag es ihm aber trotzdem nicht ersparen, denn Tödliche Entscheidung ist ein Alterswerk im besten Sinne: ein großes Melodrama, eine Geschichte von düsterer Wucht, die Lumet mit der für ihn typischen Zurückhaltung und Eleganz erzählt. Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke spielen zwei Brüder in Geldnöten. Bei dem Versuch, das Juweliergeschäft der Eltern zu überfallen, wird ihre Mutter versehentlich tödlich verletzt. Immer wieder und aus anderer Perspektive filmt Lumet den Überfall. Jedes Mal offenbaren sich neue Geschichten, Gesichter und Motive hinter dem Verbrechen.

Im Original heißt der Film Before the Devil Knows You’re Dead. Es ist wirklich eine Fahrt zur Hölle, ins geldversessene Herz der amerikanischen Mittelklasse und in den Abgrund einer Familie.

Tödliche Entscheidung sei vielleicht sein gegenwärtigster Film seit Langem, sagt Lumet. Nie zuvor habe man in seinem Land so hart um die Dollars gekämpft wie heute. »Es ist ein Überlebenskampf. Denken Sie nur an die Berge von Geld, die man für Wohnungsmieten oder Häuser aufbringen muss. Jetzt bricht das alles total zusammen, mit fürchterlichen Konsequenzen für viele. Aber Geld ist bei uns das große Ding, das große Thema, es steckt hier drin.« Er tippt sich an die Stirn. »Diese Haltung ist in den letzten Jahren immer radikaler geworden. Sie hat unser Leben hier von allem, was jenseits davon ist, isoliert.«

In Lumets neuem Film haben sich die Dollars in den Alltag gefressen, sie sind die Währung für alles. Da ist die alte Mutter, die ihre Juwelenauslage ganz selbstverständlich mit der Schusswaffe verteidigt. Oder Ethan Hawke als der geschiedene jüngere Bruder, der seiner Teenie-Tochter nicht die Tickets für das Musical-Weekend bezahlen kann und dafür widerstandslos ihre Verachtung entgegennimmt. Oder Philip Seymour Hoffman als Immobilienmakler, der sich mit dem Geld das bessere Leben und den besseren Sex mit seiner Frau erkaufen will.

»Wissen Sie«, sagt Lumet und legt dann doch die Füße auf den Schreibtisch, »es geht nicht nur ums Geld. Es geht auch um einen unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft, um einen Mangel an irgendeiner Art von Zufriedenheit im Leben. Diese Leute genießen ihr Essen nicht, sie genießen ihren Whiskey nicht, sie haben keine Freude an ihren Frauen, an ihren Familien. Das ist gar nicht übertrieben in Bezug auf die Art und Weise, wie wir hier in Amerika leben. Und diese Stadt ist eine Art Epiphanie von alldem.«

Bis auf einen hat Lumet alle seine Filme in New York gedreht. Und doch gibt es in seinem Werk keine einzige Aufnahme des Empire State Building oder der Freiheitsstatue. New York muss sich bei Lumet nicht als New York aufspielen, da die Stadt ohnehin immer ihre Hauptrolle bekommt. In Tödliche Entscheidung sieht man Philip Seymour Hoffman einmal im luxuriösen Apartment eines Drogendealers. Von oben fällt sein Blick auf Manhattan, es ist das übliche Panorama. Aber bei Lumet liegt es unendlich fern im Dunst. »In diesem Film«, sagt Lumet, »hat mich die Stadt vor allem als Schimäre und große Illusion interessiert.«

»Trotz oder gerade wegen seiner Veränderungen: Ich liebe New York«, sagt Lumet. »Und zwar jeden Tag mehr, je älter ich werde.« Wie um einen Punkt zu setzen, haut er auf den Schreibtisch. »Sollen wir morgen ein bisschen herumlaufen?«

Lumets Polizisten reden von Itakern, Bohnenfressern und Niggern

Als wir uns am nächsten Tag gegen Mittag in der Lobby des Gebäudes treffen, trägt Lumet seine Baseballmütze und die Promo-Jacke für seinen Film Night Falls on Manhattan. Er sieht ein bisschen aus wie der kauzige Opa aus einer amerikanischen Sitcom. Lumet scheint Gedanken zu lesen, denn zur Begrüßung ruft er: »Willkommen zum Spaziergang mit Grandpa Sidney!«

Was eine gemütliche Promenade hätte sein können, entpuppt sich allerdings als halbe Umrundung des Central Park entlang der umliegenden Viertel. Und zwar in einem dauerlaufhaften Tempo. Zuerst eilt Lumet in den nahe gelegenen Lebensmittelmarkt Fairway. »Hier kaufen Menschen aus aller Welt Früchte aus aller Welt«, sagt er. »Hört sich banal an, ist aber toll.« Er weist auf die lange Schlange an der Kasse: »Egal welche Farbe die Leute haben und egal ob sie die Farbe ihres Vorder- oder Hintermannes mögen: Alle wissen, dass es hier das frischeste Obst gibt.«

Dabei ist Lumet keineswegs der Mann der idyllischen Multikultifantasien. In seinen Polizeithrillern zeigt der Rassismus noch in kleinsten Dialogen seine Fratze. Lumets New Yorker Cops reden von Bohnenfressern, Matzenfressern, Itakern, Niggern und Schlitzaugen. Zu Beginn einer großen Verhörszene in Q and A – Tödliche Fragen ist die Anspannung zwischen den Geladenen unerträglich. Dann brüllen plötzlich alle aufeinander ein: der irische Staatsanwalt und der italienische Mafioso, der farbige Polizist und sein Latino-Kollege, der puertoricanische Dealer und der jüdische Anwalt. Danach ist nichts anders oder besser, aber immerhin für einen Augenblick die Luft raus. »Der Rassismus sitzt so tief«, sagt Lumet, »er ist der Fluch dieses Landes.«

Viele Blocks weiter, als wir fast auf der Höhe von Harlem angekommen sind und Lumet im Vorbeigehen eine schwindelerregende Menge von Cafés und Restaurants empfohlen hat, spricht er auch von seiner eigenen Familie. Aus seiner dritten Ehe mit Gail Jones, der Tochter der Jazzsängerin Lena Horne, hat er zwei farbige Töchter. »Natürlich hat das mein Empfinden für Rassismus geschärft. Aber man muss ehrlich sein: Wir hatten Geld. Und mit Geld ist alles anders.« Glaubt oder hofft er, dass sich das Land durch einen schwarzen Präsidenten verändern könnte? Er sei ein unverbesserlicher Pessimist, sagt Lumet. »1957 habe ich Die zwölf Geschworenen gedreht. Aber nur ein Romantiker kann glauben, dass ein einzelner Weißer einen Puertoricaner vor dem rassistischen Schuldspruch einer Jury bewahren kann. Und ich war damals schon kein Romantiker.«

Natürlich spricht man bei einem solchen Spaziergang auch über das, worüber die ganze Welt spricht. Als überzeugter Liberaler und Demokrat kann Lumet Hillary Clinton nicht verzeihen, dass sie mit den rassistischen Äußerungen ihrer eigenen Parteifreunde strategisch umging, statt sie entschieden zurückzuweisen. »Und Barack Obama hat mit seiner Rede über die Rassen gezeigt, worum es in diesem Land geht.« Amerika, sagt Lumet, müsse sich verabschieden von der inneren und äußeren Kriegsrhetorik des 11. September. Dieses verdammte Datum, »what a fucking day«.

Als Lumet von diesem Tag spricht, bleibt er mitten im Menschengewühl von Harlem stehen. Er erzählt, was man schon tausendmal gesehen und gelesen hat, und doch hört es sich an wie das erste Mal. »Es war unfassbar. Ich arbeitete gerade in einem Studio in Queens, auf der anderen Seite des East River. Und als ich auf der Brücke war, standen beide Türme noch. In der Luft war nicht nur Rauch, sondern ein ständiger Strom von etwas, was wie weißes Papier aussah. Es war weißes Papier, aus den Büros. Es wurde über den Fluss nach Brooklyn geblasen. Und dann sah ich das zweite Flugzeug einschlagen.« Es scheint, als könne man das Flugzeug immer noch in Lumets Blick sehen. Seine Rede gerät ins Stocken. »Ich glaube, für echte New Yorker, also für Menschen, die immer hier gelebt haben… ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Und es macht mich immer noch traurig. Es ist, als würden in einem Mund zwei Schneidezähne fehlen.« Er macht eine hilflose Handbewegung. Dann löst er sich aus der Erinnerung und läuft weiter. Nach einigen Minuten Schweigen sagt er: »Die Menschen meiner Generation werden sich nie davon erholen.«

Irgenwann steuert Lumet eine Bank am nördlichen Ende des Central Park an. Er spricht von der Kriminalität und von der Armut in seiner Stadt, die sich für die Touristen zurzeit vor allem als Shopping-Paradies der Fifth Avenue präsentiere. Er erzählt von den Gegensätzen auf engstem Raum, der Paranoia und der Aggression. Und vom Gegensatz zu Hollywood, das für ihn immer ein künstlicher Ort geblieben ist. »Hollywood-Filme«, sagt er, »lieben die Moral. In New York hingegen ist es schwerer, eindeutige oder moralische Filme zu drehen. Moralisten sind Menschen, die andere Menschen verurteilen. Und es hat mich nie interessiert, über meine Figuren zu richten.«

Tatsächlich waren seine große Figuren immer beides: Opfer der Institutionen oder eines Systems, aber eben auch Herren ihrer eigenen Haltung. Und Sidney Lumet hat für sie stets den zweiten und dritten Blick des Zuschauers eingefordert. Für Al Pacino, der in Hundstage eine Bank überfällt – um die Geschlechtsumwandlung seines Geliebten zu bezahlen. Für Nick Nolte, der in Q and A den widerlichen, brutalen, rassistischen Cop Michael Brennan spielt. Aber Lumet zeigt eben auch: Brennans verkrampfte Körperlichkeit, sein unterdrücktes schwules Begehren, seinen Selbsthass, den er auf die »Junkies, Schwuchteln und Maden« von der Straße projiziert. Immer wieder stürzt Lumet seine Figuren in Widersprüche und Konflikte, aus denen es keinen sauberen Ausweg gibt. Etwa in Prince of the City, wo ein korrupter, von Gewissensnöten geplagter Polizist zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft wird, dafür aber seine besten Freunde verrät. Auch in seinem neuen Film Tödliche Entscheidung sind die beiden kriminellen Brüder Opfer – Gefangene einer übermächtigen, man könnte auch sagen: tragischen Familienkonstellation. Trotzdem, sagt Lumet, seien sie verantwortlich. »Für den shlamassl, in den sie sich selbst hineinmanövriert haben.« Er verwendet tatsächlich das jiddische Wort.

Er weiß, dass ihm nicht mehr allzu viele Filme bleiben

Was ist das Begeisternde an diesem dreiundachtzigjährigen Regisseur, der durch New York eilt, als gebe es kein morgen? Der seine Stadt zeigen, erklären, vermitteln will und sie längst in sich trägt. Der über die Primadonnen der Metropolitan Opera fachsimpelt und erzählt, dass er sich am Abend mit seiner Frau Tristan und Isolde anschaue: »Fünf Stunden!« Und der dann wieder den Charme des abgebrühten street jew raushängen lässt: »Why don’t you fuckin’ call me Sidney?«

Vielleicht ist es die Treue zu dieser Stadt, die er mehr als ein halbes Jahrhundert lang angeblickt hat, in ihrem Schmutz und ihrer urbanen Härte, ihrer Gewalt und Verkommenheit. Lumet hat den Blick nie von New York abgewendet. Liebend, aber unsentimental. Und er weiß, dass ihm nicht mehr allzu viele Filme bleiben. »Wenn man so lange wie ich arbeitet, dann ist man irgendwann dankbar, dass es einfach weitergeht. Weil man weiß, wie schnell es enden kann. Aus welchem Grund auch immer.«

Der Spaziergang ist zu Ende, denn Sidney Lumet muss sich noch für die Oper umziehen. Zum Abschied gibt’s zwei Wangenküsschen, die nicht so recht zu ihm passen wollen. Und eine verschmitzte Galanterie: »Ich mag es, wenn Frauen einen klaren Händedruck haben.« Dann läuft Lumet davon, zügigen Schrittes, dem starken Westwind entgegen. Die Hosen flattern, und in der Ferne kann man noch eine Weile die weißen Socken sehen. Als der kleine Mann an der nächsten Kreuzung verschwindet, in den Menschenmassen seiner Stadt, wirkt die Szenerie plötzlich wehmütig. Eigentlich fehlen nur noch die Schlusstitel, Musik und – Abspann.

Aber es ist kein Ende. Zum Glück und hoffentlich noch lange nicht. Im Sommer wird Sidney Lumet in New York seinen fünfundvierzigsten Film drehen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service