Sidney Lumet Der Augenzeuge von New YorkSeite 3/3

Natürlich spricht man bei einem solchen Spaziergang auch über das, worüber die ganze Welt spricht. Als überzeugter Liberaler und Demokrat kann Lumet Hillary Clinton nicht verzeihen, dass sie mit den rassistischen Äußerungen ihrer eigenen Parteifreunde strategisch umging, statt sie entschieden zurückzuweisen. »Und Barack Obama hat mit seiner Rede über die Rassen gezeigt, worum es in diesem Land geht.« Amerika, sagt Lumet, müsse sich verabschieden von der inneren und äußeren Kriegsrhetorik des 11. September. Dieses verdammte Datum, »what a fucking day«.

Als Lumet von diesem Tag spricht, bleibt er mitten im Menschengewühl von Harlem stehen. Er erzählt, was man schon tausendmal gesehen und gelesen hat, und doch hört es sich an wie das erste Mal. »Es war unfassbar. Ich arbeitete gerade in einem Studio in Queens, auf der anderen Seite des East River. Und als ich auf der Brücke war, standen beide Türme noch. In der Luft war nicht nur Rauch, sondern ein ständiger Strom von etwas, was wie weißes Papier aussah. Es war weißes Papier, aus den Büros. Es wurde über den Fluss nach Brooklyn geblasen. Und dann sah ich das zweite Flugzeug einschlagen.« Es scheint, als könne man das Flugzeug immer noch in Lumets Blick sehen. Seine Rede gerät ins Stocken. »Ich glaube, für echte New Yorker, also für Menschen, die immer hier gelebt haben… ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Und es macht mich immer noch traurig. Es ist, als würden in einem Mund zwei Schneidezähne fehlen.« Er macht eine hilflose Handbewegung. Dann löst er sich aus der Erinnerung und läuft weiter. Nach einigen Minuten Schweigen sagt er: »Die Menschen meiner Generation werden sich nie davon erholen.«

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Irgenwann steuert Lumet eine Bank am nördlichen Ende des Central Park an. Er spricht von der Kriminalität und von der Armut in seiner Stadt, die sich für die Touristen zurzeit vor allem als Shopping-Paradies der Fifth Avenue präsentiere. Er erzählt von den Gegensätzen auf engstem Raum, der Paranoia und der Aggression. Und vom Gegensatz zu Hollywood, das für ihn immer ein künstlicher Ort geblieben ist. »Hollywood-Filme«, sagt er, »lieben die Moral. In New York hingegen ist es schwerer, eindeutige oder moralische Filme zu drehen. Moralisten sind Menschen, die andere Menschen verurteilen. Und es hat mich nie interessiert, über meine Figuren zu richten.«

Tatsächlich waren seine große Figuren immer beides: Opfer der Institutionen oder eines Systems, aber eben auch Herren ihrer eigenen Haltung. Und Sidney Lumet hat für sie stets den zweiten und dritten Blick des Zuschauers eingefordert. Für Al Pacino, der in Hundstage eine Bank überfällt – um die Geschlechtsumwandlung seines Geliebten zu bezahlen. Für Nick Nolte, der in Q and A den widerlichen, brutalen, rassistischen Cop Michael Brennan spielt. Aber Lumet zeigt eben auch: Brennans verkrampfte Körperlichkeit, sein unterdrücktes schwules Begehren, seinen Selbsthass, den er auf die »Junkies, Schwuchteln und Maden« von der Straße projiziert. Immer wieder stürzt Lumet seine Figuren in Widersprüche und Konflikte, aus denen es keinen sauberen Ausweg gibt. Etwa in Prince of the City, wo ein korrupter, von Gewissensnöten geplagter Polizist zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft wird, dafür aber seine besten Freunde verrät. Auch in seinem neuen Film Tödliche Entscheidung sind die beiden kriminellen Brüder Opfer – Gefangene einer übermächtigen, man könnte auch sagen: tragischen Familienkonstellation. Trotzdem, sagt Lumet, seien sie verantwortlich. »Für den shlamassl, in den sie sich selbst hineinmanövriert haben.« Er verwendet tatsächlich das jiddische Wort.

Er weiß, dass ihm nicht mehr allzu viele Filme bleiben

Was ist das Begeisternde an diesem dreiundachtzigjährigen Regisseur, der durch New York eilt, als gebe es kein morgen? Der seine Stadt zeigen, erklären, vermitteln will und sie längst in sich trägt. Der über die Primadonnen der Metropolitan Opera fachsimpelt und erzählt, dass er sich am Abend mit seiner Frau Tristan und Isolde anschaue: »Fünf Stunden!« Und der dann wieder den Charme des abgebrühten street jew raushängen lässt: »Why don’t you fuckin’ call me Sidney?«

Vielleicht ist es die Treue zu dieser Stadt, die er mehr als ein halbes Jahrhundert lang angeblickt hat, in ihrem Schmutz und ihrer urbanen Härte, ihrer Gewalt und Verkommenheit. Lumet hat den Blick nie von New York abgewendet. Liebend, aber unsentimental. Und er weiß, dass ihm nicht mehr allzu viele Filme bleiben. »Wenn man so lange wie ich arbeitet, dann ist man irgendwann dankbar, dass es einfach weitergeht. Weil man weiß, wie schnell es enden kann. Aus welchem Grund auch immer.«

Der Spaziergang ist zu Ende, denn Sidney Lumet muss sich noch für die Oper umziehen. Zum Abschied gibt’s zwei Wangenküsschen, die nicht so recht zu ihm passen wollen. Und eine verschmitzte Galanterie: »Ich mag es, wenn Frauen einen klaren Händedruck haben.« Dann läuft Lumet davon, zügigen Schrittes, dem starken Westwind entgegen. Die Hosen flattern, und in der Ferne kann man noch eine Weile die weißen Socken sehen. Als der kleine Mann an der nächsten Kreuzung verschwindet, in den Menschenmassen seiner Stadt, wirkt die Szenerie plötzlich wehmütig. Eigentlich fehlen nur noch die Schlusstitel, Musik und – Abspann.

Aber es ist kein Ende. Zum Glück und hoffentlich noch lange nicht. Im Sommer wird Sidney Lumet in New York seinen fünfundvierzigsten Film drehen.

 
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