Es war die erste und womöglich wichtigste Demonstration dafür, dass Andrea Ypsilanti den Traum von der linken Mehrheit noch nicht aufgegeben hat: Gleich in der konstituierenden Sitzung des Landtags am vorvergangenen Samstag hat die hessische SPD-Chefin zusammen mit ihrem Grünen-Kollegen Tarek Al-Wazir das "Gesetz zur Sicherstellung von Chancengleichheit an hessischen Hochschulen" eingebracht. Das eigentliche Ziel des Entwurfs: die Abschaffung der Studiengebühren.

Dass die beiden sich nach der verpatzten Regierungsbildung gerade die Campus-Maut als ihr erstes Ziel erkoren haben, ist kaum überraschend: Das Eindreschen auf die unbeliebten Studiengebühren hatte sich schon im Wahlkampf für die Opposition ausgezahlt, jetzt soll es den Grundstein legen für eine parlamentarische Zusammenarbeit der linken Parteien, um dem amtierenden Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) das Leben schwer zu machen.

Umso verblüffender, geradezu sensationell ist da, dass Hamburgs Grüne, die sich Grün-Alternative Liste (GAL) nennen, einen anderen Weg einschlagen: In der Hansestadt sollen Studenten künftig erst nach Studienende zur Kasse gebeten werden und nur, sobald sie mindestens 30.000 Euro im Jahr verdienen. Statt 500 Euro wird das Semester zudem nur 375 Euro kosten. Damit die Hochschulen nicht bis zu ihrer Fälligkeit in ein paar Jahren auf die Einnahmen aus den Studiengebühren verzichten müssen, sollen sie Kredite aufnehmen. Die Zinsen dafür zahlt der Senat, so haben es CDU und Grüne beschlossen.

Es ist ein erstaunlich einfaches Konzept, das die Hamburger fast zeitgleich mit dem hessischen Gesetzentwurf verkündet haben, doch es könnte gewaltige Sprengkraft entwickeln: Sollten die Koalitionsverhandlungen die noch offenen Detailfragen klären und tatsächlich in die bundesweit erste schwarz-grüne Koalition münden, hätte die GAL nicht nur ihr Versprechen gebrochen, die Studiengebühren auch in der Hansestadt abzuschaffen.

Das neue Modell wäre zugleich eine "Lösung mit deutschlandweitem Vorbildcharakter", wie der Bildungsökonom Dieter Dohmen kommentiert. Der Kompromiss könnte sich am Ende gar als Beweis dafür herausstellen, dass sozial gerechte Studiengebühren doch machbar sind – und damit den linken Parteien eines ihrer Lieblingsthemen in den bevorstehenden Wahlkämpfen kaputt machen.

Mehr als das: Er könnte einen Keil in die bislang geschlossene Front der Gebührengegner treiben. Schon jetzt fallen die Reaktionen uneinheitlich aus. Während der Hamburger Asta, die Vertretung der Studenten, die Pläne als "durchaus akzeptabel" bezeichnet und die Studenten von einer großen Last befreit sieht, spricht der studentische Dachverband fzs von einem "Skandal".

Bislang haben die sieben Landesregierungen, die seit 2005 Studiengebühren eingeführt haben, ihrerseits alles getan, um die Idee der Campus-Maut zu diskreditieren. Als das Bundesverfassungsgericht vor drei Jahren Studiengebühren für grundsätzlich mit dem Grundgesetz vereinbar erklärt hatte und die Suche nach dem besten Konzept begann, war das Stichwort "Australien" schon einmal für kurze Zeit in aller Munde gewesen. Denn so sensationell das Konzept mit den nachgelagerten Gebühren auch anmuten mag, neu ist es nicht: Der Fünfte Kontinent hat es Ende der achtziger Jahre erfunden.