Nebenan rauchen noch die Schlote. Rund zwölf Millionen Tonnen Braunkohle werden pro Jahr im Kraftwerk Schwarze Pumpe verfeuert und heizen nicht nur die Kessel, sondern auch das Klima auf. Doch hier in der Lausitz soll er nun gelingen, der Start in eine klimafreundliche Zukunft. »Der Schornstein wurde bereits geliefert. Die rote Lampe ist auch schon dran«, sagt Uwe Burchhardt stolz und deutet auf eine 50 Meter hohe Röhre, die zwischen Baugerüsten und Baggern aufragt. Seit 2006 wird im Industriepark Schwarze Pumpe an einer Hoffnung der deutschen Energiepolitik gebaut: Dem weltweit ersten »CO 2 -armen« Kohlekraftwerk.

Geht es nach dem Bauherrn Vattenfall, wird im äußersten Osten Deutschlands Geschichte geschrieben. Im August soll die Pilotanlage in der Nähe von Hoyerswerda in Betrieb gehen und dabei weniger als ein Zehntel der üblichen Kohlendioxidmenge freisetzen. Die Idee: Das bei der Verbrennung entstehende CO 2 wird aufgefangen, komprimiert und in unterirdische Lagerstätten verpresst.

Doch gegen die Pläne regt sich Protest. Seit vergangenem Dezember ist es Vattenfall per einstweiliger Verfügung untersagt, das Testkraftwerk in der Lausitz weiterhin als »weltweit erste Forschungsanlage für ein CO 2 -freies (Braunkohle)Kraftwerk« zu bezeichnen. Gegen das vollmundige Versprechen hatte ein Fotovoltaikbetreiber aus Berlin geklagt. Ein Streit um Worte, könnte man meinen. Doch dahinter steht die erbitterte Auseinandersetzung um die künftige Energieversorgung Deutschlands, in deren Zentrum die Kohle steht.

27 neue Kohlekraftwerke sind in Deutschland im Bau oder in der Planung – und fast überall gibt es erbitterten Streit um die Projekte. Im saarländischen Ensdorf gab RWE seine Pläne zum Neubau eines 1.600-Megawatt-Steinkohlekraftwerkes auf, nachdem 70 Prozent der Bürger dagegen gestimmt hatten. In Krefeld stellte sich der Gemeinderat gegen den Bau einer 800-Megawatt-Anlage. In Hessen verzichtet der E.on-Konzern nach Bürgerprotesten auf einen Kraftwerksausbau. In Hamburg gerät das geplante Kohlekraftwerk Moorburg zum Zankapfel der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und Grünen (GAL), und im Ostseebad Lubmin tobt gegen ein geplantes Steinkohlekraftwerk gar »der größte Volksaufstand in Ostdeutschland seit dem Mauerfall«, wie der dortige Bürgermeister sagt.

Der frühere Hamburger Umweltsenator und jetzige RWE-Manager Fritz Vahrenholt warnt vor einem dramatischen Energieengpass. Ohne Kohle- und Kernkraftwerke werde die Versorgung von 2012 an »kritisch und teuer«. Wer jetzt auf Kohlekraftwerke verzichte, fördere dadurch indirekt »den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke«. Viele Experten zeichnen ein ähnlich düsteres Bild. Andere setzen noch immer auf alternative Enetgien, doch an einem Faktum kommen auch sie nicht vorbei: Der künftige Umgang mit der Kohle wird dramatische Auswirkungen auf die Energie- und Umweltbilanz haben.

Denn die Kohle ist einerseits der billigste fossile Energieträger, zugleich aber auch der schmutzigste. Die Verbrennung von Kohle setzt deutlich mehr CO 2 pro Kilowattstunde frei als jene von Erdöl oder -gas. Das liegt an der Chemie: Während bei der Verbrennung von Kohle praktisch nur Kohlenstoff in CO 2 umgewandelt wird, enthalten die Moleküle in Gas und Öl einen großen Anteil Wasserstoff, der bei der Verbrennung nur Wasserdampf erzeugt.

Ein Drittel des globalen CO 2 -Ausstoßes quillt derzeit aus bestehenden Kohlekraftwerken, die weltweit 40 Prozent des Stroms erzeugen. Bis 2030 werden nach einer Prognose der Internationalen Energieagentur 3.000 neue mit Kohle befeuerte Anlagen entstehen, die meisten in China, das schon jetzt 80 Prozent seiner elektrischen Energie aus Kohle gewinnt und seinen CO 2 -Ausstoß in den vergangenen sechs Jahren fast verdoppelt hat.

Aus Sicht des Klimaschutzes ist diese Entwicklung eine Katastrophe. Doch glaubt man Energiekonzernen wie Vattenfall, dann gibt es eine technische Lösung: CCS. Das Kürzel steht für »Carbon Dioxide Capture and Storage« und bezeichnet eine Technik zum Einfangen und Lagern von Kohlendioxid. Politisch gesehen, ist CCS eine Zauberformel. Es nährt die Hoffnung, dass sich die schmuddelige Kohle reinwaschen lässt. Genau das soll mit der Pilotanlage im Industriepark Schwarze Pumpe erstmals demonstriert werden.