Ich habe einen Traum Die Geografie des Bewusstseins

Michel Gondry ist für seine fantasievoll-verrückten Filme bekannt. Seine Träume betrachtet er dagegen fast analytisch

Ich habe einen Traum

»Ich sah die Häuser meiner Jugend. Sie wurden abgerissen«

Oft erwache ich aus einem Traum und denke: Das sollte ich in einem Film verwenden. Auch wenn meine Träume sogar mir selbst etwas abstrakt erscheinen – sie müssen etwas bedeuten; sie kommen nicht zufällig zustande. Letzte Nacht träumte ich zum Beispiel davon, dass die Straße, durch die ich während meiner Jugend zehn oder fünfzehn Jahre lang zur Schule gegangen bin, komplett abgerissen und neu aufgebaut worden war. Ich kann mir erklären, woher dieser Traum kam. Zuvor war ich bei einem Dinner in einem riesigen historischen Raum gewesen, dem Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade in Berlin. Das komplette Gebäude, erfuhr ich, war beim Bau des Sony-Centers um 75 Meter versetzt worden.

Ich glaube, wegen dieser Geschichte habe ich von meinem Schulweg in Versailles geträumt. Ich analysiere meine Träume nicht mit Freudschen Theorien. Ich glaube, sie sind nicht korrekt. Ich glaube, die Erklärung, die ich gerade gegeben habe, schlägt jede andere Analyse. Mir erscheint es einfach logisch, dass der Gedanke, dass ein riesiges Haus um 75 Meter verschoben wurde, meine Hardware beeinflusst.

Wenn man sich ein Bild anschaut oder jemand einem etwas erzählt, geht es dabei nicht um die zuerst eintreffende Information, sondern um jene, die damit in unserem Bewusstsein verknüpft ist. Diese verknüpfte Information ist es, die dann einen Traum auslöst. Für mich ist das Haus wichtig. Ein Haus ist normalerweise ein Zentrum, ein Anker für dein Leben. Die Idee eines Hauses, das sich bewegt, ist für mich ein Widerspruch.

Wenn ich alle Möbel und Tapeten meines Hauses nähme und in ein anderes Haus verpflanzte, würde ich dort das Gefühl haben, am gleichen Ort zu sein? Vermutlich nicht. Wenn ich nun auch die Wände mitnähme, würde ich mich dann fühlen, als käme ich nach Hause? Vielleicht ja.

Es steckt also eine gewisse Vielschichtigkeit in der Information, dass ein Haus verschoben wurde. Außerdem war die Information neu; mein Gehirn war noch damit beschäftigt, sie zu verarbeiten. Das alles übte einen so starken Einfluss auf mich aus, dass ich mitten in der Nacht von dem Traum aufwachte.

Als ich klein war, gab es noch nicht diese Informationsflut wie heute, deshalb hatte jede einzelne Information viel größeren Einfluss. In meinem Cortex (oder welchem Teil meines Gehirns auch immer) habe ich diese Karte, die ich mir immer vorstelle: die Geografie meines Bewusstseins.

Eine Hälfte meines Bewusstseins nimmt das Heim meiner Kindheit ein. Dort entstanden die ersten Verbindungen zwischen mir und meiner Umgebung. Die zweite Hälfte ist wiederum in zwei Teile unterteilt. Eines dieser beiden Viertel ist meine Heimatstadt Versailles. Das andere Viertel zerfällt seinerseits in zwei Teile, der eine besteht aus Paris und meine Freunden dort. Das zweite Achtel zerfällt noch einmal in zwei Teile: ein Sechzehntel für London und Europa. Die zweite Hälfte davon, wiederum halbiert, teilen sich die USA und der Rest der Welt. Wenn ich jetzt nach Afrika komme, habe ich vielleicht noch ein Vierundsechzigstel meines Bewusstseins dafür übrig.

Das ist natürlich eine abstrakte, stark verallgemeinerte Auffassung, aber ich glaube, es gibt ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen dem Raum, in dem wir uns in der Welt bewegen, und dem Raum, der dafür in unserem Bewusstsein zur Verfügung steht.

Je weniger man sich als Kind in der Welt bewegen kann, desto mehr Raum braucht man dafür in seinem Bewusstsein. Wenn man älter wird und mehr herumreist, ist der Platz schon besetzt durch die Orte, die man gesehen hat.

Es ist, als ob die Welt hinsichtlich ihrer Oberfläche umgekehrt in deinem Kopf ist. Die Unendlichkeit ist nur ein kleiner Punkt. Und der größte Teil vermutlich deine Wiege. Oder die Vagina deiner Mutter. Aber ich glaube, daran erinnerst du dich nicht mehr.

Michel Gondry,

44, gilt als einer der fantasievollsten Regisseure des Kinos. Er wurde in Versailles geboren. Ersten Ruhm erntete er durch seine Musikvideos für Björk, die Rolling Stones oder Kylie Minogue. Seit 2001 dreht er Kinofilme (»Anleitung zum Träumen«), in denen die Grenze zwischen Traum und Realität oft aufgehoben scheint. Vergangene Woche kam »Abgedreht« ins Kino

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke ––– Foto André Rival ––– Zu hören unter www.zeit.de/audio ZEIT magazin Leben

 
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