Wer ihn sieht, die hagere Gestalt, seinen strengen protestantischen Gestus, der weiß sofort, wofür Erhard Eppler seit Jahrzehnten steht: Ökologie, Wachstumskritik, Solidarität mit der Dritten Welt. Mit solchen Positionen gewinnt man Respekt, keine Wahlen, man gewinnt Rededuelle auf Kirchentagen, aber keine Mehrheiten. Ganz einfach deshalb, weil man den Menschen aus Gründen der Nachhaltigkeit und der internationalen Solidarität etwas abverlangt. Das mag die Mehrheit nicht, jedenfalls nicht, wenn es wirklich ernst wird.

Doch in letzter Zeit muss etwas geschehen sein, entweder mit Erhard Eppler oder mit Deutschland oder mit beiden. Denn der große alte Mahner der SPD wähnt eine – linke – Mehrheit hinter sich. Sie bestehe, so sagt er, aus der SPD, den Grünen und der Linkspartei. Ihr versucht Eppler eine Art Überbau zu geben, er verleiht ihr auch – Kraft seiner 81 Jahre und seiner Biografie als politischer Mahner, auch als Entwicklungshilfeminister der Jahre 1968 bis 1974 – moralische Autorität.

Darum hatte ihn vor gut zwei Wochen die hessische SPD zu ihrem Landesparteitag eingeladen. Denn die hat die linke Mehrheit projektiert, auch wenn es ihr nicht gelungen ist, sie an die Macht zu bringen, geschweige denn ihr eine höhere Moralität zu verleihen. Die sollte nun Eppler liefern. Und er lieferte.

Was sich da in Hanau zutrug, könnte später einmal als die geistige Geburtsstunde einer neuen Linken gelten. Es ist eine Linke, die von der wachsenden Bereitschaft der Deutschen zehrt, sich als Opfer zu fühlen. Sie bestärkt diesen Hang und profitiert zugleich davon. Die neue Linke wird Mainstream.

Reicher, freier und gleicher als die Deutschen lebt kein Volk auf der Erde

Eppler jedenfalls zelebriert seine Rede meisterhaft. Ausgerüstet nur mit wenigen Notizzetteln, vortragend mit langen, bedeutsamen Pausen, versteht er es, seinen Sinn suchenden Genossen ein Lied zu singen, wie sie es so schön wohl selten gehört haben. Zunächst nimmt er sich der Sache mit der Linkspartei an, die früher einmal SED war und die deswegen manchem noch immer als nichtkoalitionsfähig gilt. Eppler benutzt einen rhetorischen Trick, um die alte Feindschaft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu erklären – und zu historisieren. Ja, früher habe die SPD immer gewusst: Hinter denen steht die ganze Sowjetunion mit all ihrer Macht. Diese Angst, so Eppler, müsse man nicht mehr haben. Dabei hat die hessische SPD ja längst schon gezeigt, dass sie keine Angst vor der Linken hat, im Gegenteil. Aber es ist für die gebeutelten Sozialdemokraten eben angenehmer, das Ende aller demokratischen Skrupel gegenüber der Linken als historisch legitimierte Überwindung von Ängsten interpretiert zu bekommen, als Akt der Emanzipation gewissermaßen.

Und doch ist gerade Angst die Essenz, die Eppler sich und seinen Zuhörern verabreicht, damit sie ganz bei sich und zugleich ganz Mainstream sein können. Er zitiert den Verweis der rechten SPD, die Partei dürfe vor lauter linker Politik die Mitte nicht vergessen. Hier setzt Eppler die wohl bedeutsamsten Pausen seiner Rede und erwidert seinen unsichtbaren Widersachern: »Ja … aber diese Mitte ist brüchig … diese Mitte hat … Angst.«