Das ist die Geschichte des besten Buches der jungen Bundesrepublik. Das ist die Geschichte der Ehen in Philippsburg. Vor allem ist dies aber auch eine Geschichte der Verwunderung: Warum nur hat Deutschland diesen Roman aus seinem Gedächtnis verloren?

Unsere Ermittlungen führen uns an den Bodensee. Dort, in Überlingen, wohnt Martin Walser, der 1957 jenen Roman verfasst hat, der am Beispiel Stuttgarts meisterhaft die menschlichen Obsessionen und Desaster der Wirtschaftswunderjahre beschreibt. Wer das Buch heute zur Hand nimmt, wird sofort hineingerissen in eine Fünfziger-Jahre-Welt, die nichts mit unseren Klischeevorstellungen zu tun hat, und wird gepackt vom Walserschen Ton, der hier noch nicht geschmeidig und warm dahinfließt, sondern sprudelt wie ein klirrend kalter Gebirgsbach.

Ehen in Philippsburg erzählt von einem Land jenseits der Liebe und davon, wie nicht nur die Ehefrauen, sondern genauso die Geliebten der Industriellen, Anwälte, Ärzte und Journalisten den gesellschaftlichen Ansprüchen geopfert werden. Vor allem ist es aber ein großer Bildungsroman: Hans Beumann ist der kopflose und spätkapitalistische Enkel Wilhelm Meisters, der erst zur vermeintlichen Ruhe kommt, als sich Ehefrau und Geliebte seinem beruflichen Terminkalender unterordnen lassen.

Wir sind also an den Bodensee gereist, um von Martin Walser mehr über seinen ersten Roman zu erfahren. Aber wie spricht man mit einem Schriftsteller über sein Debüt, das sich der Praxis des Ehebruchs widmet, ohne persönlich zu werden? Wie kann man die Karriere des jungen Journalisten Hans Beumann in Ehen in Philippsburg verfolgen, ohne jede Seite an die Karriere des jungen Journalisten Martin Walser zu denken?

Es ist gut, dass in diesem Moment die Tür zur Schreibstube von Martin Walser aufgeht, Käthe Walser hereinkommt und freundlich Kaffee und Kuchen serviert. Käthe ist seit 58 Jahren mit Martin Walser verheiratet. Und serviert somit, ganz dezent, auch den Beweis für Paragraf 1 von Walsers Romantheorie. "Der Roman enthält nicht ein einziges Porträt irgendeines bestimmten Zeitgenossen", schreibt er 1957, "aber es ist die Hoffnung des Verfassers, er sei Zeitgenosse genug, dass seine von der Wirklichkeit ermöglichten Erfindungen den oder jenen wie eigene Erfahrungen anmuten."

Nicht ich bin das und nicht wir, so raunt Walser also seit nunmehr fünfzig Jahren seinen Lesern beharrlich zu, sondern: Du. Natürlich glauben wir weder das eine noch das andere. Aber es ist in diesem Frühjahr des Jahres 2008 ein weiter Weg zurück zum jungen Martin Walser und seinen "von der Wirklichkeit ermöglichten Erfindungen". Da stellt sich natürlich vor allem der alte Martin Walser selbst in den Weg, sein federnd leicht geschriebener Roman Ein liebender Mann: Arm in Arm mit dem alten, verliebten Goethe erobert Walser die Bestsellerlisten und Literaturkreise im ganzen deutschen Heidenreich.

Und kaum betritt man an diesem Morgen das Wohnzimmer von Walsers Haus in Überlingen, schiebt sich auch noch die Stimmung seiner Romane der siebziger und achtziger Jahre dazwischen: Blickt man durch die großen Wohnzimmerscheiben hinaus auf den See, dann hat man augenblicklich das Gefühl, gleich komme Gottlieb Zürn (aus Walsers Ein fliehendes Pferd und dem Schwanenhaus) oder einer der anderen legendären Walserschen Mittelstands-Zauderer vom Bodensee zur Tür herein. Durch Goethe und Gottlieb Zürn muss man durch, wenn man zu den Ehen in Philippsburg reisen will.