Früh am Morgen schließt sie das Geschäft auf, von innen sperrt sie gleich wieder zu. Soll ja niemand merken, dass sie im Laden ist. Sie hat eine Flasche Wasser dabei, belegte Brote, einen Plastikeimer. Sie klemmt sich in aller Stille in die schmale Lücke zwischen Wand und Regal. Von hier aus kann sie sehen, wie die Verkäuferinnen hereinkommen, wie sie die Kasse öffnen, die ersten Kunden bedienen. Sie hört, wie sie sich unterhalten, von ihren Kindern erzählen, auf den Chef schimpfen. Den ganzen Tag sitzt sie hinter dem Regal und beobachtet. Sie isst ihre Brote, trinkt ihr Wasser, verkneift sich jedes Husten, jedes Niesen und geht nicht auf die Toilette. Dafür hat sie ja den Eimer. Nach Ladenschluss, wenn niemand mehr da ist, der sie bemerken könnte, steht sie mit schmerzenden Gliedern auf und fährt nach Hause. Sie weiß jetzt, ob die Verkäuferinnen in dieser Filiale ihre Arbeit ordentlich erledigen oder nicht. Und sie wird ihrem Chef berichten.

Es ist noch nicht lange her, da gehörte diese Art der Mitarbeiterkontrolle zu den wichtigsten Aufgaben von Tanja Reiser*. In einer hessischen Großstadt arbeitete sie als Bezirksleiterin bei der Drogeriekette Schlecker; sie war verantwortlich für knapp dreißig Filialen. Mitte zwanzig war sie damals, sie fuhr einen Dienstwagen und hatte die Aussicht, zur Verkaufsleiterin aufzusteigen. Dann wäre sie für mehrere Hundert Filialen zuständig gewesen und hätte weit über 5.000 Euro im Monat verdient. Aber nach zwei Jahren hatte sie genug davon, sich hinter Regale zu setzen, genug vom Bespitzeln der Kollegen. Tanja Reiser ließ sich zur Filialleiterin zurückstufen, sie trat in die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ein, ließ sich bei Schlecker zur Betriebsrätin wählen. Seitdem ist wieder sie es, die heimlich kontrolliert wird. »Das ist mir lieber«, sagt sie.

Als Tanja Reiser erlebte, wie sich in den vergangenen zwei Wochen halb Deutschland über die versteckten Kameras beim Lebensmittel-Discounter Lidl empörte, war sie überrascht. »Die dauernde Bespitzelung ist doch ganz normal.«

Normal? Wie viel Überwachung ist üblich in deutschen Unternehmen?

Sind versteckte Kameras und betriebseigene Spitzel nur seltene Beispiele einer diktatorischen Unternehmenskultur, in der eine firmeneigene Stasi die Mitarbeiter dazu bringen soll, sich mehr anzustrengen? Oder haben Discounter wie Lidl und Schlecker im Gegensatz zu vielen anderen Firmen lediglich das Pech, dass ihre Geheimagenten nicht länger geheim sind? War das Land vielleicht gar nicht wegen der einzelnen Fälle in Aufregung, sondern weil eine Urangst vieler Arbeitnehmer bestätigt wurde? Weil die Fälle Lidl und Schlecker nur wie besonders deutliche Belege eines Vertrauensverlustes wirken, den viele seit Langem an ihren Arbeitsplätzen spüren?

Kurz: Wie viel Misstrauen herrscht in deutschen Unternehmen? Wie viele Vorgesetzte spionieren heimlich ihren Mitarbeitern hinterher?

Heimliche Überwachung ist in deutschen Betrieben nicht erlaubt

Keine, wäre die Antwort, wenn sich alle Unternehmen an das geltende Recht hielten. Dann gäbe es zwar trotzdem Kameras und Kaufhausdetektive, aber keine Bespitzelung der Mitarbeiter. Und das ist durchaus bemerkenswert. Denn anders als etwa in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten müssen die Beschäftigten in Deutschland prinzipiell informiert werden, wenn es ihr Vorgesetzter bei der Überwachung nicht auf verdächtige Kunden abgesehen haben sollte, sondern auf sie selbst, die Kollegen. Heimliche Überwachung ist in deutschen Betrieben nicht erlaubt – das ist, kurz gefasst, die Rechtslage.

Doch da sich längst nicht alle Unternehmen in Deutschland an die Rechtslage halten, liegen blaue Mappen in drei hohen Stapeln auf Torsten Bebensees Schreibtisch.

»Blau bedeutet bei mir Arbeitsrecht«, sagt Bebensee. Und Arbeitsrecht bedeutet meist: Ein Chef will einen Mitarbeiter loswerden, der wehrt sich und geht zum Anwalt, zum Beispiel zu Bebensee.