Datenschutz Verdammtes MisstrauenSeite 4/4

Eigentlich müssten sie alle ihre Mitarbeiter darüber informieren, wenn sie deren Computer überwachen. Darauf weist Rau potenzielle Kunden auf seiner Internetseite ausdrücklich hin. Doch halten die sich auch daran?

Kaum. Sagt jedenfalls Mathias Roth. Er ist Geschäftsführer eines anderen Software-Unternehmens, iopus in Walldorf bei Heidelberg. Iopus hat bis vor ein paar Jahren ebenfalls Überwachungsprogramme angeboten. Ein lukratives Geschäft sei das gewesen, sagt Roth. Als er jedoch in den Gesprächen mit Kunden merkte, dass die meisten Unternehmen nicht daran dachten, ihre Mitarbeiter über die Überwachung zu informieren, hat er den Vertrieb gestoppt. »Das war mir einfach zu unseriös.«

Ob es denn noch eine andere Firma gebe, die solche Programme vertreibe? Er wisse nur noch von einer, sagt Roth: Protectcom in Saarbrücken. Deren Chef Carsten Rau sagt: »Wir verzeichnen jedes Jahr zweistelliges Umsatzwachstum.«

Es gibt noch andere Profiteure des Misstrauens. Manche sind weniger technisiert als Protectcom, aber kaum weniger erfolgreich. Detektive zum Beispiel. Deren Kundschaft besteht zum Großteil aus Unternehmen. Verrat von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Lohnfortzahlungsbetrug, sprich Krankfeiern – für all diese Verdächtigungen sollen Detektive die Beweise suchen. Und oft genug auch für Dinge, die den Chef nichts angehen. »Hier kommt es jeden Tag zwei bis drei Mal vor, dass Firmenchefs den Privatwagen von Mitarbeitern heimlich mit einem GPS-Peilsender versehen wollen, um herauszufinden, wo der Kollege hinfährt«, sagt Marcus Lentz, Chef der Detektei gleichen Namens in Hanau bei Frankfurt. Einmal sollte Lentz abends einen Prokuristen observieren, um festzustellen, ob der seine Freizeit im Rotlichtviertel verbringe. »Der Kunde sagte, für ihn sei der Mann in diesem Fall untragbar.« Lentz lehnte ab. Er vermutet, dass ein Konkurrent den Job machte.

Zu den Angeboten mancher Detekteien gehört auch die Überprüfung von Lebensläufen. Gibt es die Firma aus den Bewerbungsunterlagen wirklich? Arbeitet dort tatsächlich der Abteilungsleiter, der das Zeugnis unterschrieben hat? Antworten auf solche Fragen finden viele Personalchefs inzwischen allerdings ganz allein. Im Internet.

Ökonomen konnten in Tests beweisen: Misstrauen zahlt sich nicht aus

Manche jungen Leute, die sich in Assessment-Centern als Teil der Elite von morgen präsentieren, kompromittieren sich selbst durch naive Onlinetagebücher oder Partyfotos vom letzten Trinkgelage, die sie einst ins Netz gestellt haben. Andere werden Opfer kindischer Lästereien oder gezielter Rufmordkampagnen. Auf Internetseiten wie StudiVZ, facebook und myspace werden soziale Netze transparent, mit allen Verfehlungen und Jugendsünden – und bleiben es über Jahre, denn das Internet vergisst langsam. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater prüft heute jeder dritte Personalchef seine Bewerber mit Suchmaschinen wie Google, bevor er sie zum Bewerbungsgespräch einlädt. Manch Jungerwachsener zahlt deshalb Geld an Spezialfirmen, die durch neue, seriösere Einträge die Internetbiografien ihrer Kunden aufwerten.

Angesichts alldessen könnte man glatt vergessen, dass es da womöglich etwas gibt, das sich mehr rentiert als alle Überwachungsprogramme, Detekteien und Lebenslauffrisierer zusammen: Vertrauen.

So berichten Armin Falk und Michael Kosfeld, zwei Professoren für Wirtschaftswissenschaften, in der American Economic Review über ihre Erkenntnisse in Sachen »Ökonomie des menschlichen Verhaltens«, eine junge Sparte ihrer Disziplin, in der derzeit viel geforscht wird – immer mit ähnlichem Ergebnis: Misstrauen zahlt sich nicht aus.

 

Falk und Kosfeld beispielsweise luden 150 Studenten der Universität Zürich zu einem Experiment, in dem typischer Arbeitsalltag simuliert wurde. Die eine Hälfte der Studenten nahm die Rolle von Mitarbeitern ein, die andere jene der Chefs. Jeder »Vorgesetzte« sollte seinem »Mitarbeiter« nun ein Mindestmaß an Leistung diktieren. Oder still darauf vertrauen, dass sich der »Mitarbeiter« auch ohne strikte Vorgaben oder gar Überwachung engagierte. Den Lohn, den Falk und Kosfeld tatsächlich zahlten, konnten auch jene kassieren, die jegliche Leistung verweigerten.

Wie viel Arbeitseinsatz würden die »Mitarbeiter« zeigen? Entspräche der Mensch dem Bild der Kontrolleure, so gäbe der »Angestellte« seinem »Chef« stets nur das geforderte Minimum an Arbeitseinsatz. Oder – falls ihm nichts vorgeschrieben wurde – noch weniger.

Die Studenten verhielten sich jedoch völlig anders. Alle zeigten mehr Einsatz, als sie mussten. Und die Motivation jener »Mitarbeiter«, denen keine Leistungsvorgaben gemacht wurden, war nochmals um ein Drittel größer.

* Name geändert

Autoren: Karin Ceballos-Betancur, Christian Denso, Kolja Rudzio, Henning Sussebach, Wolfgang Uchatius, Stefan Willeke

 
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