Weltkultur-Imitat

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Die bayerische Touristenattraktion Neuschwanstein kann einstweilen nicht, wie von der Unesco zu hören ist, zur Aufnahme ins Weltkulturerbe vorgeschlagen werden. Das ist eine schlechte Nachricht für den bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein, der bei einem Regensburger Starkbierfest die Bewerbung angeregt hat, aber eine gute Nachricht für alle anderen, insofern die deutsche Vorschlagsliste ohnehin überfüllt und deswegen inzwischen für zehn Jahre gesperrt worden ist.

Und in der Tat haben die Bewerbungen krude Ausmaße angenommen. Zu den authentischen Baudenkmälern und historischen Ensembles sind neuerdings auch die nachgemachten getreten, neben die weitgehend erhaltene Altstadt von Quedlinburg zum Beispiel auch die nachempfundene von Heidelberg, und selbst die Hamburger Speicherstadt, ein höchst trockenes Ensemble hanseatischen Erwerbsfleißes aus dem Ende des 19.

Jahrhunderts, das mit der norddeutschen Backsteingotik nur kokettiert und längst in Teilen umgenutzt wurde, soll sich jüngst um den Status beworben haben.

Es gibt augenscheinlich einen Trend, das bloß Dekorative, und sei es getürkt, auf eine Stufe mit dem Originalen zu stellen, und da muss man freilich sagen, dass Neuschwanstein in gewisser Hinsicht den Anfang markiert, insofern es auch keine mittelalterliche Burg, sondern den idealisierenden Neuentwurf einer mittelalterlichen Burg darstellt, wie man sie im 19. Jahrhundert romantisch fand ähnlich den bayerischen Trachten, die sich ebenfalls keiner spontanen Tradition, sondern einem künstlichen Entwurf des romantischen Jahrhunderts verdanken, der seinerzeit als Beitrag zu einem bayerischen Nation-Building eigens von der Staatsregierung in Auftrag gegeben wurde.

Der Historismus, wie man diesen rekonstruierenden Zugriff des 19.

Jahrhunderts auf vergangene Zeiten nennt, lebte schon ganz im Geist des Disneylands, den man höchst ungerecht den Amerikanern in die Schuhe schiebt. Auch die übrigen Königsschlösser Ludwigs II., Herrenchiemsee und Linderhof, die von Beckstein fürs Weltkulturerbe vorgeschlagen wurden, sind nur Imitate. Herrenchiemsee ist kein barockes Schloss, sondern ein plagiiertes und ins Niedliche umgelogenes Versailles, wie es zur Befriedigung nostalgischer Sehnsüchte auf einer Chiemsee-Insel Platz finden konnte. Wer diese Scheinbauten mit dem Kulturerbe-Titel adeln will, könnte genauso gut einen Raddampfer im Hamburger Hafen als Industriedenkmal nominieren, der in Wahrheit von einem verborgenen Schraubenantrieb vorwärts bewegt wird und das Schaufelrad nur zum Schein mitlaufen lässt.

Nicht dass dies keine Kultur wäre es ist sogar eine sehr hochgezüchtete Kultur des nostalgischen Betrugs und der Touristenfängerei, die oft nur noch von Kindern durchschaut wird, die sich über die Funktionslosigkeit des Schaufelrades empören. Es ist aber nicht das, was man im strengen Sinne Erbe nennen möchte. Es ist die Erschleichung eines Erbes, aus Trauer darum, dass ein echtes Erbe zu teuer käme. Die neue Liste der Weltkultur-Imitate, die sich in Umrissen abzeichnet, wäre aber wahrscheinlich ein authentischer Ausdruck unserer eigenen Epoche.

Jens Jessen

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