Lebensgefühl Müde, klein, langweilig
Noch nie ging es der Generation der 30-Jährigen so gut wie heute. Was fehlt ihr, damit sie endlich ihr Leben in die Hand nimmt? Eine Bestandsaufnahme
An den 30. Geburtstag meiner Mutter kann ich mich besser erinnern als an meinen eigenen. Als meine Mutter 30 wurde, 1984, war ich 9, und einer der Gäste schenkte mir ein blaues Spielzeugauto. Als ich 30 wurde, 2005, schenkte mir niemand etwas, denn ich verbrachte meinen Geburtstag so, wie ich ihn verbringe, seitdem ich 19 bin: allein, mit einem Bier. Ich versuchte, mich selbst zu bemitleiden, aber ich kam mir albern vor, und für einen kurzen Moment dachte ich, dass ich meine zweite Lebenskrise bekommen würde. Die erste hatte ich bereits hinter mir.
Ich war gerade 27, kündigte Wohnung und Job in Berlin und kehrte zurück in das Haus in der ostwestfälischen Provinz, in dem ich aufgewachsen bin. Dort schrieb ich das Buch Verzichten auf, in dem es darum ging, wie man sich so fühlt – und was man glaubt, wie sich die eigene Generation fühlt, was sie denkt und macht. Das Buch verkaufte sich nicht besonders, die taz machte sich darüber lustig – und das, obwohl es mindestens drei Gedanken hatte, die neu waren, jedenfalls für mich. Der Fehler des Buches war wohl, dass ich vergessen hatte, eine Antwort zu finden.
Jetzt bin ich 32 und schreibe diesen Text, in dem es darum geht, wie ich mich so fühle – und was ich glaube, wie sich meine Generation fühlt, was sie denkt und macht. Sie macht zum Beispiel anscheinend jeden Fehler zweimal.
Der Aufstieg meiner Generation begann mit einer Lüge, sie war allerdings getarnt als ein Versprechen der Älteren an uns, die Jüngeren. Es ist noch gar nicht lange her, zehn, vielleicht 15 Jahre, da galten wir als die hoffnungsvollste Zukunft, die dieses Land je hatte. Die Älteren waren sich damals sicher: Diese Jungen werden bald nicht nur alles anders, sondern vor allem vieles besser machen. Sie schauten auf uns mit dem milden und zuversichtlichen Blick von Eltern, die stolz auf ihre Nachfolger sein wollten.
Gab ja auch genügend Gründe: Keine Generation vor uns fand bessere Startbedingungen vor, wir wuchsen ohne Not, Krieg und Leid in einer der stabilsten und reichsten Demokratien der Erde auf. Unsere Bildungschancen waren fast optimal, Generationenkämpfe nicht mehr zu erwarten, das hatten andere vor uns erledigt. Wenn wir für etwas waren (Umweltschutz) oder dagegen (Rassismus, Neonazis, Irakkrieg), dann demonstrierten wir friedlich und kreativ und passten auf, dass wir nichts kaputt machten. Wir verstanden uns mit unseren Eltern, Lehrern und Dozenten, und wenn ganz viele von uns zusammenkamen, hatte das mit Liebe zu tun und hieß "Love Parade".
Der weibliche Teil unserer Generation war sogar so zufrieden, dass ihn der Geschlechterkampf nicht mehr richtig interessierte, dafür gab es 1995 den Stempel "Girlie". Zu dieser Zeit war unsere Generation nicht bloß ein Phänomen, nicht nur Zielgruppe – wir waren eine Projektionsfläche. Es war ausgemacht: In zehn Jahren würden wir Deutschland prägen, zum Wohlgefallen aller. Was sollte schiefgehen?
Deutschland, im Frühjahr 2008. Es ist alles schiefgegangen, was schiefgehen kann. Wir prägen eigentlich überhaupt nichts, und wenn, dann sicher nicht zum Wohlgefallen. Das fällt aber niemandem auf, denn: Wo tauchen wir schon auf? In den Parteien sind wir schon stolz, wenn jemand von uns im Haushaltsausschuss sitzt, Carsten Schneider nämlich, 31, der seit 1998 SPD-Bundestagsabgeordneter ist und schon damals als großer Hoffnungsträger galt. Bei den Grünen führt unsere Elterngeneration immer noch Debatten mit den Mitteln der frühen achtziger Jahre (offen über alles reden, dabei aber hintenrum Intrigen spinnen). Gerade haben sich Papa Trittin und Mama Künast als Spitzenkandidaten für die Wahl 2009 in Stellung gebracht. Und selbst bei den Protesten zum G8-Gipfel in Heiligendamm waren entweder die Jüngeren oder die Älteren die treibende Kraft. Wir schauten uns das lieber im Fernsehen an.
Auch in der Wirtschaft haben wir die Chefposten nicht erreicht, die Gewerkschaften erledigen ihre Arbeit ohne uns, und falls mal jemand von uns in der Kultur so etwas wie ein Star wird, entziehen wir ihm die Generationsrechte: Der Regisseur und Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck, 34, ist für uns ein peinlicher Irrer mit Gutsherrenmentalität, der Schriftsteller Daniel Kehlmann, 32, ein Streber, der viel zu perfekt Romane schreiben kann. Es ist beinahe, als wendeten wir den alten Sponti-Spruch unserer Eltern, »Trau keinem über 30«, auf uns selbst an: Wir trauen uns selber nicht.
Vor neun Jahren erschien Generation Golf, das Buch, in dem Florian Illies (der heute Mitarbeiter des ZEITmagazins ist) sich und seine Altersgenossen einer Inspektion unterzog, die genau, klug und auch etwas traurig war, vor allem auch sehr erfolgreich. Drei Jahre später schrieb er Generation Golf 2. Wie es der Generation Golf heute geht, müssen andere beantworten.
Im Sommer des vergangenen Jahres erschien das Album Kapitulation der deutschen Band Tocotronic . Seit Jahren begleitet uns Musik von Tocotronic, zuerst mit dem Lied Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, jetzt heißen die Songs Mein Ruin, Verschwör dich gegen dich und Harmonie ist eine Strategie. Der Sänger Dirk von Lowtzow, 36, singt in Mein Ruin: "Mein Ruin, das ist mein Ziel / Die Lieblingsrolle, die ich spiel / Mein Ruin ist mein Triumph / Empfindlichkeit und Unvernunft." Für manche ist das Tocotronic-Album nicht nur die Platte des Jahres 2007 – es ist ihr Soundtrack, er begleitete sie auf ihrem iPod durch den Sommer, den Herbst und diesen Winter, die Stimme von Lowtzows erzählt von Dingen, die sie teilen: "Als wir wiederum nicht wussten / Was zu tun, wohin sich wenden / Liefen wir stundenlang umher / Auf den Alleen und am Ende / Kamen wir zu einem Fluss / Dessen Lauf uns dorthin führte / Wo wir noch nicht gewesen sind."
Wenn ich mich selbst nicht kennen, sondern googeln würde, gäb’s eigentlich keinen Grund zum Jammern: Ich bin 32 Jahre alt, seit fünf Jahren fest angestellt, durchgehend in guter Funktion. Ohne abgeschlossenes Studium mache ich beruflich, was ich machen wollte, seitdem ich 15 bin. Darüber hinaus bin ich gesund – wenn man von meiner Nikotinabhängigkeit einmal absieht. Meine Heterosexualität brachte mir nie Nachteile. Obwohl ich ein Scheidungskind bin, liebe ich meine Familie und bin nicht in Therapie. Ich bin immer zur Wahl gegangen, habe eine Altersvorsorge, einen Freund, den ich nachts um drei anrufen kann. Trotzdem. Irgendetwas stimmt nicht, es ist ein Unwohlsein. Ich fühle mich wie ein Patient, der überzeugt ist, dass er krank ist, aber nicht weiß, was ihm fehlt. In diesem Zustand macht man sich auf die Suche nach Spezialisten.
ch verabrede mich mit einem Soziologen. Heinz Bude leitet den Bereich "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" im Hamburger Institut für Sozialforschung, er lehrt Makrosoziologie in Kassel und hat vor zehn Jahren die "Generation Berlin" erfunden. Bude hat gesagt: "Augstein und Unseld sind tot. Die Generation der heute 40-Jährigen trauert um sie – und auch ein wenig um sich selbst. Denn die Jungen bringen keine unverwechselbaren Biografien mehr hervor." Das sagte er über die 40-Jährigen. Was bitte erst über uns?
Bude ist 53, und ich frage ihn: "Können Sie mir erklären, wer ich bin?" Bude sagt: "Ich brauche dafür drei Informationen: Beruf des Vaters, wo Sie geboren sind und die Berufsausbildung." Ich sage: "Ohne Vater aufgewachsen; Minden, westfälische Provinz; abgebrochenes Studium", und was dann kommt, ist besser als The next Uri Geller . Bude seziert mich in zwei Minuten: "Sie haben eine von gewissen Resistenzen geprägte Schulabschlusskarriere hinter sich, knapp am Sitzenbleiben vorbei – aus Rebellionsgründen. In Minden haben Sie versucht, ein Tor zur Welt zu finden, was Ihnen nicht gelang, und Sie haben sich dauernd in einer Außenseiterrolle gefühlt, um dann in eine Großstadt zu ziehen, von der Sie sich mehr versprachen. Ihr kritischer Blick auf die Großstadt bedeutet aber auch, dass Sie im Grunde hier alles so vorfinden wie in Minden, weil viele Menschen in Berlin aus den Mindens des Landes kommen. Außerdem haben Sie keine Auslandserfahrung und sind nicht sehr sportlich."
Was war das? Ein Trick? Wissenschaft? Bude sagt, er könne das bei jedem, mit dem Milieu, der Generation und der Soziallage könne er alles erklären. "Wenn man etwas nur mit der Generation erklären will, geht es nicht. Es geht aber eben auch nicht ohne. Die eigentliche Enttäuschung über den Generationenbegriff ist, dass die Leute dachten, damit könne man alles erklären – das war nie richtig." Aber natürlich könne man die Lebensauffassung eines Menschen mit der Generation beschreiben – vor allem bei den Älteren, die ein gesellschaftliches Totalereignis erlebt haben: Krieg, Inflation, Revolution. "Ihre Generation verfügt nicht über ein gesellschaftliches Totalereignis. Deshalb ist bei Ihnen auch alles ein bisschen müder, ein bisschen kleiner, ein bisschen langweiliger."
Müde, klein, langweilig. So sieht der Soziologe Heinz Bude meine Generation, er weiß, was für uns wichtig ist: "Bildung, Gesundheit und Sicherheit – nicht gesellschaftlicher Aufbruch oder Avantgardismus. Sie sind außerdem die ersten vom Kompetenzbegriff Geschädigten. Ihnen wurde vermittelt, dass es auf Kompetenz ankommt, bei mir waren es noch Inhalte." Heinz Bude spricht all das ohne Bedauern aus, auch ohne Vorwurf. Es ist halt so. Müde, klein, langweilig, außerdem auch noch geschädigt. Bude sagt, wir seien Getriebene, wir müssten immer weiter lernen, ohne zu wissen, was überhaupt, manche behaupten, es sei die emotionale Intelligenz, andere sagen, es seien die "weichen Faktoren" oder Teamfähigkeit, aber niemand könne uns sagen, was das eigentlich sei. "Daher kommt auch diese Nervosität, dass Sie sich immer fragen: Was brauche ich eigentlich wofür?" Gute Frage.
Und dann sagt Bude, dass er in seinem Alter wisse, dass er manche Bücher nicht lesen müsse, dass es ihm egal sei, was gerade die Mode diktiert oder wer der größte Popstar ist. "Bei Ihnen ist es anders, Sie haben ständig Angst, etwas zu verpassen, Sie übertreiben das aber ein bisschen. Irgendwann müssen Sie auch mal was verpassen." Was verpassen? Wir? Undenkbar. Warum ist das so? Auch hier weiß Bude eine verblüffende Antwort: "Es liegt an den neuen Geschlechterrollen. Sie sind die Generation, die es zum ersten Mal mit Frauen zu tun hat, die alles wollen: vorankommen im Beruf, aber auch stabile Beziehungen. Die Männer kommen damit außerordentlich schwer zurecht, weil Frauen auch schneller bereit sind, einen im Regen stehen zu lassen. Außerdem sind Sie die erste Generation, die eine Ahnung davon hat, dass man es nicht mit einer ethnisch homogenen Welt zu tun hat – auch das wird Probleme mit sich bringen. Das trägt alles zu Ihrer Nervosität bei: dass Sie in einer Welt leben, die Sie von Ihren Eltern nicht kennen."
Müde, klein, langweilig, geschädigt, nervös. Tatsächlich warten viele in meinem Alter mit einem Job, mit einer Beziehung immer noch darauf, dass das Leben doch mal endlich losgeht. Bude nennt das die "ewige Postadoleszenz". Er sagt, es gebe einen Punkt, an dem es aufhöre: "Wenn Sie Kinder haben. Aber selbst dann: Dann lässt man sich nach zwei Jahren wieder scheiden. Warum nicht mal durchhalten? Das liegt daran, dass Sie außengeleitete Charaktere sind, es kommt Ihnen immer auf die Erwartungen der anderen an. Dabei träumen Sie alle von einem innengeleiteten Leben, weil Sie das außengeleitete nicht lakonisch tragen können. Sie haben keine lakonische Kompetenz." Ich frage, ob wir vielleicht die erste Generation sind, die zu viele Wahlmöglichkeiten hatte, aber er antwortet, dass ihm das zu sehnsüchtig formuliert sei, so als ob man auch zu wenige Wahlmöglichkeiten haben könnte und das möglicherweise erstrebenswerter sei. "Sie sind ja nicht mal in der Lage, sich Ihr eigenes Sicherheitsbedürfnis einzugestehen."
Habe ich ein Sicherheitsbedürfnis, das ich mir nicht eingestehe? Als wir 19, 20 waren, wollten wir den Lebensstandard unserer Elterngeneration mindestens halten, das war ein Ziel. Dass dazu aber möglicherweise auch gehörte, sich mit dem zufriedenzugeben, was man hat, und nicht darauf zu schielen, was man haben könnte, haben wir vielleicht nicht mitbekommen. "Die Jüngeren", sagt Bude, "formulieren dieses Sicherheitsbedürfnis viel genauer." Und von den Jüngeren erzählt er dann folgende Geschichte: Bude fragte einmal eine junge Mitarbeiterin, 25, was sie und ihre Freunde von Angela Merkel hielten. Sie kam zurück und sagte, dass sie die ganz gut fänden. Das sei halt wie eine Party, wo man nicht hinwill, weil die bestimmt langweilig wird. Dann geht man doch hin und stellt fest: Eigentlich ganz nett.
Bei Angela Merkel fällt mir ein, dass die Frau, die ich liebe und mit der ich zusammenlebe, aus Ost-Berlin kommt, dieser Umstand aber in unserer Beziehung nie ein Thema war, da sagt er: "Schreiben Sie das!" Warum, wo es doch keine Rolle spielt? "Genau deshalb. Weil Sie beide es offensichtlich geschafft haben, anschlussfähige Erzählungen hinzukriegen, bei denen Ihre Herkunft keine Rolle spielt. Das ist eine Leistung." Zum Abschied sagt Bude noch: "Nächstes Mal muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Wofür stehen Sie eigentlich ein? Gibt es da irgendetwas?"
Wofür stehe ich ein?
Als ich zum ersten Mal über diesen Text nachdachte, im Herbst des vergangenen Jahres, sah ich noch einmal die Bilder von Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Ich verschlang alles über den Deutschen Herbst, der 30 Jahre zurücklag, fast so, als ob es etwas erklären würde – weil eben das, was damals passiert ist, überhaupt nichts mit meinem Leben und meinen Träumen von der Zukunft zu tun hat. Ich rechnete nach, wie alt Andreas Baader war, als er in Stammheim Selbstmord beging: 34, nur zwei Jahre älter als ich. Auf den Bildern wirkte er wie Mitte 40. Er hatte einen Hang zu Kleidung und modischen Sonnenbrillen, aber er sah so viel älter aus als wir. Er erscheint uns so fremd. Zum Glück. Also, klar ist, was man nicht will. Lässt sich daraus aber ableiten, was man will?
Nächster Besuch beim Spezialisten, einem Experten der Macht, einer Ausnahme unserer Generation. Hubertus Heil ist Generalsekretär der SPD, seit 2005. Seit zehn Jahren sitzt er im Bundestag – und er ist drei Jahre älter als ich. Auf Fotos sieht Heil nicht aus wie 35. Wenn man ihn im Fernsehen sieht, wirkt er wie einer, der sich an seine Jugend nicht erinnern kann. Und wenn man ihm gegenübersteht, in seinem Büro in der Berliner SPD-Zentrale, denkt man, dem könnte man ein Bier in die Hand drücken, um mal über dies und das zu quatschen. Er legt sein Sakko ab und fragt, ob er rauchen dürfe – ja, unbedingt!
Heil erzählt von seinem 15-Jahre-Abi-Treffen im vergangenen Jahr, wie man plötzlich wieder 18 war – und dass es keine Rolle spielte, dass er jetzt dauernd im Fernsehen ist. "Wir haben in einer niedersächsischen Kleinstadt Abitur gemacht, da ist man nicht so etepetete." Peine – wer hier was erleben will, hat die Wahl zwischen Braunschweig und Hannover. Heil tritt mit 16 in die SPD ein, 1988. Er ist empört über die Schulpolitik unter dem CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Heil redet über seine sozialliberale Mutter, die ihn allein großgezogen hat, von der Umwelt- und der Anti-AKW-Bewegung. Heil war Schülersprecher. Er sagt, er sei damals "großmäulig" gewesen und dass man die aus der Jungen Union an den Klamotten erkennen konnte. Heil liest André Gorz, über das Recht auf Faulheit, das Ende der Arbeitsgesellschaft. Die Mauer fällt, Heil geht nach Potsdam, hier lernt er, was es für Menschen heißt, langzeitarbeitslos zu sein. Er beschließt, Politiker zu werden.
So hat Heil immer Politik gemacht, seiner Biografie fehlen die Brüche, Ältere werfen das den Jüngeren gerne vor, Heil findet das ungerecht. "Von den 40-, 50-Jährigen wird man immer beäugt, eher kritisch, wegen mangelnder Lebenserfahrung. Früher war es noch schlimmer, da waren Politiker viel älter und vor allem Kerle. Heute gibt es im Bundestag viele Frauen, jedes Alter und jede Berufsgruppe." Man merkt, dass Hubertus Heil das auch ein bisschen als das Verdienst seiner Generation sieht.
"Die vor uns – ob man sie nun Enkelgeneration oder 68er nennt – haben einfach verdammt lange gebraucht, um da hinzukommen. Die sagten sich in den Siebzigern: 'Wir sind die SPD der achtziger Jahre.' Hat dann ein bisschen länger gedauert, eigentlich bis 1998, bis Rot-Grün. Die haben sich aber wegen ihrer vermeintlichen Wildheit immer für die besseren Jugendlichen gehalten: Wir waren noch radikal, Live-Rocker…"
Und dann erzählt er die Geschichte von Gerhard Schröder aus dem Jahr 2003, es war auf einer Jubiläumsfeier der Zeitschrift Berliner Republik, deren Herausgeber Heil ist. Vor allem die Jüngeren waren gekommen, die angeblich keine Ideale mehr haben. Schröder hielt eine Rede. Von der Bühne schaute er ins Publikum und sagte: "Manchmal guckt man ja, was so nach einem kommt. Und dann guckt man und guckt man und muss dann weitermachen."
Heil lacht. Und erinnert er sich daran, wie das war, 1998, als die Jungen in den Bundestag kamen, als sie sich in der Fraktion und in den Ausschüssen umschauten nach einer Art Heimat. "Wir sind erst mal zur Parteilinken gegangen, schließlich kam man ja von den Jusos. Aber das war arg rückwärtsgewandt." Sie gingen dann zu den Seeheimern, dem rechten SPD-Flügel, das war auch zu langweilig, dann haben sie eine eigene Plattform gegründet, die sogenannten Netzwerker. "Wir hatten kein Programm, nur die gemeinsame Erfahrung, dass sich die Welt verändert hat und dass die SPD in den neunziger Jahren nicht alle Antworten auf die grundsätzlichen Veränderungen für sich geklärt hatte. Das hat uns 1998 eingeholt." Wenn das so ist, dann müsste er ja ganz gut können mit den Jüngeren aus den anderen Parteien, mehrere Koalitionen wären möglich. "Na ja, junge SPDler und junge Grüne können schon besser miteinander als mit jungen CDUlern. Nur weil man das gleiche Alter hat, eint es einen eben doch nicht."
Fühlt sich Hubertus Heil einer Generation zugehörig? "Im Sinn einer politischen oder gesellschaftlichen Generation? Nein." Fühlt er sich älter, als er ist? "Morgens." Dann sagt er: "Ich seh älter aus. Das weiß ich. Aber das war schon immer so. Ich hoffe, dass das irgendwann stehen bleibt und ich mich einhole. Im Moment bin ich auch etwas zu dick. Da wirkt man älter. Vielleicht habe ich einen etwas antiquierteren Klamottengeschmack. Man muss nur aufpassen, dass man nicht auch so denkt."
Dann erzählt er, wie das ist, wenn er mit dem Auto von Berlin nach Peine fährt und irgendwann hinter Magdeburg ins Sendegebiet von ffn kommt. "Der Radiosender war mal unglaublich progressiv, als er Mitte der achtziger Jahre anfing, aber der Sender ist mit seinem Publikum gealtert. Die spielen jetzt beides: Phil Collins und Genesis." Hubertus Heil hört immer noch gerne Die Ärzte.
In Deutschland lebten, als die Statistik sie zum letzten Mal erfasst hat, 11.188.006 Menschen zwischen 30 und 40 Jahren, das sind 13,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: 16,7 Prozent der Deutschen sind zwischen 40 und 50 Jahren alt, 2.555.847 Menschen mehr. Mein Jahrgang, 1975, besteht aus 921.312 Männern und Frauen – 1,1 Prozent. Das verstärkt das Gefühl, dass man jeden in dieser Generation persönlich kennt – vor allem wenn man in Berlin wohnt. In Berlin lebt außerdem ein Teil dieser Generation immer noch auch von Zuwendungen der Eltern: Sie überweisen monatlich einen gewissen Betrag – oder kaufen Eigentumswohnungen, damit das Kind wenigstens diese Sorge los ist. Das Geld, das man zur Verfügung hat, gibt man dann – wie seit Jahren – im Nachtleben aus.
In den Berliner Clubs der Stunde ist der Großteil der Gäste zwischen 30 und 40, denn die hören einfach nicht mit dem Feiern auf. Dass aber das Ausgehen, die Drogen, der Exzess eigentlich eine Sache der Jüngeren ist, wird verdrängt, indem man keine Jüngeren reinlässt. Denn tatsächlich sind die Jüngeren, nicht die Älteren, der eigentliche Feind: Sie erinnern uns daran, dass unsere Jugend vorbei ist, dass sie nur darauf warten, bis wir endlich die Clubs freigeben und die paar Arbeitsplätze, die uns geblieben sind. Sie warten darauf, dass wir endlich im Schnelldurchlauf in Rente gehen.
Langweilig. Und müde, klein, geschädigt, nervös. Vielleicht könnte man das Attribut provisorisch hinzufügen? Denn das Leben meiner Generation war immer auch provisorisch, Leben auf Raten oder wie geleast, so wie man ein Auto least, und wenn der Vertrag abläuft, zahlt man nicht den Restpreis, damit es einem gehört, sondern besorgt sich lieber ein neues, besseres. Als wir jung waren, dachten wir immer: Irgendwann kommt der richtige Zeitpunkt, dann geht es los. Das Problem an dieser Lebensweise wird mit fortschreitenden Jahren deutlich: weil wir vor lauter Plänemachen nicht daran denken, den Moment, wenn es richtig losgeht, hinzukriegen.
Und wenn wir Eltern werden, Kinder bekommen? Heinz Bude sprach davon, dass sich dann etwas ändert. Ist das der Moment, an dem wir damit beginnen, etwas zu tun, das nicht von außen diktiert wird? Während der Arbeit an diesem Text bin ich Vater geworden. Bude sprach davon, dass meine Generation lernen müsse, etwas zu verpassen – und ich verpasse gerade das Leben, das ich vor der Geburt meiner Tochter hatte: Ich sehe meine Freunde seltener, ich gehe kaum aus. Kino, Restaurant, Party, Ausstellung – war ich lange nicht mehr. Fehlt es mir? Manchmal. Sehr? Nein. Es scheint verzichtbar, und es scheint, als ob mich das Vatersein diszipliniert, meine Tage werden strukturierter, denn meine Tochter macht Dinge notwendig (früh aufstehen, einkaufen, arbeiten und Geld verdienen, da sein). Und sie lässt mich spüren, dass ich gebraucht werde – alles andere findet ohne mich statt, aber ich habe das Gefühl, dass meine Tochter nur mit mir stattfindet – ist dieses Gefühl Vatersein?
Und verstärkt ihre Existenz noch ein anderes Gefühl? Ein sehr populärer Vorwurf an meine Generation besagt, dass wir uns zu sehr ins Private zurückziehen – ich habe das immer für einen albernen Vorwurf gehalten. Seitdem es meine Tochter gibt, halte ich den Rückzug ins Private sogar für ein erstrebenswertes Ziel – draußen war ich lange genug. So nah bei mir wie seit der Geburt meines Kindes jedoch noch nie.
Mein Freund Hans, auch Mitte 30, sagte vor Kurzem, er habe das Lied des Jahres gefunden. Es heißt All My Friends und ist ausnahmsweise nicht von Tocotronic, sondern von LCD Soundsystem, die Tanzmusik für Menschen machen, denen nach dem Ausgehen der Rücken wehtut. In der Version des Liedes, die Hans begeistert, singt den Text John Cale. Er singt mit Grabesstimme von einer Zeit, als es besser war, von Drogen und Unterhaltungen, von der letzten Möglichkeit, noch einmal auszugehen, und am Ende fragt Cale verzweifelt: "Where are your friends tonight?" Das ist doch mal eine Frage! Nicht: Wie will ich leben? Sondern: Wo sind deine Freunde heute Nacht?
Dummerweise habe ich auch darauf keine Antwort, schon wieder nicht, aber diesmal habe ich eine Vermutung: Sie liegen in ihren Betten und träumen von ihrer Jugend, von den Sehnsüchten, die sie früher hatten, von den Jungs und den Mädchen, die sie vergaßen zu küssen, von all den Möglichkeiten, die ungenutzt blieben, und sie träumen von Erinnerungen, die sie niemals haben werden.
Und wenn sie aufwachen, dann möchten sie für einen kurzen Moment am liebsten schreien.
Matthias Kalle, Jahrgang 1975, ist Chefredakteur des Berliner Stadtmagazinszitty. 2003 erschien sein Generationen- Buch "Verzichten auf". Er ist nicht verheiratet, hat aber eine Tochter. Er hat ein Auto, fährt aber mit der S-Bahn zur Arbeit. Er lebt in Prenzlauer Berg, aber eher zufällig, und hat keine Hobbys.
- Datum 17.04.2008 - 13:33 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 17.04.2008 Nr. 17
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wow. hilft nich, aber wow!ignoranz mag auch geh´n,kinder sind dicker kitt. Liebe ist die crux.wenn durch und für kinder,wahrscheinlich besser als ohne.leben schaffen ist ok, sehr ok!
Zwar noch keine 30. Aber bald und erkenne mich in den ersten 80 % des Artikels wieder, hätte ihn sozusagen selbst schreiben können, wenn ich das Talent hätte. Alles an mir selbst wiedererkannt, Milieu, Habitus, Art und Weise Geburtstage zu feiern. Jedoch stimmt mich diese heilsbringende Vaterglück-und-endlich-gebraucht-werden-Lösung ärgerlich, kommen meine Bekannten doch auf die selben Ideen. Ertappe mich übrigens selbst auch manchmal dabei. Es muss doch auch ein Leben abseits von Kindergeschrei im mehr oder weniger hart erarbeiteten, wohlsituierten Bürgertum geben. Der nächste Artikel, bitte, mit diesem Inhalt, und zwar ohne den Gestus: Der Kindskopf weigert sich erwachsen zu werden, das weiß ich selbst.
abseits von Kindergeschrei. Auf dem Friedhof Ihrer Wahl.
Danke, das du Minden im Gespräch hältst - komme aus Petershagen, jetzt Berlin ;-)Ich habe da so eine These: Wenn man ein Kind bekommt, wird zum ersten Mal jemand anderes wichtiger als du selbst. Das muss unglaublich beruhigend wirken. Problem ist, das zu wenig Menschen die Sinfrage zulassen und ihr nachgehen und sich stattdessen bis zum Ende mit dem falschen Job, Partner, Vorstellungen etc. rumzuschleppen.
Alles schiefgegangen...langweilig, müde, klein, nervös...stehen für nichts...ja wer so von sich und seiner Generation denkt, wird das auch ausstrahlen und sein. Komisch, ich bin 32 und glücklich. Was hab ich falsch gemacht?Nach RAF, kaltem Krieg, atomarer Bedrohnung, Punk, Null-Bock Generation wollte unsere Generation doch einfach nur eines...gut sein. Das spiegelt sich auch in den Filmen des neuen deutschen Kinos von Anfang 90 wieder. Männerpension, Superweib, Der bewegte Mann und wie sie alle heißen sind einfach charmant. Und als 1997 am Bahnhof Zoo ein junger Raver einer total verstörten Oma den Koffer die Treppen hoch trug, machte er das wirklich aus Liebe. Das war ebenfalls charmant.Müde...vielleicht ein bischen. Aber das ging einfach alles verdammt schnell die letzten 10 Jahre. Und dass man ungern den Status "Erwachsener" annimmt, wo man doch eben noch halbnackt um die Siegessäule tanzte, wer kanns uns verdenken?Aber wir holen nur Luft...da geht noch einiges ;-)(I can`t stop....)
Die meisten Menschen werden zerrieben zwischen Skylla (materielle Not) und Charybdis (Langeweile). Sind sie dem einen entkommen, laufen sie dem anderen in die Arme. Hier ist es offensichtlich die Langeweile einer Generation, die vor lauter postmoderner Beliebigkeit nicht weß, etwas mit sich anzufangen - eben "mal durchzuhalten". Noch in der Tragik lauwarm und nicht wirklich mitleiderregend.
Ich danke Matthias Kalle (mit dem ich offenbar einiges gemein habe) für seinen überaus gelungenen Artikel und wünsche mir dringend mehr davon im Zeit Magazin Leben! Die Präzision, mit der er mal selber den Nagel auf den Kopf trifft und ein anderes Mal ebenso wie der Leser derjenige ist, der von Erkenntnissen getroffen wird, die andere richtig gewonnen haben, ist beinahe gespenstisch scharf. Die Mischung aus diesem Selber-Klarsehen und Draufgestoßenwerdenmüssen macht ihn sympathisch und lehrreich-inspirierend zugleich, so daß ich mir beim Lesen wünschte, der Bericht möge sich durch das ganze Magazin ziehen. Trotz häufiger Zeitungslektüre gab es wenige Artikel in den letzten Monaten, die mich derart angesprochen haben. Nachschlag, bitte!
In der Regel weigere ich mich derartig lange Texte zu lesen, aber in diesem konnte ich mich von Anfang an wiederfinden. Ich hoffe es ist kein regionales Problem, da ich ebenfalls aus Minden komme und wie hier auch schon jemand. Bis 30 voller Energie und Tatendrang ein Selbstbewusstsein zum Fürchten und ab 30 dann Trennungsvater und BurnOutSyndrom - verzweifelte Suche nach dem Sinn des Lebens und Existenzängste und heute wieder dank einer wunderbaren Partnerin glücklich im Leben. 30 ist ein seltsames Alter. In der Disco wird man schon als alt angesehen, im Herzen denkt man "nochmal 30 Jahre und ich bin schon ein Opa" und dabei topfit und eigentlich könnte man durchstarten... was hemmt einen eigentlich ??? Ich habe keine Antworten, leider.
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