Fussball Erst mal Foul rufen
Das Kartellamt prüft penibel die Geschäfte der Fußballklubs und Vermarkter. Die fühlen sich angegriffen – zu Unrecht.
Der Würgegriff hat gemeinhin zum Ziel, dem Gegner die Luft abzuschnüren. So lange, bis er röchelnd aufgibt. Das Kartellamt bedient sich gerade dieser Technik – zumindest, wenn man der Anschauung folgt, die sich, von einer Nachrichtenagentur verbreitet, in den Zeitungen durchgesetzt hat. Der Gewürgte wäre dann der deutsche Fußball mit seinen Institutionen. Tatsächlich aber wollen die amtlichen Kontrolleure nur prüfen, ob alles mit rechten Dingen zugeht beim Alltags-Kulturgut Nummer eins. Und das aus gutem Grund.
Zum einen geht es um den Verdacht, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) Sponsoren gegenüber gemeinsame Sache machen und dadurch den Wettbewerb untereinander ausschließen. Zweitens untersucht die Behörde den alten Brauch, alle Fernsehrechte an den Liga-Spielen zusammen zu verkaufen. Dadurch bekommen Vereine wie Bayern München anteilig weniger Geld, als sie erzielten, wenn sie ihre Spiele allein vermarkteten; andere, weniger erfolgreiche Vereine wiederum erhalten mehr, als sie alleine verdienen können. Nach deutschem und europäischem Kartellrecht gilt ein solches Verfahren als Preiskartell. Und das wird nur erlaubt, wenn es »für Effizienzvorteile unerlässlich ist und der Verbraucher an den Gewinnen angemessen beteiligt wird«. Die DFL argumentiert denn auch: Die Zentralvermarktung nütze der ganzen Liga, weil die von der Spannung lebe, dass die Clubs sich auf ähnlichem Niveau messen. Ob das ausreicht, ist offen.
Zum Dritten inspiziert das Kartellamt das Modell, mit dem die DFL den Fußball für die nächsten Jahre vermarkten will: Im Wesentlichen geht es um den Vertrag mit einer Agentur namens Sirius, die unter anderem plant, fertig produziertes Sendematerial an Bezahlsender und Kabelnetzbetreiber zu verkaufen. Geprüft wird, ob damit weitere Teile der Produktionskette monopolisiert werden. Hinter Sirius steht der frühere Filmhändler und TV-Unternehmer Leo Kirch, der sich mit dem Geschacher um Fußballrechte bestens auskennt – und in der Vergangenheit ein Faible für monopolistische Strukturen bewiesen hat.
Wer würgt hier wen, und wer will wen zur Strecke bringen? Das Kartellamt den Fußball? Mitnichten. Auch wenn aufgebrachte Szenemedien das glauben machen wollen und der Kicker von der »Jagd auf den Fußball« fabuliert.
Es ist deswegen schädlich, dass deutsche Politiker meinen, sich schützend vor den Fußball werfen zu müssen. Das tun sie teils hinter geschlossenen Türen am Telefon, teils öffentlich, wie Innenminister Wolfgang Schäuble: Er stimme »hundertprozentig mit den Verantwortlichen im Sport überein«, gab er schmeichelnd dem DFB-Journal zu Protokoll. Er findet, dass nicht alle Lebensbereiche, speziell der Sport und der Fußball, nur nach den Gesetzen von Markt und Wettbewerb reguliert werden sollten. Um ehrenamtliches Engagement zu fördern, müsse man einen größeren Freiraum zur Selbstregulierung ermöglichen.
Er folgte mit dieser Einlassung der unseligen Tradition, für den Fußball als Erstes eine Sonderbehandlung zu fordern. Auch dort, wo er eben nicht als gemeinnütziger Verein auftritt, der sich reizend um die Jugend bemüht, sondern wo es ihm in erster Linie ums Geld geht. Und bei einer solchen Motivlage müssen die Marktteilnehmer üblicherweise den Wettbewerbsgesetzen folgen – zum Wohle der Allgemeinheit.
Die Zahlen besagen schon, dass es hier ums big business geht: Der deutsche Profifußball nimmt im Jahr allein mit dem Sponsoring mehr als 400 Millionen Euro ein. Für die Gesamtvermarktung aller Fernsehrechte an den Spielen soll die Agentur Sirius künftig im Schnitt 500 Millionen Euro pro Saison herausholen. Dazu kommen Eintrittskarten, Fanartikel und vieles mehr; zusammen kommen DFB und DFL auf mehr als 1,83 Milliarden Euro Jahresumsatz.
Dass der Fußball ein besonderer Markt ist, wie DFL und DFB immer wieder betonen, ist deswegen nicht falsch. Töricht wäre allerdings, dem Kartellamt deswegen das Recht auf Prüfung abzusprechen. Dort sitzt schließlich keine Bande von Fußballhassern, sondern eine Gruppe von Ökonomen, die solche Sachverhalte abwägen.
Die Prüfung zieht sich auch deshalb so lange hin, weil einige Exfußballer sich offenbar schwer tun, die nötigen Unterlagen zu liefern. Oder es ist Methode: Ein Blick in die Historie von Kartellrecht und Ballsport belegt, wie einflussreich die Lobby für den Fußball ist. 1994 unterband es das Kartellamt, dass die Fernsehrechte für UEFA-Pokalspiele deutscher Mannschaften kollektiv verkauft werden. Drei Jahre später bestätigte der Bundesgerichtshof diese Entscheidung. Prompt änderte der Bundestag das Gesetz. Sport, respektive Fußball, wurde nun erst mal vom Kartellgesetz ausgeschlossen. Karel Van Miert, seinerzeit EU-Kommissar, erschien das, wie er in seinen Memoiren schreibt, »für einen Rechtsstaat ziemlich bedenklich«.
Die deutsche Ausnahme hatte keinen Bestand, nun war die EU-Kommission für den Wettbewerb im hiesigen Fußball zuständig. Doch die hat den Ball zurück ins Feld des deutschen Kartellamts gespielt. Offenbar erwischt es die Deutsche Fußball Liga kalt, dass die Zentralvermarktung wieder zur Diskussion steht. Erst Anfang des Jahres habe das Amt Ernst gemacht, heißt es dort, deswegen verzögere sich jetzt die gesamte Ausschreibung. Tatsächlich muss aber den Beteiligten klar gewesen sein, dass es nicht ohne Folgen bleibt, wenn die EU-Kommission zu dem Schluss kommt, dass das Preiskartell nur unter besonderen Bedingungen zu erlauben ist.
Allerdings: In der Neuauflage der Partie Fußball contra Kartellamt hat sich zuletzt die Behörde, die zu Recht auf ihre Unabhängigkeit pocht, selbst einen Fehltritt geleistet. In der betreffenden Abteilung sollte es offenbar eine Versetzung geben – während des laufenden Verfahrens. Schnell machten Gerüchte die Runde, DFB-Präsident Theo Zwanziger sei persönlich für die Personalie verantwortlich, weil er über das Wirtschaftsministerium Einfluss genommen habe. Bild jubilierte: Erster Sieg für DFB und DFL. Ob Zwanziger mit seiner Aktion wirklich etwas bewirkte, ist schon fast zweitrangig. Im Umgang mit einer für ihre Hinterzimmerabreden bekannten Branche dürfen die Kontrolleure nicht mal den Anschein erwecken, dass sie den ökonomischen Verstand verlieren, sobald die Fußballfunktionäre ihre politischen Truppen schicken.
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- Datum 21.04.2008 - 05:01 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17
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