Atelierbesuch Die Angst vor dem weißen Blatt
Die israelische Künstlerin Penny Hes Yassour arbeitet in einem Kibbuz. In ihren Installationen und Zeichnungen befasst sie sich mit Landschaft und Architektur
An der Wand hängt ein weißes Blatt. Es ist 135 mal 206 Zentimeter groß und festgenagelt, eine Holzleiste an jeder Seite, damit es keine Wellen wirft. Das Weiß wirkt wie ein Fixpunkt in diesem Raum, in dem alles andere keinen festen Platz zu haben scheint. Tuben mit schwarzer Ölfarbe, Spraydosen, Elektrokabel, Gummireste, Löffel und Nägel liegen überall verteilt. Von außen dringt nichts ins Zimmer, kein Geräusch, die Fenster sind verhängt. Auch von dem Geruch nach Kuhdung, der draußen in der Luft hängt, ist hier drinnen nichts zu bemerken.
Es ist ihr Raum. Penny Hes Yassour lebt in dem Kibbuz Ein Harod im Nordosten Israels. Es war nicht immer leicht, diesen Raum, ihr Atelier, zu verteidigen – gegen die Erwartungen von außen, gegen die Ansprüche der anderen. Vor mehr als drei Jahrzehnten ist sie in den Kibbuz gezogen, der Liebe wegen, und sie fand sich in einer Gemeinschaft wieder, in der Solidarität mehr zählt als Individualität. Man wollte sie in der Großküche sehen und nicht an der Leinwand. "Damals habe ich Wände um mich herum gebaut. Um mich zu schützen, habe ich mich selbst eingesperrt", sagt Yassour.
In den folgenden Jahren hat sie die engen Grenzen des Kibbuz jedoch immer wieder überschritten. Sie gehört zu den renommiertesten Künstlern Israels, ihre Installationen und Zeichnungen waren in der ganzen Welt zu sehen, häufig auch in Deutschland. Auf der documenta X war sie 1997 mit einer Arbeit vertreten, die unter dem Titel Mental Maps – Involuntary Memory stand. Auf den ersten Blick zeigt dieses Werk zwei gespenstisch wirkende Vögel, die sich anstarren. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, dass es sich um zwei Streckennetzkarten der Deutschen Reichsbahn von 1937 handelt, die an die KZ-Fahrten in Nazi-Deutschland erinnern. Die Karten sind aus braunem Gummi gegossen und verdreht aufgehängt, um den Betrachter zu verstören.
Penny Hes Yassour ist Jüdin, sie hat deutsche Wurzeln. Allerdings wehrt sie sich dagegen, dass man ihr Werk allein vor dem Hintergrund dieser Biografie interpretiert. Bei den Mental Maps, die immer wieder als Thema in ihren Arbeiten auftauchen, geht es ihr um die Frage, wie der Mensch die Welt sieht. Welche inneren Karten und Erklärungsmuster er, auch unbewusst, in sich trägt, obwohl sich die Realität möglicherweise längst geändert hat. Diese Subjektivität der Wahrnehmung beschäftigt sie.
Auf einem Tisch hat sie Plastikmodelle zerstörter Häuser ausgebreitet, eine Stadt, von Krieg oder Flut zerrieben. Die Arbeit hat keinen Titel. Nicht von ungefähr hat Yassour neben Kunst auch Geografie studiert. "Landschaften, von Menschen geschaffene Orte, haben mich immer interessiert. Ich wollte Künstlerin werden, das wusste ich schon mit zehn." Sie sagt das mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel lässt. Während sie spricht, blickt man in ihre klaren grünblauen Augen, die in zwei tiefen Höhlen zu liegen scheinen, ihre Augenbrauen hat sie mit einem kräftigen braunen Strich nachgezeichnet, darüber die Falten, die sich im Laufe von 57 Jahren in ihre Stirn gegraben haben. Kleine blonde Locken umrahmen dieses Gesicht, das stark ist und selbst wie eine Landschaft wirkt.
Zehn Jahre alt war sie, als ihr Vater gestorben ist, das war 1961. In ihrer Erinnerung sitzen sie gemeinsam an einem großen Tisch, malen mit Wasserfarben. "Es war für mich sehr natürlich, weiterzumachen, auf diese Weise mit ihm in Verbindung zu bleiben", sagt sie.
Ihr Vater war 1934 aus Deutschland ausgewandert, nach Palästina, die Familie stammt aus Hessen. Daher das "Hes" in ihrem Namen. Der Zweite Weltkrieg spielt in ihrem Werk immer wieder eine Rolle, auch die leidvolle Erfahrung, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen worden zu sein. Für den Kunstverein in Kassel hat sie eine Achterbahn aus Text, Glühbirnen, Stahlseilen und rotem Kunststoff ersonnen, einen Denkraum, der die Schamhaftigkeit einer solchen Situation beschreibt.
Im Kibbuz hat sie ihren Platz gefunden. "Mit der Isolation der Anfangsjahre ist es vorbei", sagt sie. "Das Leben ist weniger kompliziert geworden." Fährt sie übers Gelände, in einer der elektrischen Golfkarren, die hier der Fortbewegung dienen, grüßen die anderen sie als eine der Ihren. Ihren Solidaritätsbeitrag leistet sie an der Hochschule statt in der Großküche. Sie unterrichtet an der renommiertesten Kunstschule Israels, der Bezalel-Akademie in Jerusalem. Ihr Gehalt geht, ebenso wie der Erlös ihrer Werke, in die Kibbuz-Kasse.
Yassour hat gern mit Menschen zu tun. Ihretwegen finden immer mehr Gäste den Weg nach Ein Harod, auch aus dem hundert Kilometer entfernten Tel Aviv. Ihr Mobiltelefon klingelt permanent. Aber um arbeiten zu können, muss sie sich immer wieder ihren Freiraum schaffen, auch im wörtlichen Sinne: Jetzt muss sie aufräumen. Auf dem Boden ihres Ateliers liegen noch einige ihrer jüngsten Werke, gerade waren wieder Besucher da, die sie sehen wollten. Es sind großformatige Zeichnungen, sie zeigen Landschaften, die zu verschwimmen scheinen, architektonische Skizzen, die sich im Abstrakten verlieren.
Die Künstlerin rollt ihre fertigen Arbeiten vorsichtig zusammen. Jetzt kann wieder etwas Neues beginnen. Das weiße Blatt an der Wand hilft ihr dabei, es verkörpert Erwartung, Neugierde auf eine neue Entdeckung. "Und immer kommt auch ein wenig Angst hinzu", sagt Yassour. "So als hätte ich niemals zuvor etwas getan oder etwas gewusst."
Penny Hes Yassour wurde 1950 in Haifa geboren. Ihre Familie stammt aus Hessen, ihr Vater wanderte 1934 nach Palästina aus. Yassour studierte Kunst und Geografie und zog anschließend in einen Kibbuz, wo sie bis heute lebt und arbeitet. 1997 war sie auf der documenta X vertreten. Sie unterrichtet an der Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.
- Datum 19.04.2008 - 07:49 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 17.04.2008 Nr. 17
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