Film Die Königin der Neurosen
»Actrices« ist die zweite Regiearbeit der Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi. Porträt einer Frau, die immer nach vorne flieht.
Zugegeben, es ist nicht sehr nett, eine Schauspielerin mit einem Satz zu konfrontieren, den sie vor langer Zeit gesagt und vielleicht längst vergessen hat. Vor allem wenn er von einem nicht allzu liebevollen Verhältnis zu sich selbst zeugt. Als wir uns 1996 in einem Pariser Café zum Interview trafen, sagte die Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi: »Manchmal würde ich beim Schminken am liebsten die Augen schließen.«
Zwölf Jahre später sitzt Bruni Tedeschi wieder in einem Pariser Café und denkt laut darüber nach, wie sie »etwas so Monströses« über sich habe sagen können.
Inzwischen ist einiges geschehen. Von der jungen Schauspielerin, die gerade Patrice Chéreaus Theaterschule absolviert und ihre ersten Filmrollen hinter sich hatte, wurde Bruni Tedeschi zu einer unverwechselbaren Melodie im großen Schauspielerkonzert des französischen Kinos. Nicht zuletzt wegen einer natürlich-neurotischen Verletzlichkeit, die ihr die Gabe verleiht, von Film zu Film und manchmal von einer Sekunde auf die andere schön oder hässlich zu erscheinen. Sie selbst nennt es »die musikalische Skala zwischen pferdehaftem Trampel und erotischer Verheißung«.
Der Film sieht dabei zu, was die Kunst mit dem Leben anstellt
Mitte der neunziger Jahre spielt sie in Normale Menschen haben nichts besonderes (Regie: Laurence Ferreira Barbosa) und Vergiß mich (Regie: Noémie Lvovsky) liebeskranke Frauen, die auf der Suche nach der Liebe und sich selbst mit strähnigen Haaren durch Paris hetzen, im Gepäck die eigenen Sehnsüchte oder auch einen ganzen Haufen Psychiatriegenossen. Sie ist die unsichere, aber beharrliche, in unvorteilhaftes Pink gekleidete Kommissarin in Claude Chabrols Die Farbe der Lüge und die in sich gefangene Exterroristin in Mimmo Caloprestis La seconda volta. In François Ozons Film 5x2 gelingt es ihr, in einer langen erotischen Tanzszene das Ende einer Ehe zu erzählen, von dem ihre fragile Figur womöglich noch gar nichts weiß.
Vielleicht ist es für jemanden, der auf der Leinwand so offen mit seinen Neurosen spielt, nur konsequent, sie irgendwann in die eigenen Filme und Drehbücher fließen zu lassen. Valeria Bruni Tedeschis zweiter Film, der nun unter dem Titel Actrices – oder der Traum aus der Nacht davor in die deutschen Kinos kommt, handelt von: Valeria Bruni Tedeschi. Was einerseits wahr ist, aber auch ungerecht. Angemessener wäre es, über diesen leichten und gedankenverlorenen, heiteren und melancholischen Film zu sagen, dass er dabei zusieht, was die Kunst mit dem Leben anstellt. Und umgekehrt.
Valeria Bruni Tedeschi spielt Marcelline, eine Theaterschauspielerin, die während der Proben zu Iwan Turgenjews Ein Monat auf dem Lande in eine Krise gerät. Von einer slapstickhaften Handlung wird sie über die Bühne ihres Lebens und in peinliche Situationen getrieben. »Es ist die Krise einer Frau, die im Laufe der Jahre zu viel für ihre Figuren und zu wenig für sich selbst gefühlt hat«, sagt Bruni Tedeschi. In flottem Tempo wird ihre Marcelline von einem späten Kinderwunsch überrumpelt, sie stürzt sich in Romanzen, streitet mit der dominanten Mutter und mit dem Regisseur, begegnet ihrem toten Vater und schließlich auch ihrer Theaterfigur, der von der Liebe aus dem Gleichgewicht gebrachten Gutsbesitzerin Natalja Petrowna. »Turgenjews Gestalten«, sagt Bruni Tedeschi, »sind ideal für diesen Reigen. Denn sie wirken so, als würden sie gerade eine Psychoanalyse machen. Sie rätseln über ihre Seele, versetzen sich zurück in ihre Kindheit, sie drehen und wenden sich und ihre Gedanken.«
Auch Bruni Tedeschi ist eine Gedankenwenderin. Man sieht es an der Art, wie sie über Fragen stumm weitergrübelt. Oder wie der alte Satz immer wieder ins Gespräch drängt. »Warum nur konnte ich mich damals nicht im Spiegel ansehen? Meine Mutter hätte mir das Recht geben müssen, stolz und glücklich zu sein! Ich habe 15 Jahre gebraucht, um den Kopf zu heben. Aber heute ist es ein anderer, älterer Kopf.«
In Actrices denkt dieser Kopf über zwei verwandte Existenzweisen nach: Turgenjews melancholisch ihrem Untergang entgegentaumelnde Feudalgesellschaft und eine saturierte westliche Bildungsschicht der Gegenwart, die nun mal die Zeit hat, sich in Neurosen und Liebesnöte zu verspinnen. Der Film handelt von der Angst, im Leben den falschen Weg eingeschlagen zu haben, also auch von der Angst vor dem Altern und dem Tod. Und er macht uns zu Zeugen jenes wundersamen Prozesses, bei dem aus persönlichen Wirrnissen und Ichbezogenheiten etwas anderes, Universelles entsteht.
Wie kann man einer solchen Familie anders als mit Selbstironie begegnen?
So lässt Bruni Tedeschi ihre Filmmutter von ihrer wirklichen Mutter, der Pianistin Marisa Borini, spielen. Gleich zu Beginn wirft diese ihrer Tochter vor, nicht den Prinzen de la Tour d’Auvergne geheiratet zu haben. »Hässlich, aber eine gute Partie!« Es ist nur eine kurze Szene, aber sie zielt ins Herz der real-exzentrischen Familienverhältnisse, die hier aufs Unterhaltsamste verhandelt werden.
Valerias erster Film Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr… tänzelte fast ausschließlich um ihre Familie. Aus Angst vor Entführung durch die Roten Brigaden zogen die Bruni Tedeschis in den siebziger Jahren von ihrem Turiner Settecento-Schloss nach Paris. »Das war mal eine etwas andere Emigration«, sagt Bruni Tedeschi. »Nicht aus Armut, sondern aus Reichtum.« Für die drei Geschwister, Valeria, Carla und ihren Bruder Virginio, habe die Umsiedelung das Ende der Kindheit bedeutet: »Ein Trauma!« Noch heute sprechen die Bruni-Schwestern nur italienisch miteinander. Ihre Schwester Carla Bruni ließ Valeria in ihrem Regiedebüt von Chiara Mastroianni spielen – als kühle kettenrauchende Schönheit. Zusammengenommen und nicht nur, weil auf der Bühne von Actrices eine Analytikercouch steht, ergeben Wirklichkeit und Filme ein hübsches Feld für spekulative Schwesternpsychologie: eine, die 15 Jahre brauchte, um ihren Kopf zu heben, und die andere, die ihren Körper allen zeigte. Eine, die sich im Spiel vor dem Leben schützt, und die andere, die ihr Leben zum globalen Label macht. Und die eine, die, so sagt sie, immer noch nicht verheiratet sei, während die andere Weltwichtigkeitsmänner sammelt.
Wie kann man solchen Familienverhältnissen anders als mit Selbstironie begegnen? Im ersten Film litt die von Bruni Tedeschi gespielte Hauptfigur wegen ihres Erbes (etwa 140 Millionen Euro) unter schweren Schuldgefühlen. Aber nicht zu schwer, um nicht mit dem Jaguar zur Beichte zu fahren. In Actrices geht sie immer noch zum Priester, bittet ihn allerdings, ihr ein Kind zu machen: »als christliche Spende«. Immer wieder findet das Drehbuch jene Tonlage, in der sich Verzweiflung und Neurosen mit der Weigerung verbinden, sie im Angesicht der Ewigkeit allzu ernst zu nehmen. Etwa wenn eine ungelenke Marcelline am Kinderschwimmtag vom Bademeister des Hallenbades aus dem Wasser geschickt wird. Oder wenn sie sich vom Gespenst ihrer leibhaftigen Bühnenfigur Natalja Petrowna wie ein Teenie in Liebesdingen zusammenstauchen lässt. Bei Turgenjew sagt Petrowna: »Statt uns gegenseitig mit Verdächtigungen und Vorwürfen zu quälen, sollten wir nicht gemeinsam darüber nachdenken, wie wir aus dieser schwierigen Lage herauskommen? Wie wir uns retten können!« Vielleicht liegt genau hier die Grazie von Actrices. Der Film ist eine Flucht nach vorn, ein Rettungsversuch. Und er reicht doch allen realen Vorbildern, Empfindungen und ihren fiktiven Spiegelungen aufs Großzügigste die Hand.
Als Bruni Tedeschi aus dem Café ins verregnete Paris tritt, weiß man eine Sekunde lang nicht, wen man vor sich hat: Valeria oder Marcelline, die gleich ihre Handtasche verlieren oder in einer Pfütze ausrutschen könnte. »Vielleicht sehen wir uns ja in zwölf Jahren wieder«, sagt Valeria Bruni Tedeschi. Sie lächelt. »Aber es wird dann wohl noch mal ein anderer Kopf sein.«
- Datum 18.04.2008 - 11:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17
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