Alle fünf Jahre wird der Bundespräsident gewählt. Zieht dann ein Neuling ins Schloss ein, trifft ihn bald darauf der Bellevue-Blues. Er macht sich im Allgemeinen 12 bis 15 Monate nach Amtsantritt breit und trifft den neuen Präsidenten stets unvorbereitet. Auslöser sind meist die ersten Pressebilanzen. Zu wenig ist da über ihn zu finden, findet der Mann im Schloss Bellevue (eine Frau gab es noch nicht), vor allem zu wenig Positives. Hat er nicht Großes schon bewegt und noch viel Größeres vor? Haben nicht Kanzler und Parteivorsitzende vor Jahresfrist ihn gerühmt, beglückwünscht und mit dem Versprechen auf gedeihlichste Zusammenarbeit ausgestattet? Wo ist all das Wohlwollen geblieben? Kaum ein Bundespräsident der vergangenen Jahre, der frei von Amtsmelancholie gewesen wäre.

Und in der Tat, man kann die Frage stellen: Bekleidet der Bundespräsident nicht wirklich ein überflüssig gewordenes Amt?

Natürlich muss dieser Gedanke jeden Amtsinhaber schrecken, und so folgt auf die Wochen des Bellevue-Blues meist angestrengte Aktivität: Kommissionen werden eingerichtet, Projekte ins Auge gefasst, Journalisten umgarnt. Und erneut binnen Jahresfrist hat der Bundespräsident sich ein Universum errichtet, das eigenen Gesetzen gehorcht. Es schafft Bedeutung aus sich heraus, und es verleiht Bedeutung allen, die darin mitspielen. Und nach knapp fünf Jahren erscheint dem leidlich genesenen Melancholiker eine zweite Amtszeit allemal attraktiver als ein Reihenhäuschen im Grunewald und lange Spaziergänge mit dem Hund. So ergeht es derzeit Horst Köhler.

Eine Frage treibt die Präsidenten dabei notorisch um: Warum achtet die politisch-publizistische Klasse ihre Mühen so gering, wo das Volk sie doch so schätzt? Nun ist die Popularität des Präsidenten eine ungetestete. Der Präsident erhöht keine Steuern, er rechtfertigt keine unliebsamen Gesetze, er muss sich nicht behaupten im Meinungskampf.

Vor allem aber hat sich die Rolle der Präsidenten gewandelt. Auch in der Bonner Republik musste der Bundespräsident um sein Profil ringen, aber erst in der Berliner Republik hat sich seine Aufgabe entleert. Zweieinhalb erfolgreiche Präsidenten hat die alte Bundesrepublik hervorgebracht, zweieinhalb in vierzig Jahren: Heuss, Heinemann und Weizsäcker I. Theodor Heuss war der liberale Leuchtturm in den Gründerjahren der deutschen Demokratie. Gustav Heinemann hielt in den Konflikten nach 67/68 eine zerstrittene Gesellschaft zusammen. Und zum Abschied von Richard von Weizsäcker meinte ein Parteifreund, man solle den Bundespräsidenten alleine schon deshalb abschaffen, weil das Amt in der Gestalt von Weizsäckers seinen unübertreffbaren Ausdruck gefunden habe.

Tatsächlich jedoch fallen die zwei Amtszeiten Weizsäcker I und II auseinander. In Erinnerung ist er geblieben für seine Rede vom 8. Mai 1985, dem Jahrestag des Kriegsendes, weil er eine Art Grundgesetz der neuen deutschen Geschichte festschrieb: Die Bundesrepublik drückt sich nicht vor ihrer Vergangenheit.

Fragte man aber die Deutschen, wer am Tag der Einheit 1990 ihr Präsident gewesen ist, würden wohl nicht viele auf Anhieb an Weizsäcker denken. Zum Jahrhundertereignis Mauerfall fiel ihm seltsam wenig ein, was den Deutschen im Gedächtnis geblieben wäre. Und so ist nicht auszuschließen, dass ausgerechnet der Idealpräsident Weizsäcker Anfang der neunziger Jahre unter Amtsfrustration gelitten hat. Seine Attacke auf die »Machtversessenheit und Machtvergessenheit« der Parteien im Staat markiert jedenfalls den Übergang zu einem neuen Typus von Bundespräsidenten.