Nachhaltigkeit Gesucht: Grünanlagen

Aktien und Fonds mit dem Etikett »nachhaltig« sind begehrt wie nie. Der Markt ist allerdings unübersichtlich, mitunter werden auch Investitionen in Chemie- und Ölfirmen als ökologisch korrekt vermarktet.

Es können Schweine sein oder Eier. Ein T-Shirt. Oder eben das Wertpapierdepot. »Jeder Geldschein ist ein Stimmzettel«, sagt Petra Hemptenmacher. Ein Betrag, mit dem sich etwas unterstützen lasse. Artgerechte Tierhaltung beispielsweise, ökologische Landwirtschaft oder Initiativen gegen Kinderarbeit. Seit zehn Jahren stimmt Hemptenmacher auch mit ihrem Konto ab. Als die 54-Jährige in die Nähe des Flughafens Köln-Bonn zog, habe sie gelernt, »was die Gesundheit der Menschen im Vergleich zum wirtschaftlichen Interesse wert ist«. Deswegen bringt Hemptenmacher ihre Ersparnisse zur GLS Bank.

Nach eigenen Angaben ist die GLS die größte Bank für ethisch-ökologische Geldanlagen in Deutschland. Mit dem Guthaben ihrer Kunden vergibt sie Kredite ausschließlich nach zuvor festgelegten Kriterien. So hat Hemptenmacher bei der Kontoeröffnung bestimmt, dass von ihren Einlagen nur Darlehen an Ökolandwirte vergeben werden sollen. Vor zehn Jahren war so etwas vielleicht die Ausnahme. Aber mittlerweile ist die Rheinländerin nur noch eine von vielen, die sich solche Gedanken über ihr Geld machen.

Ob Kleinsparer oder professioneller Finanzinvestor, Girokonto bei einer Ökobank oder Millionenfonds: Knapp 30 Milliarden Euro waren in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Februar unter dem Etikett »ethisch korrekt« angelegt. Die Wachstumsraten sind gigantisch. Noch zum Jahreswechsel lag diese Summe bei 19 Milliarden Euro, berichtet das Forum Nachhaltige Geldanlagen, ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmen und Organisationen. Der Trend zeigt, dass sich ein globales Bewusstsein etabliert, das dem traditionellen »magischen Dreieck« der Geldanlage aus Risiko, Rendite und Liquidität einen vierten Aspekt hinzufügt: die Nachhaltigkeit.

In den Vereinigten Staaten hat eine Gruppe von 50 Investoren vor wenigen Wochen einen Investor Network on Climate Risk Action Plan vereinbart. In den nächsten zwei Jahren wollen sie zehn Milliarden Dollar in Unternehmen mit vorbildlicher Umwelttechnologie stecken. Das ist kein Einzelfall. Auch für die im Deutschen Aktienindex (Dax) notierten Konzerne »hat diese Gruppe von Investoren an Relevanz in den letzten Jahren zugenommen, und das wird noch weitergehen«, sagt Paschen von Flotow, Leiter des Sustainable Business Institute der European Business School in Oestrich-Winkel. Bei einigen Unternehmen seien schon zwei bis drei Prozent der Investoren nachhaltig orientiert. Der Trend gehe »hin zur Einflussnahme, also Wahrnehmung der Aktionärsrechte«, sagt von Flotow. Nachhaltigkeit gerät immer mehr zu einer Strategie, die Investoren von Firmen einfordern. Schon 2005 machte der US-Pensionsfonds Druck auf die Autobauer Ford und General Motors, sie sollten ihre Emissionswerte veröffentlichen und Strategien zum Klimaschutz entwickeln.

Für Laien gibt es kaum verständliche Kriterien der Nachhaltigkeit

In Deutschland stehen den Anlegern inzwischen rund 180 Fonds zur Auswahl, die neben Rendite auch noch Werte versprechen. Das große Problem dabei: Was genau bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit?

Der Begriff »nachhaltig« kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und besagt in etwa, dass man Bäume nicht schneller fällen soll, als sie nachwachsen. Verantwortungsvoll mit den Ressourcen umzugehen – aufs Geld bezogen, kann das alles Mögliche heißen. Da gibt es den Klimafonds der Schweizer Gruppe SAM, der in Solar- und Antriebstechnik sowie Computerfirmen investiert. Oder den Women’s Equity Fund, der Geld an Unternehmen vergibt, die sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzen. Ob religiös gefärbt, politisch oder ökologisch, fast alles läuft unter dem Begriff der Nachhaltigkeit. Oder ist, wie die Geschäftswelt sagt, ein socially responsible investment. Wie dehnbar dieser Begriff ist, ließ sich noch vor Kurzem eindrucksvoll am Jahresbericht von Eurosif ablesen, dem europäischen Dachverband der Investmentforen. Je nach Maßstab waren demnach Ende 2005 europaweit 105 Milliarden Euro nachhaltig angelegt – oder mit 1.033 Milliarden Euro zehnmal so viel.

Petra Hemptenmacher hat die Frage der Nachhaltigkeit für sich ganz individuell beantwortet. Als Doktorin der Chemie weiß sie, dass Mineraldünger die Böden langfristig weniger fruchtbar macht und zudem den Klimawandel beschleunigt. Aus chemischen Düngemitteln entstehe Lachgas, das in die Atmosphäre entweiche. Und das, sagt Hemptenmacher, »hat die 240-fache Treibhauswirkung von CO₂«. Deswegen investiert sie ihr Vermögen in die ökologische Landwirtschaft. Dass es dort auch wirklich ankommt, kann sie sich mit eigenen Augen ansehen: Vierteljährlich gibt ihre Bank eine Zeitschrift heraus, in der steht, welcher Unternehmer wofür und in welcher Höhe einen Kredit von der Bank bekommen hat. Ein angenehmer Nebeneffekt sei, dass zusätzliche Arbeitsplätze entstünden, sagt sie. Die ökologische Landwirtschaft sei »viel arbeitsintensiver« als die großindustrielle.

Wer nicht ganz so gut informiert ist, hat es bei der Wahl der richtigen nachhaltigen Anlagemöglichkeiten schwer. Eurosif und andere Institutionen arbeiten noch daran, auch für Laien verständliche Kategorien zu schaffen. »Alle Standardisierungsversuche auf der Ebene der Erfassung der sozialen und ökologischen Performance von Unternehmen machen Sinn, auch wenn alle angesichts der Komplexität der Aufgabe unbefriedigend sind«, sagt Wissenschaftler von Flotow. Es hilft aber schon deutlich weiter, wenn man sehen kann, ob sich hinter dem sogenannten ethischen Fonds ein Klimapotpourri verbirgt oder ein vom Papst abgesegnetes katholisches Investmentpaket. Die Kölner Professoren Peer Osthoff und Alexander Kempf haben nachhaltige US-Aktienfonds von 1991 bis 2004 daraufhin untersucht, ob der Name auch wirklich Programm ist. Ihr Fazit: »Wir finden, dass ein ethisch orientierter Investor beim Kauf von Ethikfonds ein ethisch höherwertiges Portfolio erwirbt im Vergleich zu den Standardfonds« – mehr aber auch nicht.

Der Wert von Klimafonds wuchs im vergangenen Jahr um zehn Prozent

Eurosif hat eine Checkliste entwickelt, anhand derer man sich einen näheren Eindruck von der Nachhaltigkeit einer bestimmten Geldanlage verschaffen kann. Sechs Bereiche werden überprüft: Personal, Umweltschutz, Kunden und Zulieferer, Menschenrechte, Engagement und Unternehmensführung. Es kommt aber auch auf die Umsetzung der einzelnen Kriterien an. Dabei werden drei Strategien unterschieden: eine negative, eine positive und ein best in class- Ansatz.

Die negative Auswahl ist ein Ausschlussprinzip. So werden Atomkraftkonzerne oder die Waffenindustrie ausgeschlossen, aber auch Länder, in denen die Todesstrafe nicht abgeschafft ist oder keine Demokratie herrscht. Bei der positiven Auswahl werden explizit Unternehmen ins Portfolio aufgenommen, die hinsichtlich bestimmter Kriterien gut abschneiden. Ein Ableger der positiven Auswahl ist die Variante best in class. Hier werden die Unternehmen innerhalb einer Industrie miteinander verglichen und die jeweils besten ausgewählt. So kann es passieren, dass in einem nachhaltigen Aktienpaket auch Anteile von Ölunternehmen oder Chemiefirmen enthalten sind – solange diese nachhaltiger agieren als der Rest ihrer Branche.

Der Dow Jones Sustainability World Index (DJSI World) beispielsweise komprimiert die größten Unternehmen aus dem Dow Jones World Index auf diejenigen 250 aller Branchen, die soziale, ökonomische und ökologische Kriterien am ehesten erfüllen. Viel strenger ist der Natur Aktien Index, dessen Ansprüchen weltweit nur 25 Aktien genügen. Auf Internetseiten wie www.nachhaltiges-investment.org kann man nachlesen, welchen Ansätzen die jeweiligen Geldanlagen folgen – und wer sie geprüft hat. Viele Fondsmanager orientieren sich an solchen Indizes und schnüren daraus unterschiedliche Pakete.

Zulasten der Rendite muss das gute Gewissen nicht zwangsläufig gehen. Kurzfristig schnitten nachhaltige Aktienfonds zwar etwas schlechter ab als der Gesamtmarkt, berichtete Finance & Ethics Research im Februar. Auf lange Sicht aber lägen sie im Mittelfeld – nahmen also den allgemeinen Rückgang der Aktienkurse an den Weltbörsen voll mit. Eine Ausnahme waren allerdings Klimafonds, die in erneuerbare Energien investieren. Ihr Wert wuchs im vergangenen Jahr um zehn Prozent.

 
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