Nichts hält länger als das Provisorium. Das Büro von John-Dylan Haynes wirkt, als sei er gerade eingezogen. Dabei arbeitet er im Berliner Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience schon über ein Jahr. Doch die Regale sind nahezu leer, in Ermangelung einer Garderobe hängt der Bügel mit dem Sakko an einem Leitz-Ordner im obersten Fach; als notdürftiger Ersatz für einen Couchtisch muss ein Rollcontainer herhalten. Und was soll diese Sprühdose mit schwarzem Autolack im Zimmer eines Hirnforschers? »Damit habe ich mein Fahrrad auf alt getrimmt, damit es mir nicht so schnell geklaut wird«, sagt Haynes lachend.

Hier versteht sich ein Mann offenbar auf die Kunst des Understatements. Und die große Pose des Welterklärers liegt dem deutsch-britischen Professor ebenfalls nicht. Dabei könnte er sie durchaus pflegen. Schließlich hat der 37-Jährige soeben im Fachblatt Nature Neuroscience eine Studie veröffentlicht, die vermutlich die Debatte um den freien Willen mächtig anheizen wird: Anhand der Aktivität zweier Hirnregionen kann er voraussagen, ob Versuchspersonen einen Knopf mit der linken oder rechten Hand drücken werden. Und diese Aktivität beginnt, zehn Sekunden bevor die Probanden sich bewusst entscheiden!

Gibt es also tatsächlich keinen freien Willen? Entscheidet das Gehirn quasi an unserem Bewusstsein vorbei? So einfach macht es sich Haynes nicht. Der Slogan »Freiheit oder Gehirn« ist ihm viel zu plump. Denn erstens sei das Gehirn ja Teil unserer Person; und zweitens müssten die Hirnprozesse konsistent sein mit all unseren Überzeugungen und Werten. »Wenn es manchmal heißt: ›Mein Gehirn hat so und so entschieden, ich kann nichts dafür‹, dann ist das Quatsch«, ärgert sich John-Dylan Haynes.

Ohnehin hält er die deutsche Debatte um die Willensfreiheit für »ziemlich unglücklich«. Meist würden da Forscher miteinander diskutieren, die sich gar nicht wissenschaftlich mit dem Thema Verhaltenssteuerung beschäftigt hätten. Statt sich in diese Debatte einzumischen, hat der Kognitionspsychologe lieber etwas getan, was längst überfällig war: mit modernen Methoden jenes berühmte Experiment von Benjamin Libet fortzuführen, das seit über zwanzig Jahren die Debatte um den freien Willen prägt. »Es ist mir schleierhaft, warum es zu einem so zentralen Experiment nicht viel mehr Forschungsarbeiten gab«, sagt er. In den neunziger Jahren wurde Libets Versuch einmal wiederholt. Ansonsten haben Forscher davon weitgehend die Finger gelassen; vielleicht, weil ihnen der Streit um dessen Implikationen längst zu ideologisch geworden war.

Dass es an Libets Experiment vieles zu kritisieren gibt, weiß auch Haynes. Es krankte schon daran, dass die Versuchspersonen den Zeitpunkt ihrer Entscheidung anhand eines schnell laufenden Uhrzeigers bestimmen mussten. »Eine schnelle Bewegung präzise zu positionieren ist eines der Dinge, die wir am schlechtesten können«, sagt Haynes. Unklar blieb seinerzeit auch, ob das von Libet gemessene Bereitschaftspotenzial wirklich die Bewegung initiierte – oder nur die Folge einer anderen, noch früher begonnenen Hirnaktivität war.

Der Computer von John-Dylan Haynes kann Gedanken lesen

All diese Schwächen hat Haynes zu vermeiden versucht. Am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, an dem er noch immer eine Arbeitsgruppe leitet, ging er der Entscheidungsfindung trickreich auf den Grund. Während seine Probanden in einem Kernspintomografen lagen, sollten sie sich entscheiden, entweder mit der linken oder der rechten Hand einen Knopf zu drücken. Damit sie sich den Zeitpunkt dieser Entscheidung merken konnten, zeigte ihnen Haynes keine Uhr, sondern schnell wechselnde Bilder mit verschiedenen Buchstaben. Die Probanden mussten sich einfach denjenigen Buchstaben merken, der zum Zeitpunkt der Entscheidung gerade eingeblendet war.