Gleichzeitig suchten Haynes und seine Kollegen nach jenen neuronalen Aktivitätsmustern, die mit der Entscheidung in Verbindung standen. »Das ist mit einer Mustererkennungs-Software, wie man sie heute zur Identifikation von Fingerabdrücken nutzt, durchaus möglich«, erklärt der Hirnforscher. Mit Hilfe einer aufwendigen statistischen Analyse lassen sich die Daten aus dem Kernspintomografen sehr genau interpretieren – eine Art von »Gedankenlesen« , die derzeit weltweit für Schlagzeilen sorgt. Zwar gelingt diese Kunst derzeit nur bei einfachen und klar unterscheidbaren Alternativen (Sieht der Proband Häuser oder Gesichter? Drückt er den rechten oder linken Knopf?), und auch dann nur, wenn die Software zunächst auf die individuellen Aktivitätsmuster jeder einzelnen Versuchsperson geeicht wird. Dann aber lassen sich damit verblüffende Aussagen treffen.

In Haynes’ Studie förderte die Mustererkennung zunächst zwei Hirnbereiche zutage, in denen die Entscheidung vorbereitet wurde (das Brodmann-Areal 10 im frontopolaren Kortex und eine Region im parietalen Kortex). Aus den Aktivitätsmustern dieser Areale ließ sich mit einer 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit ableiten, welchen der beiden Knöpfe eine Versuchsperson später drücken wird – und zwar bereits sieben Sekunden bevor die Versuchsperson eine bewusste Entscheidung traf!

Hinkt das Bewusstsein also um sieben Sekunden hinterher? Nein, um noch viel mehr. »Der Kernspintomograf zeigt die Hirnaktivitäten mit einer Verzögerung von drei bis vier Sekunden«, erklärt Haynes, »tatsächlich also sind diese Areale bereits etwa zehn Sekunden aktiv, bevor die Entscheidung als bewusst erlebt wird.«

Doch wie überzeugend ist eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent, die nur knapp über einem Zufallstreffer von 50 Prozent liegt? »Das ist ein Wert, der über alle 14 Probanden gemittelt ist«, antwortet Haynes. »Wenn wir uns auf den Einzelfall konzentrieren, können wir eine viel höhere Wahrscheinlichkeit erreichen. Doch um die Vorhersageleistung ging es in diesem Experiment ja gar nicht. Entscheidend war der Zeitpunkt, zu dem diese Aktivität beginnt.«

Der Befund von Libet ist nicht nur bestätigt, sondern mächtig verschärft

So leicht lässt sich an Haynes’ Ergebnis nicht rütteln. Der Befund von Libet ist damit nicht nur bestätigt, sondern sogar noch mächtig verschärft: Das Gehirn wird nicht erst 0,3, sondern volle 10 Sekunden vor einer als bewusst erlebten Entscheidung aktiv. Eine Ewigkeit! Wie soll man sich das erklären?

»Ich interpretiere unsere Studie so: Eine Kaskade von unbewussten Prozessen fängt an, eine Entscheidung vorzubereiten, lange bevor diese ins Bewusstsein dringt«, sagt Haynes. Doch wer oder was entscheidet denn da nun? Der Mensch denkt, das Gehirn lenkt? Schon ist sie wieder da, die Dichotomie, die dem Hirnforscher so widerstrebt. »Mein Gehirn, das bin ja ich«, sagt er und holt noch einmal aus. Unsere Gedankentätigkeit sei mit einem Eisberg vergleichbar. »Was uns bewusst wird, ist nur dessen Spitze. Neunzig Prozent liegen unter Wasser – das sind die unbewussten Prozesse in unserem Gehirn. Aber die Spitze gehört ja zum Eisberg dazu, beide bilden eine Einheit.«