Welttag des Buches
Verrückt, oder?
Am 23. April ist der Welttag des Buches. Und nicht nur das! Auch Cervantes und Shakespeare sollen an diesem Tag geboren sein. Heißt es.
Bei Geschichten, in denen Verrückte, Tote, Wissenschaftler, Dichter und sehr viele Leser auftreten, fängt man am besten mit braven Tatsachen an, die Zuhörern oder Lesern Gewissheit versprechen: Der 23. April wird, seitdem die Unesco ihn 1995 dazu ernannte, jedes Jahr von Neuem als Welttag des Buches gefeiert. Man kann sich denken, welcher Grund dafür genannt wird, dass nämlich das Lesen von Büchern überall fördernswert sei, und die zuständige Direktorin sagt auch noch Sätze wie diese: »Lesen bedeutet, einen interaktiven Dialog mit dem vom Autor eines Textes geschaffenen virtuellen Universum aufzunehmen…, das sich jeweils unterscheidet, abhängig von der Phantasie jedes einzelnen Lesers.« Diese Einbildungskraft kann aber Leser auch mehr oder weniger verrückt machen, wie das Beispiel des Don Quichotte erweist, der im gleichnamigen Roman des Miguel de Cervantes von 1605/15 als Leser von zahllosen Ritterromanen überschnappt und fortan dem Ideal seiner Bücher nachreitet, das doch historisch seit Langem schon überholt ist.
Damit ist man erneut beim 23. April angelangt. Der wurde, auf spanischen Wunsch hin, als Welttag des Buches nicht nur deshalb ausgesucht, weil man an diesem Tag in Katalonien seit den zwanziger Jahren Bücher verschenkt und weil der Tag, zweitens, zu Ehren des heiligen Georg traditionell zum Rosenverschenken gedacht ist. Sondern auch aus dem dritten Grund, dass an diesem Tag sowohl der Autor jenes Don Quichotte, Miguel de Cervantes, als auch William Shakespeare gestorben sein sollen, gleichzeitig, die beiden Größten, die Erfinder der modernen Literatur. Beide am 23. April des Jahres 1616.
All diese Tatsachen sind hier so tatsächlich wie möglich wiedergegeben, gehen allerdings dennoch ins Umstrittene und Erdichtete über. Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes etwa gab vor einiger Zeit zu bedenken, dass Shakespeare und Cervantes wahrscheinlich ein und dieselbe Person gewesen seien. Vertreten wurde auch die These, sowohl Shakespeares Dramen als auch Cervantes’ Don Quichotte seien von Francis Bacon, dem Renaissancegelehrten, verfasst worden. Da gäbe es also wiederum manches zu lesen.
Jedenfalls sind sowohl Cervantes als auch Shakespeare dafür verantwortlich, dass dank ihrer Werke in der Moderne zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen subjektiver Einbildung, absichtsvoller Fiktion und Tatsächlichkeit die Grenzen vielversprechend verschwimmen und sich immer aufs Neue verschieben, ein Problem, das der Ritterschmökerleser Don Quichotte über Hunderte von Seiten am eigenen Leibe austrug. Das wurde der erste moderne Roman.
Bis jetzt bleibt umstritten, ob jener lesende Ritter ein Trottel war, ein Idealist, ein weiser Narr oder alles zugleich – auch ein Spiegelbild seines einhändigen Autors Miguel de Cervantes, der derart armselig dran war, dass er nach Jahren als Gefangener von Piraten sogar Steuern veruntreute und deshalb im Gefängnis landete, wo er vor gut vierhundert Jahren mit der Arbeit an seinem Don Quichotte begann.
Am Welttag des Buchs wird in Barcelona ein Volksfest des Lesens gefeiert. Wenn das kein Grund ist, zu feiern! Zumal dieser Tag ja außerdem auch noch als Shakespeares Geburtstag gilt.
- Datum 23.4.2008 - 06:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17
- Kommentare 5
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute ist der 23. April. Heute lese ich ein ganz besonderes Buch. Heute lese ich "Beim Häuten der Zwiebel". Morgen ist ein ganz besonderer Tag. Morgen ist der 24. April. Morgen lese ich im SPIEGEL online-Forum - Zwiebelfisch!Und übermorgen?
Shakespeare soll am 23. April geboren worden sein, nicht gestorben.
Im Text stehts richtig.
Beste Grüsse!
hab ich das gelesen?
Sie haben Recht: Heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute ist der 23. April, der Welttag des Buches, seitdem die Unesco ihn 1995 dazu ernannt hat.Heute kann aber noch ein anderes Ereignis gefeiert werden: Das deutsche Reinheitsgebot für Bier, das am 23.4.1516 erlassen wurde. Für die meisten ist dieses Ereignis bedeutsamer, da sie in ihrem Leben mehr Gläser Bier getrunken als Bücher gelesen haben und ich denke, das wird auch in Zukunft so bleiben.
Vielleicht kann man ja das eine mit dem ander'n verbinden? Meine Empfehlung: 'Hans Fallada, Der Trinker'. Hicks, schönen Tag noch...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren