DIE ZEIT: Professor Laqueur, Sie gelten als der wichtigste internationale Experte zum Thema Onanie. Wie kommen Sie zu diesem Ruf?

Laqueur: Mein Buch Solitary Sex ist das erste umfassende historische Werk über die Selbstbefriedigung. Das mag verwundern, weil die Sexualität eine der wichtigsten menschlichen Ausdrucksformen ist. Aber es scheint, dass das Schreiben und Sprechen über Selbstbefriedigung bis heute etwas Ungewöhnliches ist.

ZEIT: Hat Sie das Tabu gereizt?

Laqueur: Ich habe das Thema nicht gesucht, eher hat es mich gefunden. Ich hatte mich in meinen vorherigen Studien schon länger mit der Geschichte der Sexualität befasst. Als Studenten mich fragten, wann die Onanie zum Tabu wurde und was der Anlass dafür war, wusste ich keine zufriedenstellende Antwort. Also begann ich zu recherchieren. Je mehr Quellen ich las, desto faszinierender wurde der Forschungsgegenstand.

ZEIT: Was war die größte Überraschung?

Laqueur: Ausgerechnet die Aufklärung war es, die Masturbation zum gesellschaftlichen Übel erklärte, sodass die Selbstbefriedigung zur Obsession einer ganzen Epoche wurde. Bis zum 18. Jahrhundert spielte das Thema in der pädagogischen und medizinischen Literatur kaum eine Rolle. Doch plötzlich erscheinen gelehrte Bücher zur Onanie. Philosophen, Pädagogen und Ärzte beschäftigen sich eingehend mit der Selbstbefriedigung und erklären sie als moralisch im höchsten Maße verwerflich. Streitschriften plädieren für öffentliche Bordelle, um zu verhindern, dass Männer Raubbau an ihrem Körper treiben.

ZEIT: Was löste diese Manie aus?