DIE ZEIT: Professor Laqueur, Sie gelten als der wichtigste internationale Experte zum Thema Onanie. Wie kommen Sie zu diesem Ruf?

Laqueur: Mein Buch Solitary Sex ist das erste umfassende historische Werk über die Selbstbefriedigung. Das mag verwundern, weil die Sexualität eine der wichtigsten menschlichen Ausdrucksformen ist. Aber es scheint, dass das Schreiben und Sprechen über Selbstbefriedigung bis heute etwas Ungewöhnliches ist.

ZEIT: Hat Sie das Tabu gereizt?

Laqueur: Ich habe das Thema nicht gesucht, eher hat es mich gefunden. Ich hatte mich in meinen vorherigen Studien schon länger mit der Geschichte der Sexualität befasst. Als Studenten mich fragten, wann die Onanie zum Tabu wurde und was der Anlass dafür war, wusste ich keine zufriedenstellende Antwort. Also begann ich zu recherchieren. Je mehr Quellen ich las, desto faszinierender wurde der Forschungsgegenstand.

ZEIT: Was war die größte Überraschung?

Laqueur: Ausgerechnet die Aufklärung war es, die Masturbation zum gesellschaftlichen Übel erklärte, sodass die Selbstbefriedigung zur Obsession einer ganzen Epoche wurde. Bis zum 18. Jahrhundert spielte das Thema in der pädagogischen und medizinischen Literatur kaum eine Rolle. Doch plötzlich erscheinen gelehrte Bücher zur Onanie. Philosophen, Pädagogen und Ärzte beschäftigen sich eingehend mit der Selbstbefriedigung und erklären sie als moralisch im höchsten Maße verwerflich. Streitschriften plädieren für öffentliche Bordelle, um zu verhindern, dass Männer Raubbau an ihrem Körper treiben.

ZEIT: Was löste diese Manie aus?

Laqueur: Ein kleines, 88-seitiges Pamphlet mit dem Titel Onania. Es kam in England zwischen 1712 und 1716 heraus und traf einen Nerv. In kürzester Zeit gab es mehrere Auflagen, Übersetzungen folgten. Auf Deutsch hieß das Werk: Onania, oder die erschreckliche Sünde der Selbst-Befleckung. Mit allen ihren entsetzlichen Folgen, so dieselbe bey Beyderley Geschlecht nach sich zu ziehen pfleget; Nebst Geist und Leiblichen Rath vor alle diejenigen, welche sich durch diese abscheuliche Gewohnheit bereits Schaden zugefüget haben.

ZEIT: Leiblichen Rat – der Verfasser warnte nicht nur vor dem Übel, sondern lieferte auch das Gegenmittel?

Laqueur: Das war nur eins seiner Erfolgsrezepte. Hinter dem anonymen Autor steckte ein Mann namens John Marten. Er hatte sich auf medizinische Traktate spezialisiert, die man als Softpornos ihrer Zeit bezeichnen könnte. Unter dem Vorwand medizinischer Belehrung und im Ton hoher moralischer Empörung regen sie die Fantasie ihrer Leser mit Anekdoten über sexuelle Verfehlungen an.

ZEIT: Die Kirche hatte die Onanie doch schon vorher bekämpft.

Laqueur: Gewiss, aber Masturbation galt als eine Sünde unter vielen. Sie war ebenso verboten wie Beischlaf, bei dem die Frau auf dem Mann lag. Auch im Judentum war Masturbation Teufelszeug, aber nicht wegen des Aktes der Selbstbefriedigung, sondern weil männlicher Samen verschwendet wird. Deswegen wurde Coitus interruptus ebenso scharf verdammt. Die einschlägige Bibelstelle im Alten Testament…

ZEIT: …»Onan ließ den Samen auf den Boden fallen«…

Laqueur: …beschreibt keine Selbstbefriedigung, sondern einen unterbrochenen Geschlechtsverkehr. Medizinische Probleme sah man lange nicht. Galen, bis zur frühen Neuzeit die wichtigste medizinische Autorität, begrüßte jede Abfuhr überschüssiger Körpersäfte.

ZEIT: Wie konnte ein englischer Quacksalber plötzlich eine europaweite Hysterie auslösen?

Laqueur: Er blieb ja nicht allein. Seriöse Mediziner erklärten die Selbstbefriedigung zu einer ernsthaften Gefahr und machten sie für Tuberkulose, Pocken, Epilepsie und andere Gebrechen verantwortlich. Ihre Ratgeber standen in den bürgerlichen Haushalten. Und die Menschen glaubten für eine sehr lange Zeit wirklich daran. In Krankenhausakten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es unzählige Ärztevermerke: »Todesursache Onanie«. Diese Akten waren für den internen Gebrauch bestimmt, nicht als moralische Warnung für die Öffentlichkeit.

ZEIT: Gab es eine typisch deutsche Reaktion?

Laqueur: In keinem Land wurde der Selbstbefriedigung so systematisch auf den Leib gerückt. Insbesondere die deutsche Reformpädagogik, allen voran Joachim Heinrich Campe, nahm sich mit Ernsthaftigkeit des Lasters an. Die Berliner Monatsschrift veranstaltete einen Essaywettbewerb, wie Selbstbefriedigung zu verhindern sei. Immerhin das Journal, das Kants berühmten Aufsatz Was ist Aufklärung? publizierte.

ZEIT: Die Aufklärung hatte doch gerade das Individuum und damit das Private entdeckt.

Laqueur: Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Für die Aufklärer gaben nicht Religion oder Staat moralische Maßstäbe vor, sondern das Individuum im Zusammenspiel mit anderen Individuen. Wer masturbiert, verriet nach ihrer Ansicht dieses hehre Prinzip. Er gibt sich einem rein ichbezogenen – und damit unsozialen – Vergnügen hin. Im deutschen Wort Selbstbefleckung steckt all dies drin. Der Onanist befleckt das höchste, sein Selbst. Typisch ist die Aussage Kants…

ZEIT: …selbst den Philosophenkönig trieb die Selbstbefriedigung um?

Laqueur: Für Kant war Selbstbefriedigung schlimmer als Suizid. Anders als beim Selbstmord, bei dem das Individuum aus freien Stücken in echter Verzweiflung handelt, ist der Onanist ein willenloses Objekt seiner Begierde.

ZEIT: Gab es denn niemals Zweifel am Bild der Onanie als einem der Grundübel der Zeit?

Laqueur: Der Konsens bricht erst Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. Sigmund Freud spielte dabei eine wichtige Rolle. Kaum ein Wort gebraucht er so häufig wie Onanie oder, wie er es nannte, »Autoerotismus«. Freud definierte die Selbstbefriedigung als natürliche Reifestufe der Sexualität vom Kind zum Erwachsenen. Zudem entdeckte die Medizin die wahren Ursachen vieler Krankheiten, die bis dahin der Onanie angelastet worden waren. Dennoch blieb die Selbstbefriedigung im 20. Jahrhundert eine Quelle von Scham und Schuld. Viele Erziehungsfibeln oder Leitfäden für Pfadfinder verurteilen die Onanie.

ZEIT: Heute würde das außer der katholischen Kirche kaum jemand tun.

Laqueur: Das Image hat sich sicher gewandelt. Teile der Frauenbewegung feierten die Selbstbefriedigung als Akt der Befreiung, als Möglichkeit, auf männliche Sexualpartner zu verzichten. Performancekünstlerinnen wie Annie Sprinkle organisieren Masturbationsshows. Im Hollywood-Film American Beauty onaniert der Protagonist. Doch ist es unter normalen Leuten auch heute unüblich, über Selbstbefriedigung offen zu reden.

ZEIT: Wer sich selbst befriedigt, gilt eben als Loser.

Laqueur: Dieses Bild aus der Antike hat sich gehalten. Die Römer zeichneten den Onanisten als Witzfigur. Während die anderen sich mit schönen Frauen vergnügen, bleibt er mit seiner Lust allein. Heute ist die Onanie dank des Internets wohl verbreiteter als je zuvor. Zahllose pornografische Websites befriedigen jede sexuelle Fantasie.

ZEIT: Pornografische Literatur gab es immer.

Laqueur: Auch Bücher können erregen. Deshalb galt den Aufklärern exzessives Lesen als verdächtig. Sie zogen Parallelen zwischen Bücherkonsum und Selbstbefriedigung, gerade bei Frauen. Auf Zeichnungen der Zeit sieht man häufig Frauen mit einem Buch in der einen Hand und mit der anderen Hand unter dem Rock. Damals war die Angst, dass der Leser sich selbst genug ist, ebenso vorhanden wie die heutige Sorge, dass Internetnutzer zu asozialen Wesen würden.

ZEIT: Was ist am Internet also neu?

Laqueur: Die unglaubliche Fülle des pornografischen Materials und seine sofortige Verfügbarkeit. Menschen tauschen Bilder oder Filme aus, aber auch ihre Onanieerfahrungen.

ZEIT: Die User bleiben aber anonym.

Laqueur: Selbstbefriedigung bleibt schambesetzt. Experten für Meinungsumfragen sagen, es gebe zwei Fragen, auf die Leute nicht gern antworten: Wie viel verdienen Sie? Und: Onanieren Sie?

Die Fragen stellte Martin Spiewak