Schon zu Lessings Zeiten fühlten Literaturkritiker sich hin und wieder überflüssig. Dann kam das Radio, und mancher befürchtete ein Meinungschaos, das die Gesellschaft erschüttern werde. Die alte Geschichte: Je umstandsloser die Masse ihre Meinung sagen kann, desto mehr sorgt sich eine Elite um die Definitionsmacht.

Jetzt gibt es das Internet. Mitmachen können darin alle. Ein Kästchen ermöglicht ein großes Jeder-darf-Mal, vor dem kein Thema sicher ist: Weltpolitik, Kinofilme, Musik und Bücher. Heute, da alle zugleich empfangen und senden können, ist die eigene Laienrezension nur einen Mausklick entfernt. Dann ist sie drin, in der ewigen virtuellen Öffentlichkeit, für alle, die sie lesen wollen. In den Rezensionen der Onlinebuchhändler, in Diskussionsforen unzähliger Webcommunities oder in speziellen Internetzeitungen. Sie bieten dazu häufig eine Meinung an, die sich weder an offizielle Erscheinungstermine der Bücher noch an Genres knüpft. Sie äußern sich zu Fantasy, Krimi, Science-Fiction, Arztromanen und allem, was sich Feuilletonredakteure gerne ersparen. Muss man sich nun auf die Laien verlassen?

Kaum eine Neuerscheinung, die nicht Tage zuvor auf Amazon besprochen wird! Der Onlinehändler verkauft durchschnittlich jede Sekunde zwei Bücher, und die Kunden rezensieren und verteilen Sterne: Einer schlecht, fünf super. Wer viel schreibt, steigt auf zum Toprezensenten. Vor einigen Jahren schaffte es jemand aus dem virtuellen Raum gar in die Kulturredaktion der Bild am Sonntag. Mehr als tausend Bücher musste er dafür bewerten. Der aktuelle Rekord liegt bei mehr als 1400 Rezensionen. Schreiben professionelle Kritiker auch so viel?

Nein, die schreien erst einmal: Ja, aber die Qualität! Rezensionen auf Amazon und anderen Bestellseiten sind größtenteils schlicht. Wer erhellende, fundierte Artikel sucht, watet durch einen Brei aus Halbwissen und Geschmacksurteilen. Hier spricht der Mann von der Straße, unredigiert, aus dem Bauch. In einer von 327 Amazon-Kritiken zu Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete schreibt ein Tom: »Die 5 Sterne gibt’s für die Idee und das kollektive Aufjaulen hier! Das Buch selbst ist ganz witzig, aber das Schreiben sollte das böse Mädchen dennoch lieber Profis überlassen!« Unter mancher Feder werden andere Bücher zum Gebrauchsgegenstand: »Sieht gut aus, liegt ordentlich in der Hand.« (3 Sterne) Verrisse: »Totale Zeitverschwendung. Blöde Sprache, langweilige Story.« (1 Stern). Das Gros der Kommentare gleicht spontanen Smalltalk-Schnipseln auf dem Büroflur oder der Straße, jetzt vor einem Millionenpublikum. Für 5000 Kilobytes pro Sekunde ist man kurz berühmt. Argumente sind nebensächlich.

Der amerikanische Kritiker Andrew Keen sieht in diesem »Kult der Amateure« einen Kulturverfall, viele Literaturkritiker stimmen ihm da zu. Doch die Art und Vielzahl der Laienrezensionen spiegelt lediglich das, was die meisten Kunden auf diesen Seiten suchen: schnellen Rat, bestenfalls eine Kaufempfehlung. Keine anderen Bedürfnisse bedient auch Elke Heidenreich, wenn sie in ihrer Sendung Lesen! eine Neuerscheinung in die Kamera hält: »Lesen Sie dieses Buch, es wird Sie glücklich machen!«

Mittlerweile kaufen etwa sieben Prozent der deutschen Leser ihre Bücher im Internet. Die Laienrezension ist Teil des Geschäftsmodells: Der Kunde kann Kritiken anderer bewerten und in deren Bestenlisten stöbern. Hält die Rezension dem Geschmacksabgleich stand, vertraut er ihr. Die sozialen Faktoren ersetzen die Autorität eines Kritikers.

Mit kritischer Öffentlichkeit hat diese Verbindung von Kommerz und Kritik allerdings wenig gemein. Dennoch geht an solcher Laienkritik noch lange nicht der Berufsstand des Kritikers zuschanden. Die Myriaden geschriebener Kurzrezensionen erschaffen vielmehr ein Paralleluniversum, das meistens fern der analytischen Auseinandersetzung mit Literatur steht.

Das Internet ist keine interaktive Salonkultur, in der plötzlich jeder zum Reich-Ranicki wird. Manche nutzen sie tatsächlich zum Informationsaustausch, eine größere Zahl als Ventil. Das Internet schafft zwar unendlich weite Hallräume. Im Ganzen erinnert es jedoch häufig an eine Bahnhofshalle, in der anonymes Gepöbel den Ton angibt und Diskurse unmöglich werden. Man kann das beklagen und diesen Runden fernbleiben. Das Netz sollte man deswegen keinesfalls verteufeln.

Denn es gibt die fundierte Debatte über Literatur. Man muss nur wissen, wo. Auf Portalen wie literaturkritik.de oder in der Netzzeitung Titel-Magazin (titel-forum.de), sind der Ton, die Auseinandersetzung anders als in den vielen deutschen Laienforen. Literaturwissenschaftler, Studenten und Zeitungsredakteure schreiben dort monatlich mehr als 100 zum Teil hervorragende Beiträge zu aktueller Belletristik, Lyrik und neuen Sachbüchern. Keine lakonischen Einzeiler, keine Bauchkritik – es wird ernsthafte Textarbeit betrieben.

Etwa 60000 Nutzer lesen die Artikel im Monat, können diskutieren und kommentieren. Zudem werden sie regelmäßig animiert, sich selbst als Rezensenten zu versuchen. Die Hemmschwelle wird deutlich höher, »einfach mal was hinzuschreiben«, schon allein deswegen, weil die Seiten redaktioneller Betreuung unterliegen und Experten sie beobachten: Thomas Anz, der Herausgeber von Literaturkritik.de, ist Literaturwissenschaftler, auf titel-forum.de schreibt regelmäßig Wolfram Schütte, der 32 Jahre lang Literaturredakteur der Frankfurter Rundschau war.

Laien können so im Netz das Handwerk lernen. Aber es wird selektiert. Das bisschen Kontrolle darf sein. Obwohl das dem Geist der glückseligen Netzdemokratie widerspricht. Das Konzept dieser Internetseiten zeigt, dass das Bedürfnis vieler nach einer profunden Literaturbetrachtung nicht nachlässt. Deswegen entwertet das Internet keineswegs die Literaturkritik. Vielmehr erneuert sie sich im Netz selbst und nutzt Freiräume, die wenige Druckseiten niemals bieten könnten.

Die öffentliche Laienkritik wird daran nichts ändern. Sie kann sogar bereichernd wirken. Zumindest beweist sie, dass es immer unendlich viele Antworten auf die Frage geben wird: »Und, wie ist denn das Buch?«