Kamerun
Das große Schmieren
Kamerun könnte ein glückliches Land sein, es ist reich an Bodenschätzen, die Menschen sind gebildet. Doch der afrikanische Staat verkommt, er gehört zu den korruptesten der Welt. Ein Lehrstück über die Macht der Gier
Nun steht er da, der Mann mit dem Geldschein in der Hand. Er steht vor dem Polizisten mit dem roten Barett, der schickt ihn mit einer Kopfbewegung zu seinem Kollegen, der schickt ihn wieder zurück, und so läuft der Mann mit dem Geldschein hin und her, seine Haltung zunehmend devot. Ein Bittsteller; er bittet darum, bestechen zu dürfen.
Dies ist ein Theaterstück, ein miserables Theaterstück. Es wird jeden Tag hundertfach aufgeführt auf Kameruns Straßen. Ausweiskontrolle! Ein Polizeiposten stoppt einen Minibus, gedrängt voll mit Passagieren, und irgendjemand hat gewiss seinen Ausweis nicht dabei. Ihm wird ein fantastisch hohes Bußgeld angedroht, wahlweise Verhaftung – der Polizei ein Scheinchen anzubieten ist der einzige Ausweg. Die Straßensperren, die Ausweiskontrollen, sie dienen allein diesem Zweck, jeder weiß es. Die Polizisten zieren sich, es wird verhandelt, gebettelt und noch ein bisschen gedroht. Die übrigen Passagiere des Minibusses warten in respektvollem Abstand.
Als der Geldschein in einer olivgrünen Hosentasche verschwunden ist und sich die Passagiere zurück in den Bus gestopft haben, da macht sich unter ihnen Erleichterung breit. Manchmal wird ein Bus innerhalb einer Stunde dreimal, viermal von Polizeiposten gestoppt. Manchmal, wenn die Verhandlungen zu lange dauern, löst sich die stillschweigende Solidarität unter den Passagieren auf, einige wollen weiterfahren, sie beginnen mit dem Fahrer zu streiten, schließlich schreien sich alle an. Nur mit den Polizisten schreit niemand.
Die Korruption hat sich in Kamerun ihre Gebräuche, Sitten und Rituale geschaffen, sie bestimmt die Gefühle, die Psychologie des Landes. Was Außenstehende als Theater empfinden, sind Regeln, Verhaltensregeln. Sie ordnen den Alltag, helfen beim Arrangement mit Scham und Beschämung. Denn die Kameruner – 17 Millionen Menschen mit einem recht guten Bildungsniveau – sind sich des Zustands ihres Landes voll bewusst.
Auf dem jüngsten Korruptionsbarometer von Transparency International rangiert Kameruns Polizei ganz oben, als die korrupteste ganz Afrikas. Dieser Befund beruht auf der Wahrnehmung der Leidtragenden, er wird durch die Befragung der Bürger ermittelt. Und noch ein zweiter Wert hebt Kamerun heraus: Fast 80 Prozent seiner Bewohner räumen ein, sie hätten im Verlauf des Jahres eine Amtsperson bestochen. So viele bezichtigen sich in keinem anderen Land der Welt. Korruption sei zum »Lebensstil« geworden: Das Wort stammt von Kameruns Bischöfen, es steht in einem klagenden Hirtenbrief von 2006.
Im Krankenhaus gibt es ohne Bestechung kein Bett
Bei Madame und Monsieur Zubou liegen weiße Spitzendeckchen auf dem Sofa, der Boden ist weich von Teppichen. Das Wohnzimmer einer Mittelschichtfamilie am Stadtrand von Jaunde, der Hauptstadt. Dem Ehepaar gehört eine Papierwarenhandlung. Monsieur Zubou, ein kleiner, dünner Mann mit scharfem Blick, pflegt seine Worte zu wägen. Ist die Mehrzahl der Kameruner eher Opfer der Korruption oder Täter? Er zögert. »Vermutlich beides«, sagt er schließlich.
An größere Aufträge, vor allem aus den Ministerien, kommt seine Papierhandlung nur durch Bestechung. Vor Kurzem stufte der Steuereintreiber den Laden willkürlich hinauf in die Kategorie mittelgroßer Unternehmen. Um das wieder rückgängig zu machen, brauchte er eine »Motivation«, so lautet das gängige Codewort. Im Krankenhaus: Kein Bett ohne Bestechung, klagt Madame Zubou, »nicht einmal im Notfall!« Neulich sei sein Vater gestorben, sagt Monsieur Zubou, »und selbst in der Leichenhalle musst du bestechen! Sonst werfen sie den Toten auf den Boden oder stehlen sein Hemd. Oder sie rücken die Leiche nicht heraus zur Beerdigung.«
Korruption, das ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Vorteil, so lautet die kürzeste Definition. In Kamerun ist daraus eine Krankheit geworden, die fast alle Glieder der Gesellschaft befallen hat. Zwar ist Korruption keine »afrikanische Krankheit«, wie es früher oft hieß. Auch die deutsche Gesellschaft kennt mittlerweile ihre eigene Anfälligkeit. Gier und Käuflichkeit sind universale Übel. Aber es gibt afrikanische Ursachen für das Ausmaß der Korruption, und in Kamerun sind einige davon mit Händen zu greifen: politisch der Mangel an Demokratie, an Rechenschaftspflicht. Und kulturell die Erosion traditioneller Werte, jeder angestammten Ethik. In Kamerun haben mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien gleich drei Kolonialmächte ihre Spur der Fremdbestimmung hinterlassen.
»Wir sind ein Land, das erstickt und seit 25 Jahren auf kleiner Flamme stirbt«, schreibt die Zeitung Le Messager in einem vergifteten Glückwunsch zum Geburtstag des Staatspräsidenten: Paul Biya, 75 Jahre alt, seit einem Vierteljahrhundert an der Macht. Ein kleiner, untersetzter Mann mit heiserer Stimme. Er färbt sein Haar, und wenn er in den Spiegel blickt, hält er sich für Kameruns Zukunft. 2011, mit 78 Jahren, will er noch einmal kandidieren, deshalb drängt er schon jetzt auf eine Revision der Verfassung. Dass sie die Amtszeit begrenzt, ist ein Produkt bescheidener Demokratisierung, Biya abgerungen in den neunziger Jahren.
Über die Jahre hat er sich durch Bestechung, Repression und Wahlmanipulation ein schwer angreifbares Machtgerüst gezimmert. Obwohl unpopulär beim Volk, kann sich der Präsident so sicher fühlen, dass er einen Großteil des Jahres im Genfer Hotel Intercontinental verbringt. Dort könne er besser arbeiten, sagt Biya. Ein Land, das langsam erstickt, macht nicht viel Lärm. Kamerun gilt als Stabilitätsfaktor in der Region. Die USA haben sich in Jaunde gerade ein gewaltiges neues Botschaftsgebäude hingestellt, von dem aus sie Zentralafrikas Ölvorkommen im Auge behalten. China baut an einem Sportpalast, ein Geschenk zur Pflege der Geschäfte. Und Frankreich hält seine Hand über den treuen Biya. Der einfache Bürger aber, die Bürgerin ist gleich zweifach Opfer: im Untergeschoss der Korruption jedem kleinen Staatsdiener ausgeliefert, während sich im Obergeschoss die höheren Chargen aus den Budgets der Nation bedienen.
Die Gehälter im Staatsdienst sind zu niedrig; das begünstigt die Korruption. In Kamerun sind die Staatsangestellten in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten regelrecht verarmt: Zunächst wurden ihre Bezüge auf Drängen des Internationalen Währungsfonds mehr als halbiert. Danach verloren sie noch die Hälfte ihrer Kaufkraft durch die Abwertung des zentralafrikanischen CFA-Franc. Seitdem fühlen sich viele Zöllner, Richter und Lehrer moralisch berechtigt, bei jedem greifbaren Mitbürger eine Entschädigung zu erpressen. Ein junger Taxifahrer beschreibt das Verhalten eines Polizisten so: »Wenn an meinen Papieren alles in Ordnung ist, dann schreit er mich an: ›Und? Was soll ich jetzt essen?!‹ Dann gebe ich ihm Geld, denn wenn ich nichts gebe, wird er sich rächen und mir viel Unglück bereiten.«
Ohne finanzielle Zuwendung korrigiert der Lehrer die Hefte nicht
Damit der Bürger möglichst viel »Beschleunigungsgeld« zahlt, hat die Bürokratie kafkaeske Züge entwickelt. Die Bezahlung einer Rechnung einzuklagen verlangt 58 Verwaltungsakte. Wem es gelingt, die »Motivation« abzuliefern, darf sich glücklich schätzen: Viele Beamte tauchen nur stundenweise am Arbeitsplatz auf. In einer Patisserie in der Nähe der Universität diskutieren Studenten über »die Tarife«. Jede der Fachhochschulen, die Zugang zu begehrten Karrieren verschaffen, hat einen »Tarif«. Für die Verwaltungshochschule liegt er gegenwärtig bei 3,5 Millionen CFA-Franc, das sind 5335 Euro. Wer mit Erfolg an der Aufnahmeprüfung teilnehmen will, legt diese Summe in einen Umschlag, übergibt sie einem Mittelsmann. Angeblich bewerben sich 15000 auf die 300 Plätze. Die Bestechungssumme können nur Familien im Obergeschoss der Korruption aufbringen, so rekrutiert das Regime seinen Nachwuchs aus den eigenen Kreisen. Und wer nicht bezahlt? Etwa zehn Prozent, vermuten die Studenten, schafften es durch Leistung.
Larissa, Anfang 20, studiert Biologie. Sie fühlte sich zu schlecht benotet. »Als ich zu meinem Dozenten ging, sagte er: ›Tja, du kannst ja mit mir schlafen.‹ Sie tat es nicht. Auch die resolute Gertrude, die im Hotelfach gelernt hat, schläft nicht mit denen, die Jobs zu vergeben haben – darum hat sie keinen. Verweigerung ist möglich, doch sie hat ihren Preis.
Kameruns Jugend wächst auf in einer Welt, in der jede Spielregel ausgetrickst werden kann. Schon die Kleinsten lernen, dass die Zuwendung des Lehrers erkauft werden muss. »Wenn ich dem Lehrer nichts gebe, korrigiert er die Hefte nicht«, sagt Jean Nze verzweifelt, Vater von vier Kindern. »Er schaut mein Kind nicht einmal an in der Klasse!« Monsieur Nze, ein glühender Christ, hält seine Familie mit einem kleinen Restaurant und mit dem Verkauf von Bibeln über Wasser. Er begehrt innerlich auf gegen die Bestechung und kann sich ihr doch nicht entziehen. »Wir Afrikaner, wir hatten doch eine Kultur des Teilens, eine solidarische Kultur. Heute klammert sich jeder an das Eigene.«
Von einer Neubesinnung auf traditionelle Werte sprechen all jene, die gegen den Zustand ihres Landes rebellieren – eine Minderheit. Selbst ihnen scheint es eine kaum zu bewältigende Aufgabe, gegen die Macht der Korruption zu kämpfen, wo doch alle Macht im Staat auf Korruption beruht.
Viele Kameruner erwecken den Eindruck, als betrachteten sie ihr Land durch eine Milchglasscheibe aus Fatalismus und Gleichgültigkeit. Zugleich ist die Klage über Korruption Popkultur. In einem Privatradio rappt ein Komiker: »Die Polizei ist katakata, ihr Verhalten ist hässlich, katakata!« Die Zuhörer grinsen und wippen im Takt. »Minister, Direktoren, schickt sie alle nach Kondengui!«, singt der Musiker Lapiro de Mbanga. Kondengui ist das bekannteste Gefängnis des Landes.
Kameruns Regierung leugnet, anders als vor einigen Jahren, das Ausmaß der Korruption nicht mehr. Nach den offiziellen Schätzungen summiert sich der Verlust auf bis zu 50 Prozent der öffentlichen Einnahmen. Für den Zeitraum 1997 bis 2004 wird er auf drei Milliarden Euro beziffert, vermutlich nur eine Teilsumme, doch schon damit hätte das Land 10000 Schulen bauen können.
Nur selten reißt der Vorhang auf, hinter dem sich die großen Täter verbergen. Gestatten: Gerard Ondo Ndong, Generaldirektor eines Fonds für Gemeinderäte, für jene Kommunen also, die sehnsüchtig darauf warten, ein Stück Straße asphaltieren zu können. Ondo Ndong und seine Komplizen schafften allein zehn Millionen Euro auf die Seite, indem sie Dienstreisen fingierten, bei denen den Gemeinderäten angeblich erklärt wurde, wie sie Gelder beantragen können. Der Manager wurde 2007 zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Das klingt spektakulär, doch das Urteil hat in der Täterkaste erstaunlich wenig Verunsicherung ausgelöst. War Ondo Ndong nur ein Bauernopfer, um die internationale Öffentlichkeit zu beeindrucken?
Kamerun zählt zu jenen hoch verschuldeten Ländern, denen die Schulden erlassen werden, wenn die Regierung sich zur Armutsbekämpfung und zu Good Governance verpflichtet. Das schafft einen gewissen Druck von außen. Tatsächlich hat Premierminister Ephraim Inoni, als er vor drei Jahren sein Amt antrat, Überraschungsbesuche in Behörden gemacht, Verdächtige stehenden Fußes entlassen, Luxuslimousinen beschlagnahmt. Mit diesem Tatendrang hat er sich rasch isoliert zwischen einem gleichgültigen Präsidenten und einer Kabinettsriege von 43 gierigen Ministern.
In anderen Staaten Afrikas haben die Regierungen tatsächlich den Kampf gegen die Korruption aufgenommen. Nigeria, Kameruns großer Nachbar, hat in einem Akt bemerkenswerter Symbolik neulich sogar die Aufträge mit Siemens eingefroren, wegen dessen Schmiergeldpraxis. Kameruns Regierung hingegen geht gegen die größte Plage des Landes nur taktisch vor, ohne Leidenschaft.
Zwei Jahre nachdem die »Nationale Kommission gegen Korruption« per Dekret geschaffen wurde, ist sie für den Bürger immer noch unauffindbar: kein Büro, kein Türschild, keine Telefonnummer. Paul Tessa, ihr Präsident, residiert zwischen Obstbäumchen aus Plastik in einer Staatsdruckerei. Der Mann, der die hohen Kader jagen soll, trägt wie sie am Revers die rote Ehrennadel des verdienten Beamten. 43 Jahre war Tessa im Staatsdienst, leitete sogar das Präsidialamt. Nun sitzt er unter einem Bild seines alten Freundes Biya und sagt treuherzig: »Wir sind unabhängig.« Mit der Arbeit hat seine Kommission noch nicht begonnen. Wo sind die gestohlenen Milliarden, Monsieur Tessa? Er schaut überrascht, als habe er sich die Frage noch nie gestellt. »Ich denke, im Ausland?«, sagt er zögernd.
Die größten Abholzer sind Firmen aus Frankreich, Belgien, Italien, der Schweiz
Die Leidenschaft, sie wohnt anderswo – dort, wo junge Kameruner beginnen, den Kampf gegen die Korruption von unten zu organisieren. Binla Sylvanus ist ein junger, zur Fülle neigender Jurist, spezialisiert auf öffentliches Recht – besser gesagt: auf das öffentlichkeitsscheue Unrecht. Er hat sein Büro bei der Nationalen Bischofskonferenz, auf dem Schreibtisch leuchtet eine rote Bibel im Papierwust. »Religion dient dazu, den Menschen zu befreien«, sagt Sylvanus, »auch von schlechter politischer Führung. Eine einzelne Person kann bei uns nicht wagen, die Regierung anzuklagen. Die Kirche kann das.«
Sylvanus koordiniert Dynamique Citoyenne, wörtlich Bürgerdynamik, ein Netz von 200 gesellschaftlichen Gruppen, vom Islamischen Kulturbund bis zur Landjugend. Sie machen etwas ganz Neues, nämlich Basisrecherche gegen Korruption, im Fachjargon Independent Monitoring. Sylvanus erklärt das so: »Auf dem Papier wurden Klassenräume gebaut; wir gehen hin und gucken, ob sie da sind.« Oft sind sie nicht da. Auch die Schulbänke nicht und die neuen Toiletten. Das Geld verschwindet im Sumpf zwischen Erziehungsministerium und Baufirmen. Manchmal sind die Schulleiter Komplizen.
Unterstützt von Entwicklungshilfe, auch deutscher, haben 13 Teams von Dynamique Citoyenne 156 Schulen überprüft und im Detail den organisierten Diebstahl dokumentiert, mit den Namen der Firmen. Hervorragendes Material für einen Staatsanwalt – aber nichts regt sich. Die Regierung schweigt. Ein Journalist, der Einzelheiten des Berichts veröffentlichte, wurde verhaftet und verhört, zur Einschüchterung. Der großen Korruption Name und Anschrift geben, das ist riskant, sagt Sylvanus. »Wenn uns ein Fehler unterläuft, dann landen wir alle wegen Verleumdung im Gefängnis.«
Es ist Trockenzeit, die Luft färbt sich fahlgelb. Die Straße, die von der Hauptstadt Jaunde nach Süden führt, in Richtung Gabun, ist zu einer roten, sandigen Piste geworden, auf beiden Seiten umschlossen von tropischem Wald. Eine Staubwolke donnert mit beängstigender Geschwindigkeit auf unseren Bus zu. Erst im letzten Augenblick gibt sich darin ein Sattelschlepper zu erkennen, beladen mit gewaltigen Stämmen. Kameruns grüner Reichtum. Zwei Drittel des Landes sind bewaldet, Regenwald über Hunderte Kilometer. Doch der Reichtum wird verschleudert, die Tropenriesen fallen, das Volk hat nichts davon. Im Regenwald zeigt die Korruption ihr hässlichstes Gesicht.
Wer abholzen will, braucht eine Genehmigung. Viele Beamte des Forstministeriums vergeben Lizenzen gegen Bestechung. Ein Direktor des Ministeriums hat gerade in einem anonymen Schreiben enthüllt, dass auch hier alles »Tarife« habe. Nur sind die Kameruner dabei nicht unter sich. Die größten Abholzer, das sind Firmen aus Frankreich, Belgien, Italien, aus der Schweiz, zunehmend auch aus China. Jeder, der im Holzgeschäft tätig ist, muss bestechen – und zwar für legales wie für illegales Holz. Den Wert des illegal geschlagenen schätzt die britische Organisation Global Witness auf 300 Millionen Euro jährlich. Meist geht die Fracht nach Europa.
Am Busfenster huscht manchmal ein Schild vorbei mit der Aufschrift »Kampf gegen Armut und Korruption«. Dies ist die Heimatregion des Präsidenten Biya, seine Partei stellt solche Schilder in den Dörfern zur Eigenwerbung auf – als riefe der Dieb: Haltet den Dieb! Vor ein paar Tagen hat ein Reporter der Zeitung Le Front erfahren, was es bedeutet, in der Region des Präsidenten nach den Adressen der Korruption zu forschen. Le Front macht es sich zur Aufgabe, vor Ort nach Beweisen illegitimen Vermögens zu suchen, in diesem Fall nach einer luxuriösen Villa des Ex-Finanzministers Polycarpe Abah Abah. Jeder Kameruner kennt diesen Namen: Abah Abah, Synonym für Bereicherung, ein Mann mit randloser Brille und harten Zügen, im Volksmund ein »Bandit«.
Kaum hatte sich der Journalist, begleitet nur von einem Praktikanten, dem vermuteten Anwesen im Wald genähert, da fiel eine Knüppelgarde über ihn her, drohte, ihn zu lynchen. Was dann geschah, hat der Kollege in seinem Blatt auf einer ganzen Seite detailliert geschildert: Er wurde von Sicherheitskräften verschleppt, sie transportierten ihn 72 Stunden lang von einer Gendarmeriestation zur nächsten, in Handschellen, mit verbundenen Augen, ohne Kontakt zur Außenwelt. Der Malträtierte heißt Jean-Bosco Talla, sein Name sei hier genannt, denn er braucht wie andere tapfere Journalisten Kameruns den Schutz internationaler Aufmerksamkeit. Abah Abah, der Bandit, hat den Reporter verklagt: wegen versuchten Diebstahls.
Ankunft im Zentrum der Waldregion: Djoum, ein Holzfällerstädtchen – jede Menge Männer, jede Menge Bier. In der Ortsmitte fällt eine Bauruine auf, das sollte das neue Rathaus werden, dann steckte der Bürgermeister den Rest des Geldes lieber in die eigene Tasche. Der Mann wurde nicht wiedergewählt, immerhin – aber das ist auch alles: Die örtliche Justiz rührt den Politiker nicht an. Er gehört zur Partei Paul Biyas.
So sind die Verhältnisse, unter denen ein einzigartiger Rechtsfall entstand: die Klage von sieben Dorfbewohnern gegen eine französische Firma, vor der französischen Justiz. Wegen illegaler Ausbeutung des Waldes, wegen Fälschung und Korruption. Ein schlichtes Häuschen an der roten Piste. Im Wohnzimmer von Jules Nnanna steht wenig mehr als ein Fernseher, davor eine Schar Kinder im Bann einer Horrorspinne. In der Erzählung des Vaters ist das bedrohliche Netz von anderer Art. Seit neun Jahren kämpft er um eine Entschädigung. Vor neun Jahren zerstörte das Holzunternehmen Rougier seine Kakaopflanzen, schlug eine illegale Trasse über die Felder von Nnanna und sechs weiteren Bauern.
Ein mächtiger Gegner. Der Eingang zum Firmengelände ist nur einen kurzen Mopedritt von Nnannas Haus entfernt. Rougier ist in Südkamerun der größte private Abholzer. Die Firma (unter dem Filialnamen SFID) agiert wie ein Staat im Staate, sie hat sich die korrupte Verwaltung gefügig gemacht durch ein Netzwerk von Vergünstigungen, die oft nicht einmal verborgen werden. Die örtlichen Beamten bekommen freies Benzin, Rougier wartet ihre Autos. Insider sagen, Rougier verfahre nach dem Motto: Wir bezahlen euch dafür, dass ihr uns kontrolliert.
»Alle nehmen Geld«, sagt Jules Nnanna, »der Präfekt, der Unterpräfekt, der Polizeikommissar. Nur wir kleinen Dorfleute, wir müssen uns anlegen mit dieser Firma.« Er bezahlte einen Gutachter damals, er nennt ihn »einen Gutachter der Firma«. Der Wert der zerstörten Pflanzungen, nahezu Nnannas gesamter Besitz, wurde auf 550 Euro geschätzt. Die sieben Geschädigten riefen ein kamerunisches Gericht an; es entschied zugunsten von Rougier, ohne die Bauern anzuhören. Dann klagten sie – mit Hilfe der Organisation Les Amis de la Terre – vor der französischen Justiz. Die erklärte sich 2004 für unzuständig: Die Afrikaner hätten nicht bewiesen, dass ihnen daheim der Rechtsweg verschlossen sei. Nun liegt das Begehren beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. »Ich hoffe immer noch, dass Europa uns zu unserem Recht verhilft«, sagt Nnanna. Er ist ein freundlicher, ein wenig unbedarft wirkender Mann. Über dem Fernseher hängt ein zerfleddertes Plakat, es zeigt Paul Biya und einen Löwen. Mon président, steht darauf. Biya wisse nicht von all dem Bösen, das in seinem Land geschehe, glaubt Nnanna.
Eine kleine Geschichte aus Südkamerun – ist es ein Zufall, dass sie 1999 begann? In jenem Jahr trat eine Konvention der OECD-Staaten in Kraft. Seitdem ist für europäische Geschäftsleute auch Korruption im Ausland eine Straftat. Auf internationalen Konferenzen heißt es nun, die Moral habe sich gebessert. Die Wahrheit aber ist nicht in den Konferenzsälen zu finden, sondern auf den roten Pisten und in den Staubwolken der Sattelschlepper. Vielleicht finden wir ein Quäntchen Wahrheit auch bei uns selbst, den europäischen Konsumenten: Unsere Gier nach billigen Tropenholzmöbeln hält das Rad der Korruption im Regenwald in Schwung.
Rougier habe sich »einer nachhaltigen Forstwirtschaft« verpflichtet, schreibt uns die Firma auf die Frage, warum die sieben Kakaopflanzer nie einen Cent Entschädigung bekamen. Die Post kommt von den Champs-Élysées. Rougier, das ist Wirtschaftskultur aus dem Herzen Europas. Einst ein Hersteller von Camembert-Schachteln, kontrolliert Rougier heute in Kamerun Abholzkonzessionen für eine halbe Million Hektar, in ganz Zentralafrika sind es zwei Millionen Hektar. Voilà, das ist Françafrique.
Die letzte Episode aus dem Süden Kameruns handelt von einem Feldwebel und seiner verlorenen Ehre. Der Feldwebel ist mit seinem Fahrer auf dem Rückweg von einer Mission, in seinem dunkelgrauen Landcruiser ist noch Platz, und so macht der Offizier ein kleines Geschäft, verkauft die Plätze in seinem militärischen Dienstwagen an Passagiere für die sechsstündige Rückfahrt in die Hauptstadt. Wir gehören dazu, das Fahrgeld haben wir bei einem Mittelsmann bezahlt, dann werden wir zu einer abgelegenen Kreuzung beordert, um hinreichend klandestin auf den Wagen zu warten. Kaum sind alle eingestiegen, werden wir schon wieder zum Aussteigen genötigt: Unser Feldwebel fährt zum Tanken auf das Firmengelände von Rougier. Seine Fahrgäste müssen vor dem Schlagbaum warten. Als unser Mann nach einer Stunde wiederkommt, ist er bester Laune und schwenkt ein Tetrapak-Tütchen Whisky.
Ein Geldschein für die Mitfahrt im Dienstauto des Offiziers
Der Feldwebel geniert sich nicht. Er weiß, dass er eine Journalistin im Auto hat, er klopft ihr auf die Schulter, verspricht eine sichere Fahrt. Dann rauschen wir mit VIP-Geschwindigkeit und blinkendem Warnlicht über die rote Piste. Es wird Nacht, der Feldwebel braucht neue Fahrgäste, nun ist kein Mittelsmann mehr da, also sucht er selbst an Dorfrändern nach späten Passagieren. Jemand steigt ein, er drückt dem Offizier ein Scheinchen in die Hand, ohne ihn anzusehen.
Die Korruption könnte von einem auf den anderen Tag aufhören. Mit einer radikalen, neuen Politik von oben. Adamou Ndam Njoya war zweimal oppositioneller Präsidentschaftskandidat. Der 65-Jährige ist bekannt für sein Konzept einer rigorosen, an Leistung orientierten Ethik. Im persönlichen Gespräch in seinem Wohnzimmer, zwischen moderner afrikanischer Kunst und gewebten Kalligrafien, wirkt er sanft und unprätentiös.
Ndam Njoya ist ein muslimischer Prinz, Diplomat und Jurist, ein Schriftsteller und Imam. Er hat für die Unesco gearbeitet und mit Bischof Tutu. Im Aufstand 1990/91, als sich Kamerun gegen Paul Biyas Einparteienherrschaft erhob, verhandelte er mit ihm die Reform der Verfassung. Später gründete Ndam Njoya eine eigene Partei, mit ihr regiert er nun seine Heimatstadt Foumban.
Zur Legende wurde er indes viel früher, als Erziehungsminister, vor 30 Jahren. Wohlhabende Familien fanden es schon damals selbstverständlich, ihren Kindern gute Noten zu kaufen. Ndam Njoya stellte sich quer. Als in einem Jahr die Prüfung zur mittleren Reife so schwer war, dass viele Sprösslinge der Elite durchfielen, auch ein Sohn des Präsidenten, setzte ihn der gesamte politische Apparat unter Druck, die Prüfung wiederholen zu lassen. Ndam Njoya weigerte sich; er wurde des Postens enthoben. Wer zu seiner Zeit ein Diplom erwarb, nennt es stolz ein »Ndam-Njoya-Diplom«, um zu unterstreichen: Ha, es war nicht gekauft!
Der Name Njoya weckt bei Kamerunern aber noch ganz andere Erinnerungen. König Njoya war eine bedeutende Persönlichkeit ihrer Geschichte, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ein Mann ohne Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Europäern und ihren Errungenschaften. Er kreierte eine eigene Schrift, gründete Schulen, verfasste gar eine Synthese aus Bibel und Koran. Mit den deutschen Eindringlingen konnte er sich noch arrangieren, die Franzosen entthronten ihn dann 1924. Warum daran erinnern? Weil das Sultanat Foumban auch heute ein Experimentierfeld ist, vielleicht wieder ein Labor für etwas Neues. Hier regiert die Opposition.
Der Bürgermeister von Foumban legt der Basis Rechenschaft ab über sein Tun
Es ist Freitagmittag, die Stunde eines wöchentlichen Rituals: Der Sultan von Foumban, ein großer Mann mit gewaltigem Bauch, geht von seinem Palast zur Moschee, wie ein einfacher Gläubiger. Seine Paladine tragen die Wedel aus Vogelfedern, mit denen sie ihm später Luft zufächeln werden, verborgen unter ihren Gewändern, die Leibgarde hält die Waffen gesenkt, die Trompeten schweigen. Eine Stunde später kehrt er als König zurück, mit einer jubelnden Garde und preschenden Reitern. Marktfrauen stoßen Freudentriller aus, und die Notabeln, die dem König ihre Aufwartung machen, verneigen sich. Doch das Bild traditioneller Harmonie ist eine Täuschung. Die trillernden Marktfrauen sind an einer Hand zu zählen, das Volk macht sich rar. Der Sultan ist unbeliebt, er ist ein hoher Kader der Regimepartei.
Fünf Gehminuten vom Sultanspalast entfernt hält zur selben Zeit Adamou Ndam Njoya eine Versammlung ab, in einer schlichten Halle mit Wellblechdach. Auch hier wurde zuerst gebetet, dann berichtet der Bürgermeister von seinen Gesprächen in der Hauptstadt. Vor ihm stehen und sitzen dicht gedrängt ein paar Hundert Leute, sie lauschen konzentriert, in ihren Gesichtern spiegelt sich großer Ernst. Ein Politiker legt der Basis Rechenschaft ab über sein Tun.
1996, bei den ersten kommunalen Wahlen, schlug Ndam Njoya den Sultan im Kampf um den Posten des Bürgermeisters – ein unerhörter Vorgang. Zum ersten Mal in der Geschichte Foumbans distanzierte sich das Volk von seinem traditionellen Herrscher, einer Art Vaterfigur. Dass Ndam Njoya selbst ein Prinz ist, also ein Verwandter des Sultans, machte die Sache nicht leichter. Im vergangenen Jahr gewann er erneut gegen einen Kader der Regimepartei, diesmal gegen einen stellvertretenden Finanzminister. Der Wahlsieg brach für einen Moment die Allmacht der Korruption: Die Staatspartei hatte viel Geld verteilt, aber die Foumbaner ließen sich nicht kaufen.
Nun bezahlen sie mit dem Zustand ihrer Straßen für ihr politisches Votum. Die Zentralverwaltung blockiert die Entwicklung der Gemeinde, wo sie nur kann. Junge Leute von hier haben es schwer, in den Staatsdienst zu gelangen – die Foumbaner gelten als unzuverlässig, sie sind nicht mehr Fleisch vom Fleisch des korrupten Systems.
In seiner Partei, der Union Démocratique du Cameroun, wird Ndam Njoya verehrt wie ein Guru. Die Sitzung einer Bezirksgruppe verläuft ganz nach seinen Prinzipien, straff, diszipliniert und interreligiös. Zu Beginn die Nationalhymne, dann betet ein Christ, am Ende ein Muslim. Wer etwas zu sagen hat, steht auf. Aicha Jiha Tankua, eine in leuchtendes Rot gekleidete junge Gemeinderätin, beschwört mit Verve die »neue Ethik« des Vorsitzenden: »Wir wollen nicht mehr korrupt sein. Wir wollen an unserer Leistung, an unserer Arbeit gemessen werden.«
Weil Ndam Njoya die Verantwortung des Individuums so betont, halten ihn manche Kritiker für zu europäisch. Doch für ihn bedeutet das Schlüsselwort »responsabiliser«, Verantwortungsbewusstsein wecken, auch den Versuch, verschüttete afrikanische Tugenden wiederzubeleben. »Wir brauchen Respekt für Gemeineigentum«, sagt er. »Früher brachte jeder einen Stein, wenn ein Brunnen gebaut wurde. Diese Kultur haben wir verloren, und das ist ein Teil unserer ganzen kulturellen Entwurzelung. Wir haben unsere Seele verloren.« Und dann ein Satz, den man nur vor dem Hintergrund der kolonialen Erfahrung verstehen kann: »Die Menschen müssen heute anfangen zu begreifen, dass sie nicht Fremde sind bei sich selbst.«
Die Explosion kündigte sich beiläufig an, mit kleinen Meldungen über einen bevorstehenden Streik der Taxifahrer in Douala. Douala ist Kameruns Wirtschaftsmetropole nahe dem Atlantik, zugleich eine Metropole der Unzufriedenheit. Heerscharen gut ausgebildeter junger Leute ohne Job; viele fahren ein Mopedtaxi – 42000 Mopedtaxi-Fahrer, eine Armee der Frustrierten.
Der Streik, eigentlich gegen die hohen Benzinpreise gerichtet, wird binnen Stunden zu einem Aufruhr in allen größeren Städten, legt die Infrastruktur des ganzes Landes lahm. Der soziale Protest mischt sich diffus mit politischer Opposition, gegen die Verfassungsänderung, mit der Biya seine Amtszeit verlängern will. Die Wut der jungen Generation, sonst im Fatalismus erstickt, nun lodert sie auf. Straßenblockaden brennen, Tankstellen und Amtsgebäude gehen in Flammen auf, Plünderungen folgen. Das Militär rückt aus. Kamerun hält den Atem an – und zeigt plötzlich ein anderes Gesicht: Wie weggewischt die Indifferenz; überall wird politisch diskutiert.
Wo ist Biya? Wie üblich außer Landes? Niemand weiß es. Die revoltierenden Jungen verlangen, dass der Präsident sie hört, dass er zu ihnen spricht. Als der dritte Tag des Aufruhrs zu Ende geht, spricht Biya endlich, wie aus dem Off. Ganz Kamerun sitzt vor dem Fernseher. Der heisere alte Mann redet nur fünf Minuten, er beleidigt die Jugendlichen, bezeichnet sie als Banden, Delinquenten, Lehrlinge der Hexerei. Am Ende behauptet er: »Kamerun ist ein Rechtsstaat und wird es bleiben.«
Nach der Rede des Präsidenten brennen die Barrikaden
Minuten nach der Rede brennen wieder die Barrikaden, kurz darauf liegen junge Tote auf der Straße, das Militär schießt jetzt scharf. Nachts hämmert der Regen auf die Dächer, die Regenzeit beginnt verfrüht, als könne selbst der Himmel vor Wut nicht an sich halten. »Der Vater«: Obwohl Biya unbeliebt ist, wird er in Kamerun so genannt,
le père.
Aber er hat nicht wie ein Vater gesprochen. Das Wort Kriegserklärung geht von Mund zu Mund: Biya habe seiner Nation den Krieg erklärt. Demonstranten schreiben den Satz auf einen Kartonfetzen und halten ihn hoch.
Die Jungen haben keine Führung, keinen Plan, keinen Sprecher. Die Transportgewerkschaften haben den Streik längst für beendet erklärt – weil sie bestochen wurden, sagen die Jungen. Sie trauen niemandem, sie trauen auch den Medien nicht. Sie sind das Produkt einer Gesellschaft, in der alle Spielregeln käuflich sind.
Es gibt nur einen Mann, dem die Jungen zumindest zuhören: Mboua Massok, einem Veteranen der Rebellion. Der 53-Jährige gilt als Erfinder der villes mortes , der »toten Städte«. Das war die Kampfform im demokratischen Aufbruch 1990/91. Neun Monate lang erstarrte Kamerun immer wieder im Generalstreik. Damals waren die Aktionen zu kalkuliert, um das Biya-Regime zum Dialog zu zwingen. Heute ist Massok erschrocken über die ungerichtete Gewalt der Frustration.
Er empfängt im Gärtchen seines Hauses, das er »Pavillon der nationalen Pflicht« nennt. Sich für die Demokratie zu schlagen, sagt er, sei die Pflicht eines Patrioten. Dafür nahm er viele Verhaftungen in Kauf. Massok ist ein kamerunischer Bürgerschreck, ein Agitator, ein radikaler Panafrikanist, der sich mit einer Neigung zum Pathos am Telefon stets mit »le combattant« meldet, der Kämpfer.
Aber der Mann mit der Kette aus Palmkernen um den Hals hat etwas Echtes, Unverstelltes; man spürt seine innere Kraft, seine Leidenschaft. Und er spricht schnörkellos und furchtlos wie sonst kaum ein Oppositioneller. »Biya ist das Zentrum der Korruption. Er stiehlt unserer Jugend das Geld, um es in Schweizer Hotels auszugeben. Biya muss zurücktreten, sofort.« Massok fürchtet, die Wut über Betrug und Korruption könne sich im Kamerun der vielen Ethnien als Gewalt zwischen den Volksgruppen entladen, ähnlich wie in Kenia. In einem Aufruf appelliert er, »brüderlich« für den Sturz des Regimes zu kämpfen: »Eine winzige Minderheit, zusammengesetzt aus allen Ethnien, eignet sich mehr als 95 Prozent unseres Reichtums an. Es gibt nur zwei Stämme in Kamerun, den Stamm der Reichen und die verarmten Massen.«
Der Rebell trägt am linken Arm ein rotes Stoffband, das Signal der Dissidenz, es soll zum Massensignal der Bewegung gegen Paul Biya werden. »Bald werden es alle hier tragen«, sagt Massok.
Die Revolte der Jungen verebbte am nächsten Tag, sie wurden wieder von ihrem Alltag verschlungen. Biya, der schlechte Vater, warf dem Volk später ein paar Zugeständnisse hin: Reis und Weizen werden billiger, zwei korrupte Minister wurden verhaftet.
Aus den Tagen des Aufruhrs aber bleibt ein Bild haften, eine Erinnerung. Die Wut, mit der die Jungen die Bretterkioske der Lotterie zertrümmerten. Die Lotterie, das ist französisch-kamerunisches Kapital. Die Bretterbuden, sie wurden ein Symbol des Betrugs.
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Land der Vielfalt
In Kamerun spiegelt sich
Afrikas Vielfalt:
ein Land zwischen Regenwald und Sahelzone, dessen Bevölkerung aus
200 ethnischen Minderheiten
besteht. Kamerun war deutsche Kolonie, wurde dann zwischen Franzosen und Briten aufgeteilt. Diese Teilung hat bis heute
zwei Amtssprachen
hinterlassen: Von den 17 Millionen Einwohnern sind 80 Prozent frankofon, 20 Prozent anglofon. Eine demokratische Bewegung erzwang 1991 die Zulassung von Parteien im autoritären Einparteienstaat, doch blieb die Demokratie Fassade.
Gesegnet mit Rohstoffen,
auch mit Öl, könnte Kamerun unter besserer Führung Zentralafrikas Wirtschaftslokomotive sein.
- Datum 5.3.2009 - 13:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17
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Hahaha...weiter brauch' ich diese dümmliche Polemik gar nicht lesen!Ich bitte Frau Wiedemann, hier an Ort und Stelle jemanden in DIESEM UNSEREM LANDE zu nennen, der in den letzten paar Jahren für irgendwelche politischen Verfehlungen zur RECHENSCHAFT gezogen worden wäre, oder die VERANTWORTNG für Fehler oder Skandale übernommen hätte. Schon mal den Namen "Helmut Kohl" gehört?"Ehrenwort"?Wenn man konsequent über "Korruption" reden würde, ist Deutschland GENAU so korrupt wie Kamerun...unsere Politikaster können das bloss besser vertuschen.
"Wenn man konsequent über "Korruption" reden würde, ist Deutschland GENAU so korrupt wie Kamerun"Na ja, einige Abstufungen gibt es da schon noch :-) Ich musste noch nie einen Polizisten, Beamten oder Arzt bestechen. Gott sei Dank ist es in Deutschland noch nicht ganz so weit.
Kennt jemand die Firma Siemens ?
"Die Gehälter im Staatsdienst sind zu niedrig; das begünstigt die Korruption. In Kamerun sind die Staatsangestellten in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten regelrecht verarmt: Zunächst wurden ihre Bezüge auf Drängen des Internationalen Währungsfonds mehr als halbiert. Danach verloren sie noch die Hälfte ihrer Kaufkraft durch die Abwertung des zentralafrikanischen CFA-Franc."Wie wäre es, wenn der IWF zur Abwechslung mal was nützliches tut und Verantwortung übernimmt für die Schei**e die er angerichtet hat? Offenbar hat er viel Einfluß im Land und arm ist Kamerun auch nicht. Fehlt offenbar nur der richtige Trigger und etwas Hilfe von außen. Aber ich schätze all die beschlipsten Köhlers und Co aus der Großfinanz jucken die Menschen dort nicht, der Markt ist aufgeknackt, die Rohstoffe fast unversteuert für den Westen verfügbar. MISSION ACCOMPLISHED!
Endlich mal ein ausführlicher guter Artikel über Kamerun. Wg. Relativismusfront hier: Der Korruptionsindex ist zwar kritikabel, aber auch ein Indiz. Die Verhältnisse in Kamerun sind wirtschaftsbremsend in extrem hohem Maße. In Deutschland "fördert" Korruption noch ein wenig die Wirtschaft, indem sie hier und da Rechtsnormen außer Kraft setzt. In Kamerun kann nichts produziert werden, weil in der Transportkette bis zur Produktionskette endlos oft Gebühr geleistet werden muss. Daran kann der IWF auch wenig ändern - außer Gelder streichen, und da ist allerdings zuerst die Entwicklungshilfe in die Pflicht zu nehmen. http://myblog.de/nichtide...
Ich habe den Artikel mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und bin sehr berührt.Genau vor einem Jahr war ich selbst für 2 Monate in Kamerun und die im Artikel beschriebene lähmende "Indifferenz" der Kameruner hat mir zu denken gegeben. Ich erinnere mich noch daran, wie ein Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation uns gegenüber damals die "fehlende revolutionäre Stimmung" vor allem in der kamerunischen Jugend kritisierte. "Viele Kameruner erwecken den Eindruck, als betrachteten sie ihr Land durch eine Milchglasscheibe aus Fatalismus und Gleichgültigkeit."
Diesen Satz finde ich sehr treffend! Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass es nun zu solchen Aufständen kommt, ich hätte ihm vermutlich nicht geglaubt. Danke an Frau Wiedemann auch für die zahlreichen Beispiele zum Thema Korruption! Es ist erschreckend, wie sehr die Gesellschaft sich an diese Gewohnheiten angepasst hat, und wie man auch als Europäer "mitzieht", wenn man das Land bereist. Ich glaube, dass zum Aufbrechen dieser Strukturen weit mehr bedarf, als ein Regierungswechsel, auch wenn dies sicher ein erster Schritt in die richtige Richtung ist. Insgesamt fand ich den Artikel sehr ergreifend, da er viele meiner Erfahrungen von damals treffend wiedergespiegelt hat.
wir sind einer meinung.danke
sehr gute artikel,es ist ziemlich nah an der realität, aber hoffnung stirbt zuletzt.es bleibt uns nur zu hoffen dass eines tages alles besser wird. aber es kann noch lange unter diesem korrupte regierung dauern.unsere land kamerun ist am boden aber die zukunft wird uns recht geben daß wir wieder aufstehen werden.
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