Nun steht er da, der Mann mit dem Geldschein in der Hand. Er steht vor dem Polizisten mit dem roten Barett, der schickt ihn mit einer Kopfbewegung zu seinem Kollegen, der schickt ihn wieder zurück, und so läuft der Mann mit dem Geldschein hin und her, seine Haltung zunehmend devot. Ein Bittsteller; er bittet darum, bestechen zu dürfen.

Dies ist ein Theaterstück, ein miserables Theaterstück. Es wird jeden Tag hundertfach aufgeführt auf Kameruns Straßen. Ausweiskontrolle! Ein Polizeiposten stoppt einen Minibus, gedrängt voll mit Passagieren, und irgendjemand hat gewiss seinen Ausweis nicht dabei. Ihm wird ein fantastisch hohes Bußgeld angedroht, wahlweise Verhaftung – der Polizei ein Scheinchen anzubieten ist der einzige Ausweg. Die Straßensperren, die Ausweiskontrollen, sie dienen allein diesem Zweck, jeder weiß es. Die Polizisten zieren sich, es wird verhandelt, gebettelt und noch ein bisschen gedroht. Die übrigen Passagiere des Minibusses warten in respektvollem Abstand.

Als der Geldschein in einer olivgrünen Hosentasche verschwunden ist und sich die Passagiere zurück in den Bus gestopft haben, da macht sich unter ihnen Erleichterung breit. Manchmal wird ein Bus innerhalb einer Stunde dreimal, viermal von Polizeiposten gestoppt. Manchmal, wenn die Verhandlungen zu lange dauern, löst sich die stillschweigende Solidarität unter den Passagieren auf, einige wollen weiterfahren, sie beginnen mit dem Fahrer zu streiten, schließlich schreien sich alle an. Nur mit den Polizisten schreit niemand.

Die Korruption hat sich in Kamerun ihre Gebräuche, Sitten und Rituale geschaffen, sie bestimmt die Gefühle, die Psychologie des Landes. Was Außenstehende als Theater empfinden, sind Regeln, Verhaltensregeln. Sie ordnen den Alltag, helfen beim Arrangement mit Scham und Beschämung. Denn die Kameruner – 17 Millionen Menschen mit einem recht guten Bildungsniveau – sind sich des Zustands ihres Landes voll bewusst.

Auf dem jüngsten Korruptionsbarometer von Transparency International rangiert Kameruns Polizei ganz oben, als die korrupteste ganz Afrikas. Dieser Befund beruht auf der Wahrnehmung der Leidtragenden, er wird durch die Befragung der Bürger ermittelt. Und noch ein zweiter Wert hebt Kamerun heraus: Fast 80 Prozent seiner Bewohner räumen ein, sie hätten im Verlauf des Jahres eine Amtsperson bestochen. So viele bezichtigen sich in keinem anderen Land der Welt. Korruption sei zum »Lebensstil« geworden: Das Wort stammt von Kameruns Bischöfen, es steht in einem klagenden Hirtenbrief von 2006.

Im Krankenhaus gibt es ohne Bestechung kein Bett

Bei Madame und Monsieur Zubou liegen weiße Spitzendeckchen auf dem Sofa, der Boden ist weich von Teppichen. Das Wohnzimmer einer Mittelschichtfamilie am Stadtrand von Jaunde, der Hauptstadt. Dem Ehepaar gehört eine Papierwarenhandlung. Monsieur Zubou, ein kleiner, dünner Mann mit scharfem Blick, pflegt seine Worte zu wägen. Ist die Mehrzahl der Kameruner eher Opfer der Korruption oder Täter? Er zögert. »Vermutlich beides«, sagt er schließlich.

An größere Aufträge, vor allem aus den Ministerien, kommt seine Papierhandlung nur durch Bestechung. Vor Kurzem stufte der Steuereintreiber den Laden willkürlich hinauf in die Kategorie mittelgroßer Unternehmen. Um das wieder rückgängig zu machen, brauchte er eine »Motivation«, so lautet das gängige Codewort. Im Krankenhaus: Kein Bett ohne Bestechung, klagt Madame Zubou, »nicht einmal im Notfall!« Neulich sei sein Vater gestorben, sagt Monsieur Zubou, »und selbst in der Leichenhalle musst du bestechen! Sonst werfen sie den Toten auf den Boden oder stehlen sein Hemd. Oder sie rücken die Leiche nicht heraus zur Beerdigung.«