Klimawandel : Überleben, aber wie?

Wann und ob das Weltklima kollabiert, ist unsicher. Doch dass es unser Leben verändert, scheint sicher. Ein Plädoyer für die Anpassung unter unbekannten Bedingungen

Orkantief Emma hatte Ende Februar 2008 nicht das Zeug zum Kyrill vom Vorjahr. Aber gerade als man aufatmete, machten Wirtschaftsforscher eine dicke Rechnung auf; allein in Deutschland sollen sich die Kosten des Klimawandels auf 800 Milliarden Euro belaufen. In der Antarktis zerbrach ein Eisschild von der Größe Bremens. Und der EU-Außenbeauftragte Javier Solana warnte, die Klimakriege der Zukunft würden Europa nicht verschonen. Das waren die Klimaneuigkeiten eines Frühjahrs, in dem das Wetter nur ein wenig verrückt spielte.

Den tipping points, Kipppunkten, an denen das Weltklima kollabieren könnte, scheinen wir näher als der Klimaberuhigung. Mitigation heißt der wissenschaftliche Sammelbegriff für die Minderung von Emissionen und damit die Verhinderung der Katastrophe. Unter Klimaforschern und selbst unter Klimapolitikern glaubt kaum noch jemand, der Temperaturanstieg lasse sich bei "zwei Grad plus" einbremsen. Es wird wärmer werden, und dann geraten die Dinge möglicherweise außer Kontrolle. Mit diesem ernüchternden Befund gelangen wir ins Reich der Anpassung an das Nichtvermiedene und Unvermeidliche.

Im Jahr, in dem sich alle Welt an 68 erinnert, hat "Anpassung" keinen guten Klang; in den fetten Jahren des Postmaterialismus bekämpfte man angepasste Charaktere. Aber vierzig Jahre nach dem Traum von der Großen Weigerung nimmt man zerknirscht zur Kenntnis, dass Anpassung das Gebot der Stunde ist, und ahnt, dass dies angesichts der Klimaprobleme die eigentlich revolutionäre Gesinnung ist.

Klimapolitik geht mit (supra-)staatlicher Regulierung und Marktanreizen vor, das Gros der Maßnahmen widmet sich dem "Klimaschutz", also der Gefahrenprävention. Gegen Nullenergiehäuser, Regionalisierung der Märkte, nachhaltige Raumplanung und dergleichen ist wenig einzuwenden, aber es dauert, bis so etwas spürbar Wirkung zeitigt, und vorher stößt es auf zahllose Hindernisse. Also müssen wir uns endlich mit dem Gedanken anfreunden, dass der globalen Klimaerwärmung mit der Total-Auswechselung von Glühbirnen gegen Energiesparlampen kein Einhalt zu gebieten ist.

Wir sollten mit einer Renaissance der Landwirtschaft im Ruhrgebiet rechnen

Die Frage ist also, ob und wie sich Persönlichkeiten, Mentalitäten und Systeme an das Unvermeidliche anpassen können, wobei das Unvermeidliche in diesem Fall auch noch das Unbekannte ist. Genau wissen wir nicht, was geschieht, wenn der Meeresspiegel kritische Werte überschreitet oder der geschmolzene Permafrost in Sibirien Unmengen Methan freisetzt. Kollaps? Die Wissenschaft muss sich trauen, vom "Denken wie üblich" abzurücken und den meteorologischen Prognosen auch Szenarien der sozialen und kulturellen Revolution hinzuzufügen, die ein radikaler Klimawandel sicher auslösen würde. Wer mit Sturzfluten, Hurrikanen und Wüstenbildung klarkommen will, muss auch Evolutionsbiologen, Kulturanthropologen, Gesellschaftstheoretiker und Psychoanalytiker befragen – und nicht zuletzt den Menschen auf der Straße (vgl. ZEIT Nr. 45/07).

Wir müssen uns alter Kulturtechniken des Überlebens erinnern und neue Modalitäten der Selbstdisziplinierung ausdenken. Dazu gehören Formen der Globalisierung, die die Verletzbarkeit der einbezogenen Gesellschaften nicht erhöhen, sondern vermindern. Vielleicht müssen wir auch mit so unwahrscheinlichen Dingen rechnen wie einer Renaissance der Landwirtschaft im Ruhrgebiet und einer Welt ohne Autos. Und mit Klimaalarm per Handy.

Spinnert? Nicht wirklich. Klimaerwärmung ist durch bedenkenlosen Einsatz von Technik entstanden, weshalb viele Versuche, sie durch "bessere" Technik zu beheben, Teil des Problems und nicht der Lösung sind. Ob Klimaschutz verbesserte Kohlekraftwerke oder doch mehr Atomkraft nahelegt, ist ein müßiger Streit, weil beide Varianten auf begrenzte Ressourcen stoßen und sich hinsichtlich ihrer Folgen als unüberschaubar erwiesen haben. Und das jüngste Drama um den Biosprit macht klar, wie viele nicht -beabsichtigte Folgen seines Handelns auch der umsichtigste Klimaschützer einkalkulieren muss, was bei Fotovoltaik und künstlicher Fotosynthese nicht anders sein wird.

Die Debatte um das Klima ist voll von Scheinalternativen, etwa in der Frage, ob man den Gesellschaften mit Modernisierungsrückstand dieselben Verschmutzungsrechte einräumen müsse, wie sie die frühindustrialisierten Länder unheilvollerweise hatten – was ja nur der Fall war, weil niemand sich darüber Gedanken gemacht hatte. Heute, im Wissen um die Folgen von derlei Sorglosigkeit, verrät eine solche Überlegung künstliche Dummheit. Die Frage globaler Gerechtigkeit muss so an die Verursacher des Klimaproblems rückadressiert werden, dass ihre Fehler nicht andernorts wiederholt werden – was etwa bedeuten würde, dass die reichen Industrie- und Technologieländer ihr energiewissenschaftliches Know-how denjenigen Gesellschaften kostenlos zur Verfügung stellen, die die industrielle Modernisierung noch vor sich haben, und die Nachzügler somit Infrastrukturen auf höherem technologischen Niveau bekämen, als es bei uns der Fall ist.

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Technische Innovation schafft Zeit für kulturellen Wandel

Technische Innovation geht schnell. Die weltweite Stromerzeugung kann innerhalb einer Generation weitgehend auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Eine Kultur der Nachhaltigkeit zu installieren, wird mehr Zeit benötigen.Technische Innovation kann auch Leitbilder etablieren. So, wie vor dem zweiten Weltkrieg Pioniere den Anstoß zur Massenmobilität lieferten. Im drei Jahren will Bertrand Piccard, der Enkel des Schweizer Ballonfahrers, die Erde mit einem Solarflugzeug umrunden. Dieser Flug ohne Treibstoff wird sicher manchen Autofahrer anregen, die fünf Kilometer zur Arbeit mit weniger Energieverbrauch als bisher zurückzulegen.Stefan StarkeFriedrichshafen

Weniger Mobilität

Wir müssen an Tabus ran. Beispielsweise an das Thema Mobilität. Ein Großteil des alltäglich Verkehrswahnsinns wird von Leuten verursacht, die sich über Dutzende von Kilometern an Ihren Arbeitsplatz begeben um dort dann stundenlang am PC zu arbeiten. Ginge theoretisch auch von zu Hause aus. Warum bemüht man sich nicht in den Bereichen, in denen dies möglich ist, über verstärkte Telearbeit die quasi vorindustrielle Einheit von Wohnen und Arbeiten wiederherzustellen?

@topomoos

Weil das nicht funktioniert, ganz einfach. Diese Situation wurde mehrfach geplant, getestet, durchgeführt und analysiert. Die Massenverarbeitung von Material oder Daten ist nun mal ein Prozeß der die Anwesenheit und auch Führung der Arbeitenden an einem Kollektiven Ort erfordert. Auch wenn dies technischgesehen anders gehen würde. Abgesehen davon ist die Heimarbeit oder Einzelarbeit die vor der industrialisierung geleistet wurde höchst ineffektiv. Einzelarbeit lohnt nur in Feldern in denen Menschen einzelarbeit benötigen, sei es weil es zu spezialisiert oder weil es zu individuell ist (z.B. Ärzte, Künstler,). Hinzu kommt, das wir Menschen sind und keine Maschinene. Wir benötigen menschlichen Austausch. Direkt, vor Ort und in Gemeinschaft. Man kann seinen Kaffee ja auch daheim drinken. Viele Menschen gehen aber lieber ins Cafe, auch wenn sie dann dort vielleicht die aAnwesenheit der anderen Menschen nur passiv genießen.

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