RomanInventur des Lebens

Katharina Hagena erzählt in ihrem Debüt eine wohltuend altmodische Familiengeschichte und erobert die Herzen der Leser von Martina Meister

Es gibt Bücher, die weniger Bilder als Gerüche heraufbeschwören. Dieses ist so eines. Es duftet nach Sommer, nach Äpfeln und Johannisbeeren. Es riecht nach Land, nach der dunklen, feuchten Erde Norddeutschlands. Es trägt den Geruch von im Schrank vergessenen Kleidern, den Geruch vergilbter Papiere und verblichener Fotos. Es riecht nach Staub und Erinnerung.

Der Geschmack von Apfelkernen, der erste Roman der Hamburger Autorin Katharina Hagena, ist ein nostalgisches Buch. Es ist so nostalgisch, dass man sich anfangs vielleicht noch ein wenig dagegen zu wehren versucht. Wirkt hier nicht alles wie aus der Welt herausgefallen? Scheinen nicht sogar die Wörter von weit her geholt? Hagenas Buch, vielleicht muss man das einfach so formulieren, ist auf eine wohltuende Art altmodisch.

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Es geht um Vergessen und um Erinnerung, um den Versuch, sich der Vergangenheit zu bemächtigen. Und umgekehrt darum, der Literatur durch das Vergangene eine ganz eigene Macht zu geben. Es handelt, mit anderen Worten, von der faszinierenden Untreue des Gedächtnisses.

Iris, eine junge Bibliothekarin aus Freiburg, erbt das Haus ihrer Großmutter Bertha, die nach 13 Jahren im Altersheim endlich gestorben ist. Alzheimer hatte sie gehabt, die alte Frau, und am Ende nicht mehr gewusst, wer sie selbst eigentlich war.

Jetzt stehen ihre drei Töchter an ihrem Grab, und Iris, die einzige Enkelin, bekommt das Haus. Ihre Mutter Christa drückt ihr den Schlüssel in die Hand, der aussieht wie das »Bühnenrequisit zu einem Weihnachtsmärchen«, spricht dabei verworren, erwähnt die tote Mutter, die tote Tante, die tote Nichte, sie beendet ihre Sätze nicht, genau wie Bertha, damals, als alles begann.

Auch bei der Großmutter hatte es ganz harmlos angefangen, nach einem Sturz von einem Apfelbaum. Bertha hatte anfangs ein wenig zerstreut gewirkt, dann vergaß sie alles, versuchte, sich mit Zetteln zu erinnern, und vergaß dann sogar, woran die Zettel sie erinnern sollten. Bald wusste sie nicht mehr, was man mit einem Schuh, einem Löffel oder einem Wollfaden anfangen konnte. Aber sie strickte weiter, und ihre verhedderten, verfilzten Werke waren Ausdruck ihres Geisteszustandes. Nur in ihrem Haus kannte sie sich aus, bis zum Schluss: »Und wenn man sie obduziert hätte, dann hätte man bestimmt anhand der Windungen ihres Gehirns oder des Adergeflechts ihres Blutkreislaufs einen Wegeplan durchs Haus erstellen können. Und die Küche war das Herz.«

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