Martenstein Die Täterhose

Unser Kolumnist tut öffentlich Buße. Er hat im Schwimmbad etwas "Obszönes und Verabscheuenswertes" getan.

Ausnahmsweise muss ich diesen Platz, der mir von der Redaktion für Beobachtungen aus dem Alltag zur Verfügung gestellt wird, für eine persönliche Entschuldigung missbrauchen. Es hat aber auch eine politische Bedeutung, insofern als die Frage nach Schuld und Verantwortung unter einem ungewohnten Blickwinkel behandelt wird. Ich habe einem anderen Menschen etwas Obszönes und Verabscheuenswertes angetan.

Am Donnerstagabend besuchte ich eine Berliner Badeanstalt mit Sauna. Menschen, die mit Themen, in denen Nacktheit eine Rolle spielt, Schwierigkeiten haben, sollten jetzt besser die Lektüre beenden.

In der Sauna habe ich gemerkt, dass ich den Schlüssel zu meinem Kleiderspind nicht mehr am Handgelenk trug. Dies hat mich in einen Zustand der Aufregung versetzt. In dem Kleiderspind befand sich meine Brieftasche, die einen Geldbetrag enthielt. Ich verließ eilig die Sauna, streifte meinen Bademantel über und rannte zu meiner Badetasche. Tatsächlich befand sich der Spindschlüssel in der Tasche, ich hatte ihn nämlich überhaupt nicht um das Handgelenk herumgebunden. Immer wieder passieren mir solche Sachen. Beruhigt setzte ich den Saunagang fort, nach der Sauna zog ich fröhlich summend meine Badehose wieder an, ich war der zufriedenste Mensch der Welt.

Zu Hause fasste ich in die Tasche des Bademantels und zog eine Badehose hervor, die meiner Badehose glich, nein, mehr noch, es war meine Badehose. Da habe ich gemerkt, dass ich, als ich zu der Badetasche rannte, meine Hose in die Manteltasche gestopft hatte, nach dem Abschluss des Saunaganges aber hatte ich, in selbstzufriedene Gedanken versunken, die Badehose eines fremden Menschen angezogen. Diese Hose ähnelte meiner, sie schlackerte lediglich am Po ein wenig, dies war mir aufgefallen, aber ich hatte es darauf zurückgeführt, dass ich im Fitnessstudio gewesen bin. Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein, dass ich einmal im Fitnessstudio falsche Schuhe angezogen und dies auch erst zu Hause bemerkt habe, die Schuhe waren teuer, neu und edel gewesen, während meine alt und lümmelig waren, ich habe die neuen Schuhe behalten.

Ich habe mir vorgestellt, wie ich reagieren würde, wenn ich aus der Sauna herauskäme und jemand hätte mir meine Badehose weggenommen. Als Erstes wird einem klar, dass man sich in einer sozial schwierigen Situation befindet. Dann fragt man sich: Wer tut so etwas? Und warum? Eine Badehose ist doch kein Wertgegenstand. Weil auf jeden Saunabesucher exakt eine Hose entfällt, müsste die Hose des Täters noch da sein, man könnte die Täterhose anziehen. In meinem Fall aber hat sich nach und nach jeder Besucher eine Hose gegriffen, es gab keine Täterhose, es handelte sich also offenbar nicht um eine Verwechslung, sondern um Bösartigkeit und Destruktivität in ihrer reinsten Form.

Man denkt, dass hinter einer Säule feixende Buben stehen, in Wirklichkeit aber treibt, wenige Meter entfernt, ein Kolumnist im Becken, mit dem Bauch nach oben, und genießt den Tragekomfort einer Hose, die ihm nicht zusteht. Ich weiß von diesem Menschen, der, mich aus tiefstem Herzen verfluchend, ein Handtuch um die Lenden geschlungen, in der dicht bevölkerten Badeanstalt den Ausgang gesucht hat, eigentlich nur, dass er schwarze Hosen bevorzugt und ein dickeres Gesäß hat als ich. Das ist zu wenig, um in einer Millionenstadt nach ihm zu suchen. Falls er dies zufällig liest und sich die Frage gestellt hat, was für Menschen es sind, die so etwas Destruktives und Gemeines tun, dann lautet die Antwort: Es sind Menschen wie ich.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 17.04.2008 um 10:02 Uhr

    Maxima debetur puero nudo reverentia. Etiam homini erratico.Das als Sentenz hat primär nix mit der Sauna zu tun. Aber mit Martensteins Loblied auf klassisch-lateinische Bildung (.... vor Zeiten). Oder hat er die laudatio schon verlegt, also: verschenkt - oder vergessen?  Es gibt nix Nacktes, das nicht zur Kultur führen könnte.

  1. werter Herr Martenstein, will mir ja noch einleuchten, wenngleich man sich über Aspekte wie dräuender Fußpilz oder schwallschwitzende Vorbesitzerfüße streiten kann, aber dass Sie eine Badehose nicht rausrücken, die Ihnen nachweislich zu groß ist, lässt mich fragen: Was lassen Sie als Nächstes mitgehen?HerzlichIhr Erdge Schoss

    • Anonym
    • 20.04.2008 um 8:36 Uhr

    man kann auch ohne pointe schreiben.

    • hagego
    • 23.04.2008 um 15:50 Uhr

    Lieber H.M.,pack die Badehose ein... und dann up in die Toskana, in die Po-Gegend. Dann schön essen gehen, einen wunderbaren Roten genießen. Und schwupps - sehr schnell passt einem auch eine fremde Badehose.     Mit den Schuhen... Mit der Badehose... Machen Sie das mit Ihren Glossen auch so? Im Nachlass von Robert Gernhardt - in der Toskana - ließe sich sicherlich Passendes finden.     Aber ich glaube, in dieser Hinsicht sind Sie sehr eigen.

    • BieneX
    • 23.04.2008 um 16:24 Uhr

    Hat sich der Eigentümer inzwischen gemeldet?

    • hagego
    • 23.04.2008 um 17:24 Uhr

    Es soll sich um einen gewissen Baader handeln.     Martenstein hat sein "Erlebnis" zwar nach Berlin verlegt, aber das Drama begann in dem kleinen norddeutschen Ort Bad Ehose. In der völlig veralteten Badeanstalt (so steht das heute noch in Fraktur über dem Eingang) gab es keine Einzel-Umkleidekabinen. Nur jeweils einen großen Raum für die Frauen und einen für die Männer. Hier, auf dem Grabbeltisch der An- und Ausziehsachen, hier muss es zu dem tragischen Irrtum gekommen sein.     All das liegt sehr lange zurück. Baader hat Jahre nach dieser Bloßstellung -  eigentlich hat er diese Schmach nie überwunden - in der Bundesrepublik für Unruhe gesorgt.     Dieser Baader, ein Ur-Ur-Ur-Enkel Michael Kohlhaas', hat seitdem das Element Wasser gehasst und sich dem Feuer zugewandt.

    • BieneX
    • 23.04.2008 um 18:09 Uhr
    7. @6

    Dank für die Belehrung. Ich habe die Hausaufgabe gemacht:
    A.  Bad Ehose ist ein beliebter Ortsname, es gibt viele Bad Ehosen.
    B.  Herr Martenstein ist ein 68er.
    C. Baader ist ein Ur- Ur- Ur- Ur- Ur- Enkel von Hans Kohlhaas mütterlicher Seite, das Feuer ligt in der DNA, er hat es von seiner Mutter geerbt. Das Wasser vom Vater hat er leider nicht geerbt. 
    Noch eine Frage: ist Herr Martenstein ein Feuermensch oder ein Wassermensch? Im Artikel ist aber viel Wasser. Dünner Kaffee.

    • Anonym
    • 23.04.2008 um 19:23 Uhr

    Wie lange muss man eigentlich eine Glosse würgen, bis sie endlich ihre Pointe ausspuckt? Oder hat sie sie schon längst ausgespuckt und nur mir ist das entgangen?Nun, die vielen Kommentare zu diesem - mit Verlaub - literarischen Schwachsinn belegen, dass es noch mehr Leser geben muss, die sich auf die Suche nach ihr gemacht haben. Es wäre nett vom Finder, mich zu benachrichtigen. 

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 17.04.2008 Nr. 17
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