Eisbär Knut unterstützt den Artenschutz. Man muss ihm nur den weißen Rücken lecken und ihn als Sondermarke auf einen Brief pappen – schon fließen 25 Cent Zuschlag für den Erhalt der biologischen Vielfalt. »Ohne Eis kein Eisbär«, diese Formel gab in der vergangenen Woche Knuts Patenonkel, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, aus, als er die neue Bärenmarke vorstellte. Der Kuschelbär verkörpere jene bedrohten Arten, denen der Mensch den Lebensraum wegheize. Da global die Gletscher schmelzen und die Klimaprognosen immer heißer ausfallen, stellt sich die Frage: Werden Eisbären und die pagophilen (eisliebenden) Robben und Pinguine bald aussterben? Müssen WWF, Walt Disney, Linux und viele andere künftig neue Sympathieträger suchen? Oder ist der Untergang von Knut, Robby und Pingu nur eine irrige Prophezeiung, so unrealistisch wie die Schnapsidee mit der Biosprit-Initiative?

Die jüngsten Nachrichten klingen düster. So warnten Experten, mit dem Schwinden riesiger Schelfeisplatten schrumpfe der Lebensraum der Kaiserpinguine. Stellenweise betroffen sind auch die eisliebenden Adeliepinguine. In den USA wollen Umweltschützer seit Monaten eine verschärfte Einstufung von Eisbären als bedrohte Spezies gerichtlich einklagen. Im Streit mit dem amerikanischen Innenministerium zitieren sie den U.S. Geological Survey in den Zeugenstand, der einen Rückgang von Knuts Sippe in 50 Jahren um zwei Drittel prognostiziert. Damit hat sich die geschätzte Verlustquote in kurzer Zeit verdoppelt.

Doch auch vor unserer eigenen Haustür zeigt die Erderwärmung Folgen. Der WWF warnte im März vor einem »Robbenbabydrama in der Ostsee«. Wegen der außergewöhnlich geringen Eisbedeckung würden Hunderte Ringelrobbenbabys sterben. Da das dünne Eis, auf dem sie geboren werden, zu schnell schwinde, könnten sie nicht lang genug gesäugt werden und eine ausreichend dicke, wärmeisolierende Fettschicht ansetzen. Zu klein müssten sie ins eisige Wasser und jämmerlich erfrieren. Dieser »düstere Vorbote des Klimawandels« treffe mit den Ostsee-Ringelrobben eine vom Aussterben bedrohte Art, mahnte der WWF. Wie steht es inzwischen um diese Robbenbabys?

»Sie sind alle tot«, sagt Tero Härkönen, Robbenexperte am Schwedischen Naturhistorischen Reichsmuseum. Das befürchtete Drama hat sich tatsächlich ereignet – aber es macht nur einen kleinen Teil der Rechnung aus. Denn längst nicht aller Nachwuchs in der Ostsee ist betroffen. »Nur der im südlichsten Verbreitungsgebiet, im Golf von Riga«, präzisiert Härkönen. Den Ringelrobben im Bottnischen Meerbusen, wo die weitaus meisten leben, gehe es gut. Ihr Bestand wachse kontinuierlich. Seit Jahren.

Allerdings sind die rund 8.000 Ostsee-Ringelrobben nur ein Abglanz einstiger Bestände; vor gut hundert Jahren waren es noch 200.000. Zunächst wurden sie durch Jagd fast ausgerottet, dann unter Schutz gestellt. Die verbliebenen Tiere erholten sich kaum, die Verschmutzung des Wassers mit Pestiziden und Chemikalien machte viele Weibchen unfruchtbar. Die Wasserqualität habe sich zwar gebessert, aber noch sei die Fruchtbarkeit suboptimal, sagt Härkönen. Und jetzt droht der Klimawandel.

Der ist nicht nur menschenverursacht. Seit Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren steigen die Temperaturen. Der skandinavische Eisschild verschwand, die entlastete Erde hob sich. Seit 8.000 Jahren ist die Ostsee ein Binnenmeer. Die Ringelrobben blieben im Nordteil gefangen und bildeten eine Unterart. Völlig isoliert wurden die Ringelrobben im finnischen Saimaa- und im russischen Ladogasee. Die Ladoga-Ringelrobben gehen im Sommer sogar an Land. Seit Kurzem gibt es Meldungen, dass sie neben den üblichen weißen (Whitecoats) auch vereinzelt dunkle Junge zur Welt bringen – ein möglicher Hinweis darauf, dass die Population sich evolutionär ans Landleben anzupassen beginnt.