Kosmos »Immer wieder dieselben Fehler!«
Ein Interview mit Max Tegmark, Professor am Massachusetts Institute of Technology
DIE ZEIT: Wozu brauchen wir Kosmologen?
Max Tegmark: Ohne sie wäre die Menschheit blind. Wir wüssten weder woher wir kommen noch wohin wir gehen. Wir können das Leben viel mehr genießen, wenn wir das große Bild verstehen und unseren Platz im Kosmos kennen. Aus demselben Grund sollten wir Musiker und Komponisten fördern: Sie bereichern unser Leben. Ich würde den Spieß sogar umdrehen: Wir leben, damit wir Musik hören können und Kosmologie machen dürfen. Sie sind kein Zweck, sondern das Ziel.
ZEIT: Was war die wichtigste Entdeckung der Kosmologie in den vergangenen Jahren?
Tegmark: Die Transformation der Kosmologie von einer eher philosophischen Angelegenheit in eine Präzisionswissenschaft. Den Physiknobelpreis 2006 gab es für die Vermessung der Mikrowellen-Strahlung, die das Weltall erfüllt. Sie stammt aus einer Zeit, als das Universum 400 000 Jahre alt war, und liefert uns quasi ein Babybild des Universums. Dank Sternbeobachtungen haben wir außerdem indirekte Indizien dafür, wie viel dunkle Materie und dunkle Energie es im Kosmos geben muss. Als ich ein Student war, diskutierten wir darüber, ob das Universum 10 oder 20 Milliarden Jahre alt ist. Heute geht es darum, ob das Universum 13,7 oder 13,8 Milliarden Jahre alt ist.
ZEIT: Welchen Durchbruch erwarten Sie in naher Zukunft?
Tegmark:
Erstens sollten wir bald die Teilchen der dunklen Materie detektieren. Wir wissen derzeit nur durch indirekte Beobachtungen, dass diese Materie existiert und dass sie fast ein Viertel des Universums ausmacht. Der Teilchenbeschleuniger LHC wird vielleicht solche Teilchen erzeugen. Außerdem gibt es neue Detektoren, die vielleicht dunkle Materie messen können, und es gibt den Satelliten Glast, der im Mai starten soll und durch die Beobachtung von Gammastrahlung Hinweise auf dunkle Materie im Zentrum unserer Galaxie liefern könnte. Wenn die Teilchen der dunklen Materie aufeinander stoßen, entstehen nämlich Gammastrahlen. Es gibt Gerüchte, dass Astronomen im Zentrum unserer Galaxie schon eine Menge solcher Ereignisse beobachtet haben. Ich würde mein Geld auf die Entdeckung der dunklen Materie verwetten.
Der zweite Durchbruch, den ich erwarte, hat mit der Inflation zu tun, der Aufblähung des Universums kurz nach dem Urknall. Die Inflationstheorie konnte man bisher nicht sehr gut testen. Es gibt aber eine Vorhersage der Theorie, die der Planck-Satellit überprüfen kann, wenn er Ende Oktober in den Orbit geschickt wird: Die Inflation müsste Gravitationswellen erzeugt haben, ausgedehnt über das gesamte Universum. Wenn wir die sehen würden, wäre das eine Sensation. Wir könnten dann nicht nur bis zur ersten Sekunde nach dem Urknall zurückrechnen, sondern bis zu 10 hoch minus 34 Sekunden nach dem Urknall. Ich schätze die Chancen auf 50 zu 50, dass man in den nächsten fünf Jahren solche Gravitationswellen sehen wird. Es wäre das größte Entdeckung meines Lebens.
ZEIT: Gibt es etwas, von dem sie glauben, es sei wahr, ohne es beweisen zu können?
Tegmark: Ich glaube, dass der Teil des Raums, den wir sehen können, nur ein winzig kleiner Teil von dem ist, was tatsächlich existiert. Ich bin sicher, dass es Paralleluniversen gibt, aber wir können das nicht beweisen.
ZEIT: Was war der größte Irrtum in der Geschichte der Kosmologie.
Tegmark: Der größte Irrtum war anzunehmen, dass der Kosmos kleiner ist, als er wirklich ist. Wenn Sie Plato interviewt hätten, hätte er unser Sonnensystem für das gesamte Universum gehalten. Später merkte man, dass die kleinen Punkte am Himmel weit entfernte Sterne waren. Als Einstein so alt war wie ich, dachte man, das Universum sei so groß wie unsere Galaxie. Dann entdeckten Astronomen weitere Galaxien. Heute denken wir, das Universum reiche so weit, wie wir sehen können. Wir machen den Fehler immer wieder, weil wir Menschen gerne denken, wir wüssten alles. Wir sollten aus unseren Fehlern lernen und bescheidener sein.
ZEIT: Auf welche Einsicht warten Kosmologen am sehnsüchtigsten?
Tegmark:
Was ist die dunkle Materie? Was ist die dunkle Energie? Und: Gab es die Inflation und wie funktionierte sie? Wir haben noch einiges zu tun.
Max Tegmark ist Professor für Kosmologie am Massachusetts Institute of Technology bei Boston
- Datum 18.04.2008 - 11:45 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17
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Als die Erfindung moderner Meßinstrumente die Kosmologie von einer "eher philosophischen" zu einer "Präzisionswissenschaft" transformierte, ermöglichte dies der Kosmologie ungeahnte Möglichkeiten und diese "Transformation" führt noch heute zu vielen erstaunlichen Ergebnissen. Es ist allerdings nicht nur die Transformation einer weniger "präzisen" in eine "präzisere" Form der Wissenschaft - es ist vor allem die Transformation von der Wahrnehmung des "inneren Auges" (Philosophie) und der Wahnehmung durch das physische Auge - zur indirekten Wahrnehmung über externe, technische Augen - Teleskope aller Art. Die Kosmologie hat sich von einer "Inneren" zu einer "Äußeren" Wissenschaft gewandelt. Dies ist allerdings keine "große Entdeckung" - es ist ein notwendiger, folgenreicher, evolutionärer Schritt in der Kosmologie, der mit der technischen Entwicklung und der "Aufklärung" notwendig einhergeht - und dem bald, ebenso notwendigerweise, wieder ein "Schritt nach Innen" folgen wird - sozusagen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen... Platon erkannte sein ganzes Universum auch in sich selbst wider. Er selbst stand mit der Welt in direkter Beziehung. Platon's Außenwelt mag um 13 Milliarden Lichtjahre kleiner gewesen sein, als die eines heutigen Wissenschaftlers - dafür besaß Platon aber nicht nur "Glauben" - er hatte - wenn man ihm glauben darf - Gewißheit über die objektive Existenz seiner "Seele" - also des ewigen Beobachters - sowie um die subjektive und wandelbare Existenz der Welt(en)! Diese Gewißheit fand er In sich selbst, seine intellektuellen Dialoge sind für uns "Zweifler" bestimmt, er brauchte diese Argumentationen nicht. Von diesem Gleichgewicht zwischen Innen und Außen sind heutige Doktoren meistens weit entfernt - auch wenn, oder gerade weil das wissenschaftliche Faktenwissen so inflationär zugenommen hat. Die ersten Jahrhunderte der Aufklärung trennten den Menschen nicht nur von verstaubten, mittelalterlichen, religiösen Vorstellungen. Die Aufklärung "tötete Gott" - die Seele - unser Selbst - und ersetzte unser immaterielles Innerstes durch moderne, materialistische Gedankenkonstrukte auf der Grundlage neuer Meßergebnisse. Erst die Quantenphysik des 20.Jahrhunders erreichte wirklich einen Grad der Präzision, der so hoch ist, daß man SELBST - der "Beobachter" - für das Meßergebnis wieder eine Rolle spielt. Die philosophischen Konsequenzen der Quantenphysik - auch für die Kosmologie - kann man sich aber nur mit dem Inneren Auge anschauen - ein Teleskop ist dazu ungeeignet. Die daraus erhaltenen Schlußfolgerungen sind jedoch genauso valide, wie die aus Teleskopbeobachtungen gewonnenen Ergebnisse. Beides muß sich ergänzen - Innen und Außen. Diese moderne Wissenschaft legt Nahe, daß das Universum erheblich Subjektiver - also vom Beobachter abhängig - sein könnte, als dies in unserer Alltagswelt oder der klassischen Physik den Anschein hat. Viele der "großen Geister" der neuen Physik, z.B. Erwin Schrödinger, Max Planck, Werner Heisenberg etc. sind über die Bedingtheit der materiellen Welt durch Ihrem Beobachter zunächst erschrocken - und haben logischerweise der Betrachtung der Innenwelt, des "Innen" der Materie, in Folge mehr Beachtung geschenkt. Immer wieder derselbe Fehler:Wir beschreiben das Universum durch eine Menge mathematischer Gleichungen.Wir SELBST kommen jedoch in diesen Gleichungen nirgends vor! Die Quantenphysiker lehren uns aber, daß wir selbst - als Beobachter - darin vorkommen sollten - ohne Beobachter würde die materielle Welt nicht existieren... Ein Zitat von Max Planck: "As a man who has devoted his whole life to the most clear headed science, to the study of matter, I can tell you as a result of my research about atoms this much: There is no matter as such. All matter originates and exists only by virtue of a force which brings the particle of an atom to vibration and holds this most minute solar system of the atom together.
We must assume behind this force the existence of a conscious and intelligent mind. This mind is the matrix of all matter.
zu Deutsch:Als ein Mann, der sein ganzes Leben der wohl nüchternsten Wissenschaft gewidmet hat, dem Studium der Materie, kann ich Ihnen als ein Ergebnis meiner Forschung über Atome soviel sagen: Es gibt keine Materie als solche. Alle Materie entspringt und existiert nur durch das Wirken einer Kraft, die das Partikel eines Atoms in Vibration versetzt und dieses allerkleinste Sonnensystem des Atoms zusammenhält.
Wir müssen hinter dieser Kraft die Existenz eines bewußten und intelligenten Geistes (mind) vermuten. Dieser Geist ist die Matrix aller Materie."
- Max Planck!!! Wie diese großen Quantenphysiker, so wird wohl die Kosmologie - geboren aus der spirituellen Philosophie und dann ausgewandert in die Welt, irgendwann in den Schoß der Philosophie zurückfinden - man muß nur präzise genug beobachten... "Die moderne Physik schreitet also auf denselben geistigen Wegen voran, auf denen schon die Pythagoreer und Plato gewandelt sind, und es sieht so aus, als werde am Ende dieses Weges eine sehr einfache Formulierung der Naturgesetze stehen, so einfach, wie auch Plato sie sich erhofft hat. " Werner Heisenberg, Physik und Philosophie Das wird eine Riesenentdeckung der Kosmologie - wenn sie einst ihr innerstes, philosophisches Wesen wiederentdeckt! Bis dahin wünsche ich allen Erforschern des Universums und der Dunklen Materie, den Betreibern des LHC etc. ein "teshi delek" (tibet.: Gutes Gelingen) und hoffe auf aufschlußreiche Ergebnisse... ;-) Herzliche Grüße, RudraChakrin
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