Klaus Zapf sitzt wie verabredet auf einer Bank an Gleis vier des Berliner Hauptbahnhofs und wartet. Er trägt einen Parka, darunter eine Fleecejacke, auf der »Zapf-Umzüge« steht, und lehmige Schuhe. Er achtet nicht darauf, wer da aus dem Zug steigt. Wer ihn finden will, soll ihn suchen. Man könnte ihn für einen Obdachlosen halten. Tatsächlich ist Klaus Zapf mit seinem Umzugsunternehmen Millionär geworden.

Mittlerweile hat er sich aus dem Geschäft zurückgezogen – und verklagt stattdessen Aktiengesellschaften. Die Zeitungen nennen ihn einen Berufskläger, manchmal wird er in der Nähe der räuberischen Erpressung gerückt. Er selbst spricht von Selbstachtung und Gerechtigkeit.

Im Oktober 2007 hat ihn das Landgericht Frankfurt wegen Rechtsmissbrauchs zu Schadensersatz verurteilt. Für einen Vergleich mit der Firma Nanoinvests hatte Zapf unverhältnismäßig viele Aktien gefordert. »Er hat sich dumm erwischen lassen«, sagen Fachleute dazu. Normalerweise betreibt er das Klagegewerbe eleganter.

»Ich verklag eh jeden«, sagt Klaus Zapf, als er sieht, wie das Tonband zur Dokumentation des Gesprächs angestellt wird. Er sagt das mit dem Pokergesicht, das er die ganze Zeit über behalten wird, auch dann, wenn man an den Tisch zurückkehrt und er in der Zwischenzeit ein paar Schokoriegel auf den Teller gelegt hat. »Die bekomme ich von der Bahn geschenkt – ich bin bei denen Goldkunde«, sagt er und kaut Kaugummi dabei.

Es ist schwierig, aus Klaus Zapf schlau zu werden, und ebendas scheint sein großes Anliegen zu sein.

Klaus Zapf hat die Altana verklagt, Windsor, Senator, Axel Springer, AXA, Intertainment, Karmann, die Bremer Wollkämmerei und diverse andere Aktiengesellschaften. »Ums Fressen«, sagt Klaus Zapf, gehe es ihm dabei nicht. Das aber bezweifeln all jene, die ihn zu den Berufsklägern rechnen. Das dahinterstehende Geschäftsmodell ist denkbar einfach: Jeder Aktionär kann Entscheidungen seiner Aktiengesellschaft anfechten, unabhängig davon, wie viele Aktien er besitzt. Sobald er Klage einreicht, verzögert er damit die Eintragung der Beschlüsse ins Handelsregister – erst mit der aber werden sie wirksam.

Um diese Verzögerung, zum Beispiel bei einer anstehenden Kapitalerhöhung oder bei einer Fusion, zu vermeiden, einigen sich die betroffenen Unternehmen oft mit den Klägern auf einen Vergleich. Da der Streitwert meist sehr hoch angesetzt wird, ist auch das Honorar der klagenden Anwälte entsprechend üppig.

»Man muss schon treuherzig sein«, sagt der Rechtswissenschaftler Theodor Baums von der Universität Frankfurt, um anzunehmen, dass sich die Berufskläger dieses Geld nicht mit den Anwälten teilten. Nachzuweisen sei das natürlich nicht. Baums stützt sich bei seinem Vorwurf vor allem darauf, dass eine überdurchschnittlich hohe Zahl dieser Prozesse, nämlich rund 97 Prozent, mit Vergleichen zwischen den beiden Parteien enden. Zapf dagegen sagt, dass der Gewinn, der dabei für ihn herausspringt, lediglich ein Nebeneffekt sei.

Zapf ist bei Weitem nicht der einzige Berufskläger in Deutschland. Baums hat in einer Studie zum Klagegewerbe mehr als 40 Personen ausfindig gemacht, die seiner Ansicht nach nur deshalb Aktiengesellschaften verklagen, um sich zu bereichern.

»Natürlich lasse ich mir nicht die Butter vom Brot nehmen«

Klaus Zapf steht nach Baums’ Berechnung mit 15 Klagen zwischen 2005 und 2007 an zehnter Stelle unter den Berufsprozessierern. Das allein erklärt noch nicht das große Interesse an ihm. Zapf nennt es »Entertainmentzirkus«, und der lebt vor allem von seinem unkonventionellen Werdegang: Klaus Emil Heinrich Zapf, der aus Württemberg stammt, bricht ein Jurastudium in Berlin ab und gründet, führerscheinlos, wie er ist, 1977 ein Umzugsunternehmen, das jahrzehntelang als Kollektiv arbeitet und sich zum Marktführer hocharbeitet. Heute hat die Zapf Umzüge AG 13 Niederlassungen in Deutschland, über 1.000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro.

Zapf ist vor sieben Jahren aus der Geschäftsführung ausgeschieden und nur noch Teilhaber, aber Privatier, so findet er, sei die falsche Bezeichnung für ihn. Ein »räuberischer Erpresser«, wie die Berufskläger auch genannt werden, sei er genauso wenig. »Natürlich lasse ich mir die Butter nicht vom Brot nehmen.« Aber eigentlich und vor allem gehe es ihm um etwa anderes. Er wolle den Wirtschaftseliten zeigen, dass sie sich nicht alles auf Kosten der anderen erlauben können. Er redet sich in Rage, und man ist geneigt, ihm zu glauben. Nicht dass das Geld für ihn keine Rolle spielt. Aber dass es nicht sein einziges Motiv ist.

Klaus Zapf spricht gern und vehement über die Verantwortung der Vorstände und die Feigheit, mit der sie sich davor drückten. Er beklagt die Kleinmütigkeit der Politiker, wenn es darum gehe, die Wirtschaftseliten in ihre Grenzen zu weisen, weil sie eigentlich selbst dazugehören wollten. Aber wenn er über seine eigene soziale Verantwortung spricht – und Spenden vor allem als ein Herumdoktern an Verfehlungen der Politik versteht–, dann klingt er trotz seiner Vergangenheit als Kandidat der Berliner Alternativen Liste wie ein wertkonservativer Unternehmer. »Soziale Verantwortung«, sagt er, »bedeutet, dass ich niemanden übervorteile, dass ich die Interessen der Kunden, der Mitarbeiter und meine eigenen zusammenbringe.« Aber natürlich, wird der Unternehmenssprecher später beteuern, engagiere sich Zapf sozial, mehr als andere Unternehmen. Zahlen könne er leider nicht nennen.

Folgt man Klaus Zapf, fällt die Geschichte seines Unternehmens in zwei Teile: in die Zeit vor der Wende, als man angesichts der Subventionen und Abschreibungsmöglichkeiten in West-Berlin »alles falsch machen konnte und trotzdem Geld verdiente«. Das war eine Zeit, als bei Zapf vor allem solche arbeiteten, die sich »die Selbstverwirklichung auf die Fahnen geschrieben hatten«, wie er ganz ohne Ironie sagt. Weltreisende und Studienabbrecher, sehr individuell und »schlecht zu führen«. Erfolgreich war das Unternehmen dennoch oder gerade deshalb: weil es den Kunden »angenehme Leute« schickte und weil es »nicht beschissen hat«.

Trotzdem sah er sich nach der Wende angesichts der neu hinzugekommenen Konkurrenz zu etwas gezwungen, was er heute »Umstrukturierungen« nennt. Es ist das erste Mal im Gespräch, dass er eine solche schwammige Managervokabel benutzt. Diese Umstrukturierungen bedeuteten, dass er das Beteiligungsmodell für die Belegschaft abschaffte und dass er neues Personal einstellte, das belastbarer war als die Weltverbesserer. Für Bernd Lind vom Berliner Landesverband ver.di ist die Firma heute »ein Unternehmen wie jedes andere auch«. Die Löhne seien auf dem Stand von vor drei Jahren, und viele der Mitarbeiter seien mittlerweile in der Gewerkschaft organisiert, um die eigenen Rechte durchzusetzen. Früher sei der Lohn einmal übertariflich gewesen, dafür der Urlaub untertariflich. Unterm Strich, so glaubt jedenfalls Lind, wären die Mitarbeiter schon damals mit Tarif besser gefahren. Aber der Gewerkschafter räumt auch ein: »Aus politischer Sicht war die Idee von Zapf klasse, und er ist nicht ohne Grund zum Vorzeigeunternehmer der Linken geworden.« Nur dass es nie gut sei, wenn man als Arbeitnehmer vom guten Willen des Arbeitgebers abhänge. Auch nicht in einem Kommunebetrieb.

Seine zweite Firma heißt Pomoschnik Rabotajet – »Der Helfer arbeitet«

Zapfs Werdegang ist ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Unternehmerbiografie. Und doch richtet sich der Zorn dieses Unternehmers gegen die Wirtschaftseliten, die »selbst ernannten Leuchttürme«, wie er sagt. Gegen die rennt er, der abgebrochene Jurastudent, juristisch an, sobald er glaubt, dass sie ihre Grenzen überschreiten.

Er hat dazu eigens eine Firma gegründet mit dem bemerkenswerten Namen Pomoschnik Rabotajet, zu Deutsch »Der Helfer arbeitet«. Sie soll, so beschreibt er ziemlich vage, »wirtschaftliche Ziele verfolgen«, und zwar in einem »Kreis von sechs Leuten in wechselnder Zusammensetzung«. Gemeint sind andere Berufskläger. Die Aufgabenfelder: »Dazu gehören auch Einsprüche, Feststellungsklagen – und Strafanzeigen wegen Untreue und Betrug, wenn mir jemand auf den Sack geht.«

Das geschah unter anderem bei dem Pharma- und Chemiekonzern Altana, dessen Vorstand es in Zapfs Augen versäumt hatte, ausreichend in die Medikamentenentwicklung zu investieren, und die Pharmasparte schließlich verkaufte. Während die Großaktionärin Susanne Klatten ihren Anteil der Ausschüttung steuerfrei verbuchen konnte, weil sie die Aktien in eine Beteiligungsgesellschaft eingebracht hatte, mussten die Kleinaktionäre ihren versteuern. Daraufhin kritisierte auch der Schutzverband der Kapitalanleger (SdK), der Verkauf sei auf die Bedürfnisse von Susanne Klatten zugeschnitten gewesen. Zapf klagte, doch die Klage wurde abgewiesen. Dessen ungeachtet, musste sich der Vorstand von Altana vor dem Landgericht Frankfurt verantworten.

Die meisten Fachleute sehen wenig Produktives in der Klagefreude von Menschen wie Klaus Zapf. Theodor Baums erwartet eine weitere Verschärfung des UMAG, des Gesetzes zur Unternehmensintegrität und Modernisierung des Anfechtungsrechts von 2005, das in der jetzigen Fassung nicht recht greift.

Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung Wertpapierbesitz (DSW), gesteht Zapf und seinesgleichen zumindest zu, »dass sie in der Regel durchaus auch etwas für die anderen Aktionäre herausholen, zum Beispiel zusätzliche Informationen für alle«. Aber auch er sieht im Gefolge der Klagewelle eine »Unterhöhlung« der Anfechtungsklage. Klaus Zapf beirrt das nicht. Den Einspruch gegen seine Verurteilung durch das Landgericht Frankfurt hat er längst eingelegt.

Wozu betreibt er diesen Aufwand? Wenn man Klaus Zapf ansieht, weiß man nicht recht, was dieser Millionär mit seinem Geld anfängt. Journalisten erzählt er, dass er auf einer Matratze auf dem Boden schlafe und dass auch seine Frau – von der er gern berichtet, dass er sie über eine Kontaktanzeige »Millionär gesucht« kennengelernt hat – mittlerweile erkannt habe, dass drei Pelzmäntel mehr als genug seien.

»Geld ist das nächste Äquivalent zur Macht«, sagt Zapf, und von dort ist es nicht weit zu der Geschichte aus seiner Schulzeit, als die Lehrer immer nur die Kinder der Armen schlugen. »Ich bin sehr christlich erzogen«, sagt Zapf. »Aber an das Gute im Menschen glaube ich nicht.«

Trotzdem spricht Zapf über die kleinen Leute mit einer Wärme, die seine lakonische Pose gefährdet. Zumindest über diejenigen, die mit Bierflasche – »aber nicht das Elendstrinken von heute« – und Bild - Zeitung am Küchentisch beim Umzug auf ihn warteten. Er erzählt von den immer zahlreicher werdenden Pfandflaschensammlern. Erst heute morgen hat er einem von ihnen eine Flasche abgegeben, er selbst sammelt seit Jahren.