Eins von früher könnten sie doch spielen. Eins von den alten Stücken, die man nie wieder loswird, weil sie einem dabei halfen, nicht völlig durchzudrehen, damals auf der After-Work-Party. Die zu Klassikern des späten 20. Jahrhunderts geworden sind. Und eins werden sie auch spielen, Mysterons, in einer nah am Original gebauten, nachtblau schimmernden Version. Applaus, Ovationen, einige im Saal reißt es von den Sitzen. Das war es aber auch schon mit dem nostalgischen Part. Portishead sind keine dieser Bands.

Portishead gehören zur anderen Sorte Bands. Zu denen, die ein paranoides Verhältnis zum Erfolg pflegen. Die sich aus Angst vor Wiederholungen in Experimente stürzen. Die unsicher auf der Bühne herumstehen, weil sie nicht wissen, ob das, was sie da nach elf Jahren Studioklausur in die Welt gesetzt haben, wirklich etwas Unerhörtes ist. Portishead betreiben das Geschäft der Avantgarde mit einer Ernsthaftigkeit, wie man sie nur noch bei Amateuren findet. Kleidung und Lebensstil sind angesichts dessen zweitrangig. Geoff Barrow schlurft in T-Shirt und unfassbar schlecht sitzenden Jeans herein. Sein stierer Blick aufs Display verrät, dass er gern ganz hinter der Musik verschwinden würde.

Wir befinden uns im Sendesaal 1 des ehemaligen Ostrundfunks, einer Location von erlesenem Retrocharme. Früher spielten hier in Berlin-Adlershof Orchester auf, jetzt glimmen auf der Bühne in der Mitte des Raums die Verstärkerlämpchen. In wenigen Minuten wird eine Weltpremiere ihren Lauf nehmen, die Aufführung des neuen Portishead-Albums durch die Band selbst. Barrows Sekundanten – Gitarrist Adrian Utley und zwei Aushilfsmusiker an Tasten und Schlagzeug – haben ihre Plätze eingenommen, auch Sängerin Beth Gibbons ist durch eine Tür in der holzgetäfelten Wand hereingeschwebt. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für ein Grußwort, doch das einnehmende Kommunizieren ist die Sache dieser Band nicht. »Wir sind langweilige Leute, die Musik machen«, hat Barrow einmal gesagt. Er hätte auch sagen können: Die Energie, die andere auf ihre Frisuren verwenden, steckt diese Band in ihr Fortkommen.

In dieser Musik mischen sich Angst und Sehnsucht

Third, ihr jüngstes Werk, schwankt schon im Titel zwischen minimalistischer Durchsage und sinfonischer Großtat. Dieser kalte Märzabend wird zeigen, dass beides stimmt. Noch immer lebt der Portishead-Sound von der Spannung zwischen ihren Protagonisten: Gibbons, die sich ans Mikro klammert, als sei es ihr einziger Halt, und Barrow, der an den Reglern die Kontrolle behält. Wenn sie opulent wird, bleibt er kühl, und umgekehrt: Bei zu hohem Synthetikanteil gibt sie den Maschinensounds Expressivität und Pathos zurück. Und doch ist, aufs Ganze gesehen, Schwund. Nicht mehr im Repertoire sind die Barjazzatmosphäre, die Hammondorgel und die Streicherwände, die die Vorgängeralben so cineastisch klingen ließen. Gestrichen sind auch allzu vernutzte Samples: das Knistern einer Schellackplatte oder die elegisch verhallte Gitarre aus dem Fundus alter Western.

Dabei war es die Erlesenheit der Samples, aus der der Erfolg der Band erwuchs. In den frühen Neunzigern gehörte Geoff Barrow zu den Menschen, die in Plattenkisten nach seltsamer Musik wühlten. Es herrschten günstige Zeiten für Schatzgräber. Die Möglichkeiten, Klänge am Schneidetisch weiterzuverarbeiten, waren noch in der Entwicklungsphase, Schlafzimmerstudios die Ausnahme, nicht die Regel. Die Legende will es, dass Barrow sich mit Freunden aus Bristol, der Stadt, nach der der neue Sound später benannt werden sollte, einen Wettkampf lieferte, wer mit den entlegeneren Funden nach Hause kommen würde. Den Durchbruch brachte aber erst die Begegnung mit Beth Gibbons.