Musiktheater Logik des Blutes

Im Streit um die Bayreuth-Nachfolge triumphiert der Egoismus der Gene. Am Spielplan wird das wenig ändern.

Die Schlacht um den Grünen Hügel ist noch nicht geschlagen. Die neue Allianz, die zwischen den beiden Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier entstanden sein soll, ist noch nicht einmal durch eine gemeinsame Bewerbung beglaubigt; bisher haben sie um die Nachfolge ihres Vaters Wolfgang konkurriert. So ist es kaum mehr als eine Hoffnung, die den Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele bei seinem Wunsch beflügelt, den Alten endlich loszuwerden, und die vielleicht, wer weiß, auch diesem selbst gefällt, weil er damit seiner Lieblingstochter Katharina wenigstens zur halben Macht verhelfen könnte.

Es ist ein Krieg der Gene, der um Bayreuth geführt wird, keiner der Konzepte. Von den Träumen, dass sich einmal etwas anderes als stets dasselbe Spät- und Hauptwerk Richard Wagners inszenieren ließe, haben alle längst gelassen. Und im Übrigen: Auch über neue Inszenierungen werden die Nachfolger Wolfgangs, wer immer sie sind, auf lange Zeit nicht nachdenken müssen. Die Festspiele sind auf Jahre hinaus durchgeplant. Um die Kunst kann nicht mehr gestritten werden. Gestritten wird nur zwischen den Zweigen der Familie.

Und hier ist nun ein leichtes Zittern ins Geäst gekommen, seit Wolfgang Wagners zweite Frau Gudrun starb. Dachte Wolfgang bisher, dass nur deren Tochter Katharina seiner Nachfolge würdig sei, mag er sich jetzt besonnen haben, dass auch die Tochter Eva aus erster Ehe immerhin seine Gene trägt. Zwischen diesen beiden die künftige Führung zu teilen wäre keine Verdünnung seines Blutes – ganz anders, als wenn Nike, die Tochter seines ewigen großen Bruders Wieland, den Grünen Hügel regierte. Aber ausgerechnet mit dieser hatte sich Eva im letzten Herbst zusammengetan.

Denn das sind noch immer die Bewerbungen zur Nachfolge, die dem Stiftungsrat vorliegen: Eva und Nike, für die der Alte nicht weichen will. Katharina mit dem Dirigenten Christian Thielemann und dem Intendanten Peter Ruzicka, die wiederum dem Stiftungsrat nicht schmecken. Das ist die Blockade, die sich nach der Logik des Blutes nur lösen ließe, wenn man Nike entfernte und Eva und Katharina zusammenspannte. Wer die schändliche Idee dazu hatte, ist schwer zu sagen; jedenfalls haben sich Eva und Katharina mit ihrem Vater jüngst getroffen, und der Stiftungsrat erkannte darin die Chance, den Alten zu entfernen, indem man einerseits seinem genetischen Egoismus schmeichelte und andererseits wohl auch ein wenig Druck machte wegen kürzlich entstandener Verluste.

So kam die neue Allianz und mit ihr neue Hoffnung für die Bayreuther Nachfolgelösung. Nur Nike, leider, hat davon erst durch Nachfragen von Journalisten erfahren. Nur juristisch, leider, ist die Sache fragwürdig, weil ungewiss, ob gemeinsame Bewerbungen sich wieder lösen und zu neuen umknüpfen lassen. Und nur und schließlich für die künstlerische Zukunft der Richard-Wagner-Festspiele ist die Scharade unerheblich, weil der Alte mit seinen Spielplänen noch lange herrscht. Die Schlacht um Bayreuth muss erst geschlagen werden, in der Zukunft.

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