ÖsterreichLieber gesetzlos als ein Untertan

Der rechte Außenseiter Ewald Stadler, einst Chefideologe der FPÖ, sitzt im Parlament sein Mandat ab. Dann verlässt er die Politik erhobenen Hauptes. von Gunther Müller

Manchmal sieht man es noch: dieses Funkeln in den Augen von Ewald Stadler. Kampflustig fixiert er sein Gegenüber, als ob er damit sagen möchte: »Vorsicht, ich beiße, und das tut fürchterlich weh.« Früher nannten ihn die Kollegen »Dobermann«, und wer diesen Blick kennt, weiß, warum.

Stadler sitzt auf Platz 177 in der letzten Reihe des Plenarsaals des Parlaments, rechts und links von ihm zwei politische No Names: Johann Georg Schelling von der Volkspartei und der freiheitliche Nachrücker Bernhard Vock. Zwischen diesen beiden Hinterbänklern ist er gelandet: Ewald Stadler, lange Jahre die Nummer zwei in der FPÖ. Er war einst der Chefstratege der rüden Oppositionstruppe und verantwortlich für das freiheitliche Parteiprogramm. In den neunziger Jahren saß der polemische Zwischenrufer im Nationalrat noch ganz vorn neben Jörg Haider. Damals, gerade mal Mitte 30, hatte er riesigen Spaß daran, die Redner aus anderen Parteien so lange zu verbellen, bis sie aus dem Konzept kamen. Die Zeitungen waren voll mit seinen rhetorischen Exzessen.

Dieser Radaupolitiker ist mittlerweile 47 Jahre alt und sieht dort hinten ziemlich einsam und verlassen aus. Er ist in seine Unterlagen vertieft. Das parlamentarische Geschehen scheint er nur am Rande verfolgen zu wollen. Ganz plötzlich jedoch verzieht er sein Gesicht. Der gefürchtete Blick blitzt auf. »Das forrrdern wir schon lange«, knurrt der gebürtige Vorarlberger mit rollendem R in Richtung Rednerpult. Und: »Un-fass-barrr, was Sie sagen!«

Das cholerische Lebenszeichen aus Reihe 7 scheint niemanden zu beeindrucken, was nicht nur am Handicap von Platz 177 liegt. Der Mann ist politisch gescheitert. Wann immer in Österreich ein neues Parlament gewählt wird, ob im Herbst oder doch erst in zweieinhalb Jahren: Beim nächsten Urnengang sind seine Tage als Politiker Geschichte.

Der Veteran aus Haiders Tafelrunde ist heute ein wilder Abgeordneter. Im Parlament gehört er zwar noch der Freiheitlichen Fraktion an, aus der Partei ist er aber vor über einem Jahr ausgetreten. Er selbst sieht sich als »Outlaw«, als einen, der verstoßen wurde, weil zu vieles Denken in dieser Partei nicht erwünscht sei. Einen, den man nicht mehr wollte, weil er seine Wertvorstellungen nie aufgegeben hat.

Es ist eine Geschichte, wie sie verkannte Propheten immer wieder erzählen. Mit H. C. Strache, dem neuen Parteiobmann, den Stadler im Gegensatz zu Jörg Haider nie wirklich leiden konnte, verband ihn einzig ein Ziel: die FPÖ nach der Parteispaltung neu aufzubauen. Stadler träumte von einer Partei, die ganz seinem Weltbild entsprochen hätte: treu katholisch, erzkonservativ und mit deutschnationalem Bekenntnis. Demonstrativ stellte er sich zunächst hinter den neuen Parteichef und erhoffte sich ein Comeback als Klubobmann. Sobald die Partei jedoch ihre schlimmste Krise überstanden hatte, ließ die Gesinnungsgemeinschaft den ehrgeizigen Ideologen fallen. Als er sich weigerte, die Führung der Parteiakademie abzugeben, gründete Strache einfach eine neue. Enttäuscht verließ Stadler daraufhin die Partei.

Ähnlich war es ihm zuvor mit Jörg Haider ergangen: In der blauen »Buberlpartie« sei er einer der wenigen gewesen, die Grips genug besessen hätten, ein »inhaltlich breites Parteiprogramm zu entwickeln«, wie er heute sagt. Stadler fühlte sich dazu berufen, in der traditionell antiklerikalen FPÖ auch dem wehrhaften Christentum eine Heimstatt zu bieten. Er knüpfte Kontakte zu anderen europäischen Rechtsparteien. Als aber die FPÖ die Chance auf eine Regierungsbeteiligung witterte, bekam der Kampfhund einen Maulkorb verpasst.

»Ich bin überhaupt nicht frustriert, ich finde nur in der momentanen Parteienlandschaft keinen Platz für mich«, sagt der Entmachtete mit leiser Stimme und blickt dabei ins Leere. Hass? Nein, Hass gegenüber dem FPÖ-Obmann empfinde er nicht. »Ich würde mit Strache aber nicht unbedingt auf ein Bier gehen«, meint Stadler nonchalant.

Doch je öfter der Name seines Intimfeindes fällt, desto weniger kann Stadler seine Gefühle verbergen. »Ich werde nicht auf die Rednerliste gesetzt, weil Strache Beklemmungsangst bekäme, wenn er dem rhetorischen Vergleich standhalten müsste.« Fünf Minuten später hat Stadler wieder sein Funkeln in den Augen und sagt: »Ich suche mir Freunde nach einem intellektuellen Mindestmaß aus. Bei Strache ist dieses nicht vorhanden.« Der Parteichef könne »keinen Satz Englisch« und tue sich auch mit der deutschen Sprache schwer.

Solche Seitenhiebe sind offensichtlich eine Genugtuung für den demontierten Star. Großen Spaß muss es Stadler auch bereitet haben, den freiheitlichen Parteiführer vor Gericht zu verpetzen. Im Rahmen seiner Zeugenaussage im Prozess um eines der mittlerweile legendären Jugendsünden-Fotos Straches, auf dem der Nachwuchsrechte drei Finger zum sogenannten Kühnengruß der Neonazis spreizen soll, machte Stadler den Richter genüsslich auf ein weiteres pikantes Detail aufmerksam, das niemand entdeckt hatte: Jungmann Strache trage auf dem Foto auch eine Krawatte, die das in der rechten Szene beliebte Symbol der deutschen Reichskriegsflagge ziert. Stadler selbst, besagen Gerüchte, soll den Medien sogar die Skandalfotos zugespielt haben. »Das stimmt nicht. Ich habe vor Gericht keine persönlichen Befindlichkeiten ausgesagt«, beteuert der Insider, was man ihm aber nicht so recht abnehmen will.

Vielleicht war es seine letzte Intrige. Es gibt nun Wichtigeres, als der politischen Vergangenheit nachzutrauern. Vor allem, wenn man eine Familie mit sechs Kindern im Alter von drei bis 14 Jahren ernähren muss. Stadlers Frau, die ebenfalls aus Vorarlberg kommt, ist nicht berufstätig, sie bleibt zu Hause bei den Kindern in Grafenegg, einer 3.000-Seelen-Gemeinde im niederösterreichischen Kamptal, wo die Stadlers seit über zehn Jahren ein schlichtes einstöckiges Haus bewohnen. Derzeit verdient der Parteilose als Nationalratsabgeordneter monatlich rund 8.000 Euro brutto. Wie lange noch, ist aber ungewiss. Stadler will nach der Politik als Rechtsanwalt tätig werden.

Seit November 2007 arbeitet er deshalb als Rechtspraktikant am Bezirksgericht Krems an der Donau. Sein Jus-Studium hat er zwar schon 1990 im Alter von 29 beendet. Das verpflichtende Gerichtsjahr ließ er damals aber wegen der Politik aus und muss es nun nachholen. 1274,20 Euro brutto bekommt er pro Monat dafür. Im Sommer schließt er die Ausbildung ab, danach muss er noch eine dreijährige Praxis in einer Rechtsanwaltskanzlei absolvieren. »Dafür habe ich schon ein Angebot aus Wien«, sagt er.

Wer erlebt hat, mit welcher Akribie sich Stadler im Eurofighter-Untersuchungsausschuss durch Aktenberge wühlte und mit welchem Biss er die Zeugen ins Kreuzverhör nahm, der weiß: Der Mann wird seinen Job gut machen und seine Prozessgegner das Fürchten lehren.

Momentan hat es Stadler, dem ehemalige Parteikollegen ein extrem hohes Selbst- und Machtbewusstsein bescheinigen, nicht leicht: Als Politiker ist er entmachtet und als Gerichtspraktikant den Anweisungen eines Richters unterstellt. Seine Kollegen sind lauter Mittzwanziger, die frisch von der Universität kommen. Die Arbeit eines Rechtspraktikanten besteht in der Regel darin, Beschlüsse und Urteile des Richters niederzuschreiben, Zeugenaussagen aufzunehmen und einmal pro Woche beim Tag der offenen Tür am Bezirksgericht den Bürgern Rechtsauskünfte zu geben.

Ausgerechnet ein Mann wie Stadler, der in seiner Zeit als Volksanwalt zwischen 2001 und 2006 reihenweise Politiker und bürokratiebesessene Beamte mit hoher fachlicher Kompetenz und Wortgewandtheit vorführte und damit in den Volksanwalt-Sendungen des Fernsehens zum Quotenkönig aufstieg, steht nun ganz unten auf der Ausbildungsleiter des Justizsystems.

Der Alltag des früheren Strippenziehers sieht derzeit ungefähr so aus: Jeden Werktag steht Stadler um sechs Uhr morgens auf, versorgt mit seiner Frau die sechs Kinder. Zwischen 8.30 und 15.30 Uhr jobbt er am Gericht in Krems, danach pendelt er eine Stunde lang im Auto nach Wien und erledigt seine Parlamentarierarbeit. Das kann manchmal bis Mitternacht dauern.

Die Wochenenden sind einzig der Familie gewidmet. Da unternehmen die Stadlers Ausflüge, und jeden Sonntag sind sie in der frühbarocken Prandtauerkirche am Hauptplatz von St. Pölten anzutreffen. Dort wird die Messe nach altem Ritus gelesen, also genau, wie es der katholische Fundamentalist für angebracht hält: Der Pfarrer zelebriert in Latein und wendet der Gemeinde den Rücken zu. Wenn er abends noch Zeit hat, liest er eines seiner geliebten Sachbücher. Derzeit liegt ein 900-Seiten-Schmöker des Verschwörungstheoretikers E. R. Carmin auf seinem Nachttisch, in welchem dem finsteren Treiben okkulter Sekten bei den Nazis bis hin zur CIA nachgespürt wird – ein Augenöffner ganz nach Stadlers Geschmack. Seine konspirativen Theorien über Freimaurer und mysteriöse Netzwerke, denen er seit je auf der Spur ist, sind so alt wie seine politische Karriere.

Vielleicht ist es ja die richtige Zeit für Stadler, sich aus der Politik zurückzuziehen. Mit seinem Extremkatholizismus und seiner Nähe zur erzkonservativen St. Piusbruderschaft, die Ökumene und liberale Glaubenspraxis strikt ablehnt, dürfte er nicht mehr allzu viele Wähler begeistern können. Auch seine Abneigung gegenüber homosexuellen Partnerschaften, die Stadler »pervers« nennt, scheint mittlerweile nicht mehr ganz zeitgemäß. Und einen »enttabuisierten Umgang mit der Geschichte« zu fordern kommt heute auch nicht mehr so gut an wie vor 15 Jahren, als seine Karriere abzuheben begann. Stadler verlässt also die Politik, das aber mit erhobenem Haupt.

Der einzige Roman, den er wirklich schätze und schon dreimal gelesen habe, sei Heinrich Manns Der Untertan . Der Held des Buches, Diederich Heßling, verkörpert den Prototyp des nationalistischen Mitläufers, der sich duckmäuserisch jeder Macht unterwirft, um letztlich daran teilhaben zu dürfen. Darin findet Stadler Trost für sein politisches Scheitern: dass er immer zu seinen Idealen gestanden ist und nie einer dieser Diederich Heßlings wurde: »Ich scheue keinerlei Arbeit, um meine Familie weiterhin ernähren zu können, aber ich werde ganz sicher nicht dafür in irgendjemandes Körperöffnung kriechen. Niemals!«

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

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    • Schlagworte Jörg Haider | Österreich | FPÖ | Heinrich Mann | Parteiprogramm | Piusbruderschaft
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