Ich habe einen Traum "Mit 75 noch über Hürden laufen"

Star-Köchin Sarah-Wiener sehnt sich nach der ewigen Leichtigkeit des Körpers. Damit sie auch in 30 Jahren noch Rad schlagen oder Handstand machen kann

Ich gehe jeden Tag zehn Kilometer zu Fuß durch Berlin. Das Schauen im Gehen ist anders, intensiver. Lieber noch wandre ich durch die Berge, so mühsam das in den ersten Tagen auch ist. Aber wenn ich dann eingelaufen bin und so automatisch vor mich hin gehe und nur noch das Zirpen der Grillen höre, dann kann ich mein Hirn abstellen und nur mehr meinen Körper spüren. Was für eine tiefe Befriedigung und was für eine Freude, ihm etwas abzuverlangen! Im Zustand totaler Erschöpfung bin ich restlos davon erfüllt, mich eins mit dem eigenen Körper fühlen zu können. Es gibt mir dieselbe tiefe Befriedigung, wie 200 Mal hintereinander gegen einen Sandsack zu schlagen, 30, 40 Meter tief im Indischen Ozean zu tauchen oder Flecken in den Wäldern Kanadas zu durchstreifen, die jahrhundertelang kein Mensch betreten hat. Unter einer Plane und einem Moskitonetz campierend, gibt es kaum etwas Köstlicheres, als Rucksack und Stiefel am Abend auszuziehen und seine Glieder zu spüren. Ein frisches T-Shirt – was für ein Genuss, der so einfach zu haben ist!

Wir müssen schon in bewussten Willensakten kämpfen, um uns eine gewisse Ursprünglichkeit zu erhalten. Ein Kind springt Mauern runter, wippt, federt, hüpft über Treppen und Geländer, ohne nachzudenken; mit 40 springen wir aus dem Bett und verknacksen uns prompt den Fuß. Welche Demütigung! Es wäre herrlich, dieses Älterwerden, den Verfall zu überwinden.

Überall sehe ich Menschen mit hochgezogenen Schultern von zu vielen Nackenschlägen, mit hängenden Schultern von all den Frustrationen, mit eingezogenem Brustkorb, weil sie nicht in dieser Welt sein wollen. Wenn Menschen mit 70 aufrecht durchs Leben gehen, die keine Yogis sind, frage ich mich manchmal: Haben sie nur Glück gehabt, sind sie so kontrolliert, haben sie langsam genug gearbeitet, oder woran liegt’s?

Ich bin ein paar Mal vom Auto überfahren worden, einmal wäre ich fast ertrunken, in Thailand fast an der Ruhr gestorben und einmal in einem brennenden Hotel fast verbrannt. Aber merkwürdigerweise haben diese Erlebnisse keine tiefen Spuren in mir hinterlassen. Wenn ich mich an der Vergänglichkeit des Körpers reibe, sind es vielmehr die alltäglichen Zipperlein, die mich daran erinnern, dass es keine Garantie auf ewige Jugend gibt. Plötzlich reißt du dir ein Band, oder es schmerzt ein eitriger Kiefer, und auf einmal denkst du: Wie konnte ich so leichtsinnig mit meinem Körper umgehen, warum habe ich mich nicht täglich bei ihm bedankt? Ein flüchtiger Impuls, der drei Wochen später, wenn alles wieder ins Lot kommt, schon wieder vergessen ist.

Ich möchte die Naturgesetze außer Kraft setzen, um einen dauerhaft elastischen, muskulösen Körper zu haben. Nicht einen, der vorm Spiegel imponiert, sondern einen, mit dem ich in 30 Jahren – mit 75! – noch über Hürden laufen, furchtlos von einem zwei Meter hohen Baum springen, am Strand Rad schlagen oder Handstand machen kann, ohne außer Puste zu geraten.

Ich möchte mit diesem Körper tanzen lernen, alle lateinamerikanischen Tänze beherrschen, perfekt Tango und Walzer tanzen. Ich möchte kraulen können, delfinschwimmen, ich wäre gerne eine begnadete Fußballspielerin, dribbelnd, Bälle jonglierend. All diese Beispiele sind nur Synonyme für die ewige Leichtigkeit des Körpers, nach der ich mich sehne und nach der Freude daran.

Als Kind war ich ständig unter Strom. Ich habe ununterbrochen gewippt, gezappelt, mir täglich die Knie blutig geschlagen. In der Rudolf-Steiner-Schule habe ich deswegen Heileurythmie verabreicht bekommen.

Wenn ich heute die Kinder sehe, die erst träge mit dem Buggy rumgefahren, dann mit dem Auto in die Schule gekarrt und schließlich vor Computern geparkt werden – Kinder, die auf den Straßen nicht mehr spielen können, weil das »Draußen« ein gefährlicher Ort geworden ist –, dann macht mich das wehmütig. Weil wir dazu beitragen, dass unsere Kinder schon früh den Bezug zu ihrem Körper verlieren. Wenn sie es später nicht bedauern werden, dann ganz sicher ihr Körper.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo

Sarah Wiener ist Gastronomie-Unternehmerin und TV-Köchin. Die Tochter des Schriftstellers Oswald Wiener, geboren 1962 in Halle (Westfalen), wuchs bei ihrer Mutter in Österreich auf. Sie brach die Schule ab, trampte durch Europa und landete in Berlin, wo sie im Restaurant ihres Vaters Kuchen backte. 1990 machte sie sich mit einem mobilen Küchenwagen selbstständig.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 21.04.2008 um 9:37 Uhr

         In einem Lied heißt es: "Die Wiener braucht man gar nicht erst in Stimmung bringen, denn sie sind's ja schon...".     Trifft das nun auch auf Sarah Wiener zu: "Die Wiener braucht man gar nicht erst in Stimmung bringen, denn sie ist es schon..."?Wie auch immer: Weiterhin viel Spaß beim Komponieren in der Küche!

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 17.04.2008 Nr. 17
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  • Schlagworte Traum | Kochen
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