Der gelehrte Choreograf sieht nicht aus wie ein Gelehrter. Denn das cartesianische Ideal des berufsmäßigen Denkers ist nun mal ein Kopf ohne Körper, und das Klischee des abendländischen Geistesarbeiters, das sich in den letzten 2000 Jahren durchgesetzt hat, ist der Bewegungsmuffel: plump, unelegant und hölzern. Einige bedeutende Denker der Vergangenheit entsprachen tatsächlich diesem Bild. Spinoza war schwindsüchtig, Kant hatte einen verwachsenen Rücken, und der Mathematiker Carl Friedrich Gauß beklagte, dass sein genialer Verstand in einen schwächlichen Körper eingesperrt sei. Hätte er sich einen anderen aussuchen dürfen, wäre es wahrscheinlich ein extrem reaktionsschneller, abstrakte Probleme spielend bewältigender Körper gewesen wie der des britischen Choreografen Wayne McGregor.

Wenn der lange dünne Mann mit den Gelenken aus Gummi geschmeidig die Probebühne betritt, verstummt das Gepolter der Techniker. Wenn er lächelnd in die Runde grüßt, mit behutsamer Geste eine verletzte Tänzerin umarmt – aber nicht theatralisch, wie es Primaballerinen tun, sondern eher wie ein Mannschaftsarzt –, überträgt sich seine Freundlichkeit auf die Körperhaltung der Umstehenden. Wenn er aber vortanzt, erstarren sie in Ehrfurcht. Dann sind alle Augen auf diesen coolen Typen mit dem kahlen Mister-Spock-Schädel gerichtet. Und in das Staunen (über das plötzliche Posengewitter) mischt sich die Angst (mitmachen zu müssen). Wie seine Gliedmaßen in sämtliche Raumrichtungen gleichzeitig fliegen! Wie die Endlosbeine in der blauen Trainingshose sich zu Gordischen Knoten verschlingen! Kein Tänzer wagt, simultan zu improvisieren, keiner schaut für ein paar Takte woanders hin. Die Aufmerksamkeit gilt sowohl seiner physischen als auch geistigen Präsenz, denn dieser McGregor ist ein brain, wie die Briten sagen.

Die Titel seiner Stücke klingen wie ein Geheimcode für Cyberpunks

Die Schrittfolgen, die er an diesem Aprilnachmittag im Londoner Laban-Centre vortanzt, sind eigentlich komplizierte Ganzkörperformeln. Um sie auf einen Blick zu erfassen, müsste man schon Gauß sein: diese wellenartigen und gleichzeitig spiralförmigen Bewegungen des Torsos, die blitzschnelle Beinarbeit auf halber Spitze, dazu weit ausgreifende Sinuskurven der Arme mit scharf aufgestellten Händen, und schließlich der ruckartig kreisende Kopf. McGregor tanzt wie ein seltsamer Robotervogel oder wie ein noch nicht ganz ausgereifter Android. Dieses Menschmaschinenartige, diese Mischung aus Kreatürlichkeit und Künstlichkeit ist das Markenzeichen des intelligentesten unter den jungen Choreografen.

Er hat einen akademischen Abschluss in Tanz und einen in Semiotik, er besitzt einen Stapel renommierter Bühnenpreise und ist Forschungsmitglied an der kognitionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Cambridge. Über den Effizienzstreit der letzten Jahre, was die Menschheit dringender brauche, Philosophie oder Humangenetik, Kunst oder Wissenschaft, kann er nur müde lächeln. Schließlich interessiert er sich für den Körper in Zeiten des Klonens, weil der technologische Fortschritt metaphysische Fragen aufwirft, die wiederum zu moralischen führen. Und weil er glaubt, dass ein tieferes Verständnis unser selbst einen anderen Umgang mit unserem Körper bewirke, also auch eine andere Art Tanz. Ende 2006 wurde er zum ersten zeitgenössischen Hauschoreografen des ehrwürdigen Royal Ballet in London berufen, nebenbei ist er innovater in residence, also Erneuerer vom Dienst, an der University of California, San Diego.

Intellektuelle Tänzer, tanzende Intellektuelle sind immer noch selten. Amerika hat Merce Cunningham, Jahrgang 1919, der schon immer gern Einstein las, der als Erster mit Hilfe eines Computerprogramms, genannt Life Forms, choreografierte und Kritiker beschimpfte, sie sollten sich seine Stücke gefälligst so oft ansehen, bis sie sie verstünden. Deutschland hat William Forsythe, Jahrgang 1949, Erfinder von Titeln wie Alie/nation und Interpret des beschleunigten Menschen in der Epoche des Hightech. England aber hat Wayne McGregor, Jahrgang 1970, Generation Atari, der mit Computerspielen aufgewachsen ist und die Künstliche-Intelligenz-Forschung als seine wichtigste Inspirationsquelle bezeichnet. Allerdings choreografiert er nie am Rechner, weil der ihm zu langsam ist. Die Titel seiner Stücke, wenn man sie hintereinander aufzählt, klingen wie ein Geheimcode für Cyberpunks: Qualia – Xenathra – Binocular – Aeon – Sulphur16 – 2Human – PreSentient – Millenarium

Seine Stücke sind ja allesamt Forschungsprojekte, sie beruhen auf Recherche, Lektüre und Experimenten wie beispielsweise dem, seinen Tänzern im Training prismatische Brillen aufzusetzen, um ihren Orientierungssinn zu verwirren. Für sein Stück Ataxia beschäftigte er sich mit Koordinationsstörungen. Für Amu schickte er seine Tänzer zum Kardiologen, um ihre Herzen scannen zu lassen. Denn wer sein Innenleben kennt, bewegt sich anders, und auf dieses Andere will McGregor hinaus. Für sein jüngstes Stück hat er mit Neurowissenschaftlern aus Oxford und Cambridge kooperiert. Die Ausgangsfrage war, ob Bewegung instinktiv oder intentional gesteuert werde. Das Fernziel ist, einen sogenannten Intelligenten Agenten zu entwickeln, eine Serie von Computerprogrammen, die »choreografisch denken«. Momentan bastelt das Team aber noch an einem theoretischen Modell von Kreativität. Im Januar 2009 wird McGregor an der Uni San Diego ein Tanzstück unter Beobachtung von Hirnforschern kreieren. Premieren sind für ihn nur Etappen auf dem langen Weg in die Zukunft.