Die junge Frau hat sich mit dem Namen Hind vorgestellt. Man redet sich mit dem Vornamen an, hier in Kairo, und vielleicht ist es in der nervösen Stimmung dieser Tage auch ratsam, nicht jedermann seinen Nachnamen preiszugeben. Hind ist 32 Jahre alt und Hausfrau, mit einem Textilarbeiter verheiratet. Sie trägt ein locker gebundenes grünes Kopftuch und ist an diesem Morgen früh zum Einkaufen aufgebrochen. »Ich laufe immer an den Bäckereien vorbei, die französisches Weißbrot verkaufen«, sagt sie. »Wir können nicht im Traum daran denken, es zu kaufen.«

In Hinds Haushaltsplan für den Mann und ihre drei Kinder tauchen weder Weißbrot noch Fleisch oder andere Extravaganzen auf. Sie kocht meist Reis mit Nudeln. Darüber ein paar Dosentomaten und Kichererbsen, schon ist das ägyptische Nationalgericht Koshari fertig. Es ist beliebt, weil es einfach ist – und bisher stets erschwinglich war für eine Familie, die von 170 Pfund im Monat lebt, also etwa 20 Euro. Seit einigen Monaten ändert sich das aber. Reis wird teurer. Die Preise steigen auch für Nudeln und Linsen und jene Vollkorn-Brotfladen, die Hosni Mubaraks Regierung seit Jahren subventioniert und günstig verteilen lässt. »Bald werden meine Kinder und mein Mann nicht mehr satt«, sagt Hind. »Und etwas Billigeres als Brot und Reis finde ich nicht.«

Vor zehn Tagen kam es deshalb zur Explosion in Kairo. Hinds Mann war mit dabei. Plötzlich schlug der stille Frust in erbitterten Ärger um. Breite Proteste flammten auf gegen die Teuerung. Erst gingen die Arbeiter einer großen Textilfabrik in den Ausstand. Dann war überall die Polizei zu sehen. Viele Arbeiter wurden mit Drohungen und Schlagstöcken zurück an die Werkbänke gezwungen, andere demonstrierten weiter. Steine flogen, Ladenfenster gingen zu Bruch, einige Menschen plünderten. Überall hätten Verletzte gelegen, sagt Hind, und in den Nachrichten war später von zwei Toten die Rede. Nach zwei Tagen war der Aufstand niedergeschlagen.

Hunger ist gefährlich. Für jene, die nichts zu essen haben – und manchmal auch für die Machthaber. Die ägyptische Regierung ist seit den Ereignissen der vergangenen zwei Wochen alarmiert: Proteste gegen die Nahrungsmittelknappheit waren für das Regime schon in den siebziger und achtziger Jahren bedrohlich geworden. Doch Ägypten ist nicht allein. Schon Anfang 2007 gingen in Mexiko 75.000 Menschen auf die Straße, um gegen hohe Tortilla-Preise zu demonstrieren. Seither hat es so etwas immer wieder gegeben. Kürzlich erst kam es zu Demonstrationen und Massenverhaftungen im Senegal und in der Elfenbeinküste. Dutzende Bürger starben in Kamerun nach Streiks und Plünderungen. Ein Generalstreik legte Burkina Faso lahm, es gab Krawalle in Bangladesch. In Haiti brannten Barrikaden, die Regierung steckt in der Krise.

Die Preise für Weizen und Reis sind doppelt so hoch wie vor einem Jahr

Schlagartig hat sich das Bild des Hungernden gewandelt – vom apathischen Flüchtling in einer Dürrezone zum randalierenden Plünderer in einem Großstadt-Slum. Mit einem Mal ist der Hunger nicht mehr eine Frage des Mitleids und der Spendenbereitschaft für die Wehrlosen der Welt, sondern ein politischer Faktor, eine Gefahr für Frieden und Stabilität. Die Weltbank schätzt, dass in 33 Ländern Hungersnöte drohen und daher auch Unruhen und Aufstände. Manche »Regierungen werden den dramatischen Anstieg des Reispreises nicht überleben«, glaubt Muhammad Yunus, der Gründer der Armenbank Grameen und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2006. »Das können Sie noch so gründlich erklären, die Bürger vergeben es nicht.«

Derzeit gibt es eine Menge zu erklären. Jahrzehntelang waren Reis, Weizen und überhaupt die Grundnahrungsmittel billiger geworden. Seit Mitte der siebziger Jahre fielen die Preise um drei Viertel. Das half dabei, den Hunger in der Welt zurückzudrängen. Komplett gelang das nie. Doch immerhin konnten Entwicklungspolitiker und -organisationen Ende des 20. Jahrhunderts berichten: Am Mangel an Nahrung liegt es nicht mehr. Hunger, das sei jetzt vor allem eine Frage der Verteilung der Lebensmittel.

Doch seit 2002 hat sich der Trend umgekehrt: Grundnahrungsmittel werden teurer, besonders dramatisch in den vergangenen zwei Jahren. Hierzulande wird diese Entwicklung auch schon besorgt debattiert, sie löst Inflationsängste aus und gelegentliches Geschimpfe über steigende Preise beim Bäcker und im Butterregal. Anderswo auf der Welt geht es um Leben und Tod. Schon Ende 2007 konnten sich 880 Millionen Menschen nicht genug Essen kaufen Und jetzt? Sind es eine Milliarde Menschen oder mehr, schätzt man. Die FAO, die Ernährungsorganisation der UN, prognostizierte am vergangenen Freitag, dass allein die Getreideimporte der ärmsten Länder im laufenden Jahr noch einmal um 56 Prozent teurer würden. Ende März seien die Preise für Weizen und Reis schon »doppelt so hoch wie zur gleichen Zeit im Vorjahr« gewesen, teilten die FAO-Statistiker mit, »der Preis für Mais lag um ein Drittel höher«.

Was ist da schiefgelaufen? Die Experten sagen: Wir sind uns nicht einig. Die Märkte hätten verrückt gespielt, vermuten die Optimisten, angestachelt durch eine Serie von Missernten und Dürren und verstärkt durch Spekulanten an den Warenterminbörsen. Bald werde sich die Sache einpendeln.

Nein, hier gehe eine Ära zu Ende, entgegnen Pessimisten. Die Panik der Markthändler sei auch auf lange Sicht gerechtfertigt: Erträge aus der Landwirtschaft könne man kaum noch ausreichend steigern, Ackerflächen und Wasser würden knapp, der Klimawandel vernichte mehr Ernten denn je. Mit großer Verspätung werde nun die berühmte Prophezeiung des englischen Sozialforschers Thomas Malthus wahr, der 1798 vorausgesagt hatte: Die Produktion von Nahrungsmitteln könne unmöglich mit dem Wachstum der Menschheit Schritt halten.