Nahrungskrise Noch hungern nur die Armen
In Ägypten bedroht der Protest gegen Hunger die Regierung, auf den Philippinen müssen Soldaten die Reissäcke bewachen. Ein Report über die Ursachen der Nahrungsnot, Lösungen des Problems – und die Folgen für das reiche Europa
Die junge Frau hat sich mit dem Namen Hind vorgestellt. Man redet sich mit dem Vornamen an, hier in Kairo, und vielleicht ist es in der nervösen Stimmung dieser Tage auch ratsam, nicht jedermann seinen Nachnamen preiszugeben. Hind ist 32 Jahre alt und Hausfrau, mit einem Textilarbeiter verheiratet. Sie trägt ein locker gebundenes grünes Kopftuch und ist an diesem Morgen früh zum Einkaufen aufgebrochen. »Ich laufe immer an den Bäckereien vorbei, die französisches Weißbrot verkaufen«, sagt sie. »Wir können nicht im Traum daran denken, es zu kaufen.«
In Hinds Haushaltsplan für den Mann und ihre drei Kinder tauchen weder Weißbrot noch Fleisch oder andere Extravaganzen auf. Sie kocht meist Reis mit Nudeln. Darüber ein paar Dosentomaten und Kichererbsen, schon ist das ägyptische Nationalgericht Koshari fertig. Es ist beliebt, weil es einfach ist – und bisher stets erschwinglich war für eine Familie, die von 170 Pfund im Monat lebt, also etwa 20 Euro. Seit einigen Monaten ändert sich das aber. Reis wird teurer. Die Preise steigen auch für Nudeln und Linsen und jene Vollkorn-Brotfladen, die Hosni Mubaraks Regierung seit Jahren subventioniert und günstig verteilen lässt. »Bald werden meine Kinder und mein Mann nicht mehr satt«, sagt Hind. »Und etwas Billigeres als Brot und Reis finde ich nicht.«
Vor zehn Tagen kam es deshalb zur Explosion in Kairo. Hinds Mann war mit dabei. Plötzlich schlug der stille Frust in erbitterten Ärger um. Breite Proteste flammten auf gegen die Teuerung. Erst gingen die Arbeiter einer großen Textilfabrik in den Ausstand. Dann war überall die Polizei zu sehen. Viele Arbeiter wurden mit Drohungen und Schlagstöcken zurück an die Werkbänke gezwungen, andere demonstrierten weiter. Steine flogen, Ladenfenster gingen zu Bruch, einige Menschen plünderten. Überall hätten Verletzte gelegen, sagt Hind, und in den Nachrichten war später von zwei Toten die Rede. Nach zwei Tagen war der Aufstand niedergeschlagen.
Hunger ist gefährlich. Für jene, die nichts zu essen haben – und manchmal auch für die Machthaber. Die ägyptische Regierung ist seit den Ereignissen der vergangenen zwei Wochen alarmiert: Proteste gegen die Nahrungsmittelknappheit waren für das Regime schon in den siebziger und achtziger Jahren bedrohlich geworden. Doch Ägypten ist nicht allein. Schon Anfang 2007 gingen in Mexiko 75.000 Menschen auf die Straße, um gegen hohe Tortilla-Preise zu demonstrieren. Seither hat es so etwas immer wieder gegeben. Kürzlich erst kam es zu Demonstrationen und Massenverhaftungen im Senegal und in der Elfenbeinküste. Dutzende Bürger starben in Kamerun nach Streiks und Plünderungen. Ein Generalstreik legte Burkina Faso lahm, es gab Krawalle in Bangladesch. In Haiti brannten Barrikaden, die Regierung steckt in der Krise.
Die Preise für Weizen und Reis sind doppelt so hoch wie vor einem Jahr
Schlagartig hat sich das Bild des Hungernden gewandelt – vom apathischen Flüchtling in einer Dürrezone zum randalierenden Plünderer in einem Großstadt-Slum. Mit einem Mal ist der Hunger nicht mehr eine Frage des Mitleids und der Spendenbereitschaft für die Wehrlosen der Welt, sondern ein politischer Faktor, eine Gefahr für Frieden und Stabilität. Die Weltbank schätzt, dass in 33 Ländern Hungersnöte drohen und daher auch Unruhen und Aufstände. Manche »Regierungen werden den dramatischen Anstieg des Reispreises nicht überleben«, glaubt Muhammad Yunus, der Gründer der Armenbank Grameen und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2006. »Das können Sie noch so gründlich erklären, die Bürger vergeben es nicht.«
Derzeit gibt es eine Menge zu erklären. Jahrzehntelang waren Reis, Weizen und überhaupt die Grundnahrungsmittel billiger geworden. Seit Mitte der siebziger Jahre fielen die Preise um drei Viertel. Das half dabei, den Hunger in der Welt zurückzudrängen. Komplett gelang das nie. Doch immerhin konnten Entwicklungspolitiker und -organisationen Ende des 20. Jahrhunderts berichten: Am Mangel an Nahrung liegt es nicht mehr. Hunger, das sei jetzt vor allem eine Frage der Verteilung der Lebensmittel.
Doch seit 2002 hat sich der Trend umgekehrt: Grundnahrungsmittel werden teurer, besonders dramatisch in den vergangenen zwei Jahren. Hierzulande wird diese Entwicklung auch schon besorgt debattiert, sie löst Inflationsängste aus und gelegentliches Geschimpfe über steigende Preise beim Bäcker und im Butterregal. Anderswo auf der Welt geht es um Leben und Tod. Schon Ende 2007 konnten sich 880 Millionen Menschen nicht genug Essen kaufen Und jetzt? Sind es eine Milliarde Menschen oder mehr, schätzt man. Die FAO, die Ernährungsorganisation der UN, prognostizierte am vergangenen Freitag, dass allein die Getreideimporte der ärmsten Länder im laufenden Jahr noch einmal um 56 Prozent teurer würden. Ende März seien die Preise für Weizen und Reis schon »doppelt so hoch wie zur gleichen Zeit im Vorjahr« gewesen, teilten die FAO-Statistiker mit, »der Preis für Mais lag um ein Drittel höher«.
Was ist da schiefgelaufen? Die Experten sagen: Wir sind uns nicht einig. Die Märkte hätten verrückt gespielt, vermuten die Optimisten, angestachelt durch eine Serie von Missernten und Dürren und verstärkt durch Spekulanten an den Warenterminbörsen. Bald werde sich die Sache einpendeln.
Nein, hier gehe eine Ära zu Ende, entgegnen Pessimisten. Die Panik der Markthändler sei auch auf lange Sicht gerechtfertigt: Erträge aus der Landwirtschaft könne man kaum noch ausreichend steigern, Ackerflächen und Wasser würden knapp, der Klimawandel vernichte mehr Ernten denn je. Mit großer Verspätung werde nun die berühmte Prophezeiung des englischen Sozialforschers Thomas Malthus wahr, der 1798 vorausgesagt hatte: Die Produktion von Nahrungsmitteln könne unmöglich mit dem Wachstum der Menschheit Schritt halten.
- Datum 17.04.2008 - 04:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17
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Es war der Brotpreis, 1789, oder?Hoffen wir mal, dass aus der Not noch eine Tugend wird und wir es global hinkriegen, die Landwirtschaft wieder auf die Beine zu stellen - Mikrobewässerungssysteme etc., wie im Artikel angedeutet.Und dass dem Spekulieren mit Nahrungsmitteln ("Mais-Zertifikat", "Weizen open ended...") ein Riegel vorgeschoben wird. "Hunger ist auch Krieg!" (Willy Brandt)
Ich habe den Artikel mit großen Interessen und einiges dazu gelernt. Für mich war es immer verwunderlich, warum China und Indien als Verursacher der Nahrungskrise hingestellt werden, was gar nicht der Tatsache entspricht. Die Nahrungskrise hat viele Facetten. Ich hoffe, dass die westliche Länder auch umdenken und ihre Agra-Politik korrigieren. Sie können viel leisten, die Krise zu überwinden.
Wenn Spekulanten in einen brechenden Dollarraum von einer Blase zur nächsten springen und Banken unkaputtbar geworden sind, weil ihr Fall eine Kettenreaktion in Gang bringen würde die eh nur verschoben ist. Wenn die Marktwirtschaft durch Monopole gebogen und verzerrt wird und unsere Demokratie auf einmal Scheibchenweise zur Disposition steht. Nur weil Ali und die vierzig Räuber auf Wanderscaft sein sollen.An realer Nahrung gibt es genug und es gibt keine vernüftigen Grund dies in den Tank zu würgen.Da Elektroauto ist die Zukunft aber auch nicht mehr als PS Monster.blog.freigeldpraktiker.de Marktwirtschaft ohne Kapitalismus in Radixdemokratie
Hieß es nicht vor wenigen Jahren noch, man bräuchte die globale Arbeitsteilung? Dass in der 3. Welt die Nahrungsmittel produziert würden, in den Schwellenländern Industrieprodukte und in den westlichen Staaten dann der Vertrieb und die Rechtsabteilungen säßen und man dort lediglich 'Dienstleistungen' erbringen würde?Nun - dieses Konzept hat einen gravierenden Nachteil, geht es doch von dauerhaft niedrigen Energiepreisen und damit Transportkosten sowie funktionierenden Fernhandelswegen aus. Ist dies - aus welchen Gründen auch immer - nicht gewährleistet, bricht das ganze System wie ein Kartenhaus in sich zusammen, weil es aus elementaren wechselseitigen Abhängigkeiten besteht.Welche Rückschlüsse kann man nun daraus ziehen? Ich meine, wir müssen weg von den globalen Abhängigkeiten und die Überlebensfähigkeiten - und hier meine ich die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln - der einzelnen Regionen sichern. Der weltweite Handel kann die Grundversorgung einer Region ergänzen - nicht aber ersetzen.
"...verstärkt durch Spekulanten an den Warenterminbörsen...verstärkt noch von Spekulanten, die Grundnahrungsmittel horten und auf weiter steigende Preise setzen.... Das Anlegermagazin Focus Money lockte auf seiner Titelseite mit »exzellenten Gewinnchancen« bei den »neuen Superrohstoffen..."Ein objektiver und kritischer Bericht zum Thema in der ZEIT?Und dann wird auch noch das Märchen vom "hungrigen Riesen" China, der dafür sorgt daß hier die Lebensmittelpreise steigen, als die Lüge, die es ist, denunziert???"Andere Szenarien der Schwarzmaler sind hingegen unglaubwürdig. Etwa die Bedrohung durch den chinesischen Heißhunger."Wer hat denn da gepennt in der Redaktion? Da kommt doch jetzt bestimmt ein böses Fax von Bertelsmann!Und weils gestern so schön war noch mal die Links zur Warenterminbörse in Chikago...dem Ort, wo der Hunger von morgen schon heute gehandelt wird!Mais: http://cbotdataexchange.i...Weizen: http://cbotdataexchange.i...Reis: http://cbotdataexchange.i...Auf die 5-Jahres-Übersicht gehen, und beobachten, wie die Preise Fahrt aufnahmen...recht synchron mit Beginn und Fortschreiten der Kreditkrise Mitte/Ende 2007.Die besten 10 Hedgefonds-Manager der Welt verdienten 2007 zusammen alleine 13 Milliarden Dollar.http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,547700,00.htmlWohlgemerkt: das ist nur der VERDIENST...wenn ich den mal HOCH ansetze, sagen wir 20% des vom Hedgefonds gemachten Gewinns, würde das bedeuten, daß die betreffenden Fonds 2007 ca. 65 Milliarden Dollar Gewinn gemacht hätten.Wenn ich diesen Gewinn beziffere als wiederum ca. 20% der Einlagen der Fonds, komme ich alleine für die von diesen Leuten verwalteten Fonds auf Einlagen von ca. 320 Milliarden Dollar...vagabundierendes Kapital, Spielgeld der Reichen, das rund um den Globus auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten ist...egal, wer dafür bluten muss.Mahlzeit zusammen.
Schöner Artikel der, zeigt, was für politische Pfeifen uns derzeit regieren. Die tröten nämlich immer noch in jedes Mikro, das Deutschland eine Dienstleistungsgesellschaft werden müsse und das Informationen unser bestes Exportgut wären etc...Nun, Dienstleistung betreiben vor allem die Länder, die momentan mit Hunger zu kämpfen haben und Informationen kann man nicht essen-da das so ist, kann man für Informationen auch keine hohen Preise verlangen, wenn man auf existenzielle Nahrungsmittellieferungen angewiesen ist.Anstatt also den leeren Osten mit irgendwelchen subentionierten Bastelhallen für Besserfinnen vollzupflastern wäre es dringend geboten, die freien Landstriche auf Agrarwirtschaft und Nahrungsmittelfertigung umzustellen. Da wären dann eine Menge Arbeitsplätze, die auch dauerhaft bestehen können und werden.
Darum möchte ich meine Meinung auch nicht als "Tatsache" hinstellen. Ich finde aber wir müssen schon trennen was bei den Nahrungsmittelpreisen von Politik getrieben wird (vom Biosprit bis hin zu verfehlter Agrarpolitik etc.) und der schieren Knappheit aufgrund des weiter ungezügelten Bevölkerungswachstums auf dem Planeten Erde!Ich habe gelesen die Nahrungsknappheit hat sich angekündigt weil bereits seit 3 Jahren auf der Erde mehr Nahrungsmittel verbraucht als geerntet wurden. Die zuvor noch gut gefüllten Getreidelager etc. haben sich seit 2005 kontinuierlich geleert. Auch bei uns! Warum gestehen wir uns nicht ein das es Grenzen des Wachstums gibt - auch des Bevölkerungswachstums. Sicher, temporär hat die Krise auch andere Ursachen und lässt sich durch die Politik bewältigen. Aber doch nie und nimmer langfristig! Wenn die Bevölkerung bis 2050 auf über 9 Milliarden steigt wie von der UN vorhergesagt und gleichzeitig der Klimawandel noch mehr Dürren etc. verursachen wird... dazu brauch man wirklich kein Experte sein um zu sehen das es da eine physische Lücke gibt die sich auch nicht durch Politik, Umverteilung und derlei Phrasen schließen lässt. Gott behüte ich proklamiere nicht Bevölkerungskontrolle aber es sollte von der UN auf der ganzen Erde eine Familienpolitik gefördert werden die es nicht notwendig macht das eine Familie 10 Kinder bekommt - in armen Ländern ist dass darum oft so weil die Familie die Kinder als Arbeiter braucht um das Familieneinkommen zu erwirtschaften und die Eltern haben auch keinerlei staatlich Organisierte Absicherung da diese Länder ständig am Rande der Anarchie stehen und müssen sich darum darauf verlassen von den Kindern getragen zu werden. Und da das in einem Verhältnis 1:1 weder bei uns funktioniert (siehe unsere explodierenden Rentenausgaben) noch dort sind die Leute fast "gezwungen" viele Kinder zu bekommen -> Bevölkerungsexplosion!
Wie oft muss man es eigentlich noch wiederholen? Deshalb noch einmal in ganz volkstümlichen Worten: Es gibt auf dem Globus noch für alle genug. Aber es gibt von einer einzigen Sache viel zu viel: nämlich die kreuz und quer rollenden Dollarwellen, unter denen der ganze Globus zu ersaufen droht. Diese Dollar-Tsunamis werden von den zunehmend bangen Versuchen ausgelöst, die ruinierte usamerikanische Volkswirtschaft einigermaßen über Wasser zu halten. 1917 und 1941 halfen dabei die treuen Deutschen. Später das Reich des roten Bösen. Heute nur noch die Notenpresse mit ein bisserl "islamistische Terroristen".Die Geldtsunamis - früher "Petrodollars" geheißen - eigentlich wertloser Plunder, der eines Tages genau so in Rauch aufzugehen droht, wie die noch einmal vorgeschobenen Hypotheken, suchen sich stabile Anlagewerte. Blöd ist, dass praktisch schon alles, was für Geld zu haben ist, verzockt wurde. Dass irgendwann auf Ernten in Namibia oder sonstwo gewettet werden würde, war vorauszusehen. Und natürlich auch die damit verbundene Preissteigerung. Mit welcher entlohnten Ignoranz oder vielleicht auch Stupiditas die Zusammenhänge dem "breiten Volk" vorenthalten werden, ist schon bemerkenswert.
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