Olympia "Man muss Zeichen setzen"

Franziska van Almsick trat bei vier Olympischen Spielen an, ohne über die politischen Hintergründe nachzudenken. Das ist jetzt anders. Ein Interview

Die ZEIT: Frau van Almsick, wo werden Sie sich die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ansehen?

Franziska van Almsick: Ich werde auf alle Fälle in Peking sein, ich arbeite dort für die ARD als Kokommentatorin. Eigentlich hatte ich auch vor, zur Eröffnungsfeier ins Stadion zu gehen.

ZEIT: Eigentlich?

van Almsick: Eigentlich heißt, dass ich es aufgrund der Geschehnisse in Tibet noch nicht abschließend entschieden habe.

ZEIT: Heißt das, Sie haben Verständnis für die eine oder andere Kollegin, die sagt, dass sie bei der Eröffnungsfeier aus Protest nicht dabei sein wird?

van Almsick: Ich finde, dass man schon Zeichen setzen muss. Mich ärgert nur, dass das wieder zulasten von Leuten geht, die eigentlich nur ihren Sport machen wollen.

ZEIT: Fühlten Sie sich als Sportlerin von den Herren des IOC immer gut vertreten?

van Almsick: Als Athlet macht man sich weniger Gedanken darüber. Heute verfolge ich politische Dinge intensiver. Mir war es als Sportler völlig egal, ob ich in Peking, Sydney oder Athen bin; Hauptsache, ich war bei den Olympischen Spielen dabei. 2001, als China die Spiele zugesprochen bekam, war ich Mitte zwanzig und habe mich, ehrlich gesagt, nicht viel darum gekümmert. Heute denke ich: Die Herren im IOC, die das entschieden haben, sollten gewusst haben, was sie tun. Scheinbar hat niemand daran gedacht, dass es so weit kommen würde, wie es nun gekommen ist.

ZEIT: Oft heißt es, die Olympischen Spiele seien das Größte für einen Sportler. Warum ist Olympia so besonders?

van Almsick: Die Atmosphäre im Olympischen Dorf ist einfach gigantisch. Du hast Zugang zu einem Ort, an dem sich zwei- bis viertausend Sportler treffen, in der Mensa zusammen essen. Es laufen Stars wie der Sprinter Frankie Fredericks an dir vorbei, die du als Sportler selber nur aus dem Fernsehen kennst.

ZEIT: Sie haben dem Schwimmen zuliebe große Opfer gebracht. Hat sich die ganze Plackerei für Sie gelohnt?

van Almsick: Ja. Die, die ich heute bin, bin ich durch meinen Sport. Ich meine dabei nicht die Prominenz. Ich meine den Typ Mensch, der ich heute bin; ehrgeizig, sehr diszipliniert, verrückt, spontan, manchmal auch chaotisch.

ZEIT: Formt der Sport besondere Leute?

van Almsick: Ich glaube, ja. Aber man lernt durch den Sport auch Eigenschaften, die einem später ab und zu auch mal auf die Füße fallen. Beispiel: Geduld. Ich war in meinem Sport immer messbar. Es ging entweder einen Schritt vorwärts oder einen Schritt zurück. Ich habe gelernt, dass die Sachen immer an mir hängen, dass ich für mich und mein Glück verantwortlich bin. Die Niederlagen muss ich verantworten, die gehen mit mir nach Hause.

ZEIT: Haben Sie nie erwogen, in dem Kampf um Hundertstelsekunden Ihrem Körper nachzuhelfen? Gab es diese Situation, in der Ihr Trainer Sie auf die Möglichkeit von Doping ansprach?

van Almsick: Nein. Ich habe in meinem Leben bestimmte Sachen nie gemacht aus Angst davor, in Versuchung zu kommen. Ich habe nie auf den Wecker gedrückt und mich umgedreht, um weiterzuschlafen. Ich bin immer aufgestanden, wenn der Wecker geklingelt hat, und bin zum Training gegangen. Ich habe nie beschissen, weil ich dachte, wenn ich einmal betrüge, mich oder andere, dann betrüge ich immer wieder.

ZEIT: Für Ihre Trainer konnten Sie immer die Hand ins Feuer legen?

van Almsick: Ich habe nie etwas genommen, was mein Trainer mir einfach so gegeben hat. Ich habe mich immer erkundigt und mit Ärzten gesprochen. Ich habe nie etwas genommen, von dem ich nicht wusste, was drin ist.

ZEIT: Wann haben Sie entschieden, endgültig Schluss zu machen?

van Almsick: Ich wollte immer auf dem Gipfel meines Erfolges aufhören, und der war ja eigentlich 2002. Der Gang zur Europameisterschaft war für mich, wenn ich das bildlich beschreibe, wie der Gang zum Schafott. Ich hatte da fünf ganz furchtbare Jahre hinter mir. Nur eine Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000, dann 2001 der Bandscheibenvorfall. Also bin ich 2002 zur Europameisterschaft gefahren und habe nur gedacht, wenn ich nochmals scheitern sollte, dann will ich von dem Ganzen nichts mehr wissen. Es war wirklich der letzte Versuch, ohne Hintertürchen. Und dann war es ja gigantisch. Weltrekord!

ZEIT: Plötzlich dachten Sie, die zwei Jahre bis zu Olympia in Athen schaffe ich auch noch?

van Almsick: Genau. Da erfasste mich wieder die Magie von Olympischen Spielen, diesen letzten Versuch musste ich starten, dieses olympische Gold musste doch irgendwie zu machen sein. Gleichzeitig war mir klar, dass dann wirklich Schluss sein würde. Also begann ich damit, mich zu verabschieden, beim Trainingslager in der Sierra Nevada beispielsweise von den Bergen ringsum. Wenn ich alles zusammenzähle, bin ich sicher zwei Jahre meines Lebens in der Sierra Nevada auf 2400 Meter Höhe im Trainingslager gewesen. Vor den Olympischen Spielen hatte ich zum ersten Mal da oben das Gefühl, dass es schön war, da zu sein, weil ich mich von jeder Mülltonne verabschiedet habe, weil ich mir geschworen habe, nie wieder die Sierra Nevada zu betreten. Und dann kam der 17. August 2004, ich bin meinen 200-Meter-Freistil geschwommen, und danach war das Ding für mich gegessen.

ZEIT: Ihre Beschreibung eines Dramas?

van Almsick: Es war damals tragisch und dramatisch für mich. Ich war in der Form meines Lebens, und es ging gar nichts. Ich habe mir damals das Wort »Schicksal« auf den Rücken tätowieren lassen. Ich glaube an das Schicksal. Und wenn ich jetzt zurückschaue, finde ich, dass es richtig war, wie alles gekommen ist. Es hat mir gutgetan, das olympische Gold nie erreicht zu haben. Ich bin ein anderer Mensch, weil ich nie das Größte erreicht habe, was ich mir immer gewünscht habe.

ZEIT: Sonst wären Sie abgehoben?

van Almsick: Jedenfalls bin ich so demütig wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen. Ich habe in meinem Leben viel erreicht, aber das wird relativiert, wenn man anerkennen muss, dass man bestimmte Sachen in seinem Leben nicht geschafft hat. Wer sich das klargemacht hat, fühlt sich reifer und bewusster. Es lebt sich gut damit.

ZEIT: Wo bleiben Sie jetzt mit Ihrer ganzen Power, mit Ihrer mentalen Stärke und der Coolness? Gehen Sie joggen, bis Sie nicht mehr können?

van Almsick: Ich habe mittlerweile wieder das Gefühl, ich müsste mich mal endlich wieder straff bewegen. In den letzten anderthalb Jahren war ich wirklich etwas sportfaul.

ZEIT: Kein Schwimmen?

van Almsick: Überhaupt nicht mehr! Am Strand gehe ich auch ins Wasser, klar, aber da liege ich auf dem Rücken, strample ein bisschen mit den Beinen, versuche, nicht unterzugehen. Vor ungefähr einem Jahr war ich mal in einem Freibad. Mit dem Bäderland in Heidelberg habe ich ein Abkommen, dass ich, wenn ich möchte, eine Stunde vor den Öffnungszeiten dort schwimmen kann. Das habe ich im letzten Jahr gerade ein Mal geschafft. Ich war also dort, stand am Beckenrand und dachte, so, nun mal 200 Meter Freistil. Ich wäre unterwegs fast gestorben und weiß nicht, wie lange ich gebraucht habe. Ich habe angeschlagen und nur gedacht, das hast du doch nicht die letzten 20 Jahre gemacht!

ZEIT: Das klingt wie ein Schlussstrich und so erwachsen, dabei sind Sie gerade dreißig geworden.

van Almsick: Ich bin aufgewachsen in dem Bewusstsein: Alles, was ich kann, ist Schwimmen, und das kann ich besser als andere Leute. Dann denkt man schon darüber nach, was da noch kommen soll. Also ging mir die Frage durch den Kopf: Oh Gott, ist mein Leben jetzt zu Ende?!

ZEIT: War es das nicht auf eine bestimmte Weise?

van Almsick: Schon. Insofern war die Geburt meines Sohnes ein ganz entscheidendes Erlebnis. Nicht weil die Geburt so schön war, um Gottes willen. Nein, ich habe jetzt wieder das Gefühl, wenn ich ihn sehe: Es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt. Das ist das neue Leben.

ZEIT: Wo verwahren Sie eigentlich Ihre Medaillen und Pokale?

van Almsick: Ich hatte die immer in einem Karton, neulich habe ich sie rausgeholt und mal geputzt. Dabei ist mir aufgefallen, dass mir die Medaillen von Atlanta fehlen. Ich weiß nicht, wo die gerade sind. Es sind immerhin drei Stück.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Moritz Müller-Wirth

 
Leser-Kommentare
  1. Ich bewundere Frau van Almsick als eine großartige Schwimmerin und finde es gut, dass sie China mit ihren eigenen Augen ansehen wird. Ich bin mir sicher, dass das wahre China-Bild ein anderes ist, als das durch die Presse u.a. auch durch "die Zeit" vermittelt wird. Ich wünsche ihr, dass sie viele interessante Ereignisse in Peking und viele Erfolge zu melden hat.Ich finde allerdings sehr schade, dass "die Zeit" inzwischen alles recht ist, wenn man China ins negative Licht ziehen kann. So tief muß man wirklich nicht sinken. Das Gespräch mit Frau van Almsick ging hauptsächlich um ihr sportliches Leben. Der Teilnahme an der Eröffnungsfeier in Peking ist nur eine Randsache. Dafür wird eine Aussage von ihr als Title angegeben, um ein politisches Statement daraus zu machen. Ich glaube, dass dies dem Ansehen von Almisick schadet und zum Misverständnis mit den Chinesischen Kollegen führen kann, was für ihre Arbeit in Peking nicht förderlich ist. Da möchte ich wirklich gerne wissen, was für ein Zeichen hier gesetzt wurde.   

  2. manche kapieren es nie....ein Zeichen setzetn FÜR Menschenrechte, FÜR Pressefreiheit, FÜR den Schutz des geistigen Eigentums, FÜR Umweltschutz, etc.

  3. oder für Scherbigkeit.

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